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MAGAZIN // CURT BERICHTET

Das denkt die Gastro - Teil 1
Dienstag, 2. September 2008
Wir haben nachgefragt und die Bar- und Clubbetreiber erzählen ihre Meinung zu Lärmschutz, Nichtrauchergesetz, Nachtleben, Kultur und stillen Tagen. Im ersten Teil mit Oliver Förschner (Mach 1), Marcello Scrivano (Vorraum) und Stephan Schulz (Mata Hari Bar).

1. Bist du Raucher / Nichtraucher?
Oliver: Nichtraucher
Marcello: Raucher
Stephan: Nichtraucher

2. Wird in deiner Location geraucht / nicht geraucht?
Oliver:
Es gibt einen Raucherraum in Form eines Raucherclubs. Das ist sehr wichtig für uns, da sonst Hunderte von Leuten vor der Tür rauchen würden. Das würde 1.) viel Lärm verursachen und 2.) ständig den Ein- und Ausgang blockieren.
Marcello: Ja es wird wieder geraucht. Aufgrund von Anwohnerbeschwerden, dass nachts zu viele Leute vor dem Laden stehen und laut sind.
Stephan: Es wird nicht geraucht, da ein Raucherclub aus diversen Gründen Nachteile hätte: 1.) Bleiben Laufpublikum/Touristen weg, 2.) ist die Luft in dem kleinen Raum unerträglich, wenn, wie in Raucherclubs üblich, mehr Leute rauchen, als es vor dem Rauchverbot der Fall war und 3.) Verwaltungsaufwand, Mitgliedsliste/Kontrolle

3. Was hat sich für dich / deine Location seit Einführung des Nichtraucherschutzes zum 1.1.2008 geändert?
Oliver: Dank des Beitritts in den Raucherclub gar nicht so viel … In allen Räumen ist es rauchfrei und eben nur im Raucherraum wird geraucht. Das ist vor allem für die Nichtraucher eine super Lösung.
Marcello: Massive Anwohnerbeschwerden wegen Rauchern außerhalb des Ladens. Seit dem Wechsel zu einem Raucherclub vor knapp zwei Monaten mit Zutritt nur für Clubmitglieder: ein ungeheuerlicher Verwaltungsaufwand.
Stephan: Im Laden selbst ist es ehrlich gesagt sehr angenehm seitdem. Der große Nachteil ist natürlich die Situation vor der Bar. Man muss wesentlich öfter vor die Tür und für Ruhe sorgen, bzw. die Leute darum bitten die Getränke nicht mit vor die Tür zu nehmen. Am Wochenende übernimmt das bei uns der private Sicherheitsdienst, unter der Woche müssen wir das selbst tun.

4. Begrüßt du den neuen Nichtraucherschutz?
Oliver:
Eigentlich nicht, die Zigarette gehört irgendwie zum Feiern dazu, obwohl ich selbst strikter Nichtraucher bin. Aber mit der Lösung des Raucherraumes ist das Gesetz OK. Allerdings können das nur Gastrobetriebe umsetzen, die mehrere Räume zur Verfügung haben.
Marcello: Auf gar keinen Fall. Die „Lösung“ des Staates lag darin, das eine Extrem ins andere zu verschieben. Eine Lösung für beide Seiten gibt es wohl in anderen Bundesländern, aber wie immer nicht in Bayern.
Stephan: Ich finde es persönlich sehr angenehm, dass in meiner Location nicht mehr geraucht wird, denke aber, dass ich durchaus selbst dafür hätte sorgen können. Vorschriften, die die Selbstverwaltung meines Geschäfts einschränken, werde ich nie begrüßen.

5. Hast du seitdem vermehrt Probleme mit Anwohnern?
Oliver: Eigentlich nicht, da die meisten nicht vor der Tür, sondern im Raucherclub rauchen.
Marcello: Natürlich und auch verständlich. Das Problem ist: bei einer Kapazität (inklusive Club Stereo) von ca. 250 Gästen hat man einfach ab und zu auch mal über 100 Raucher vor der Tür. Seit wir ein Raucherclub sind, ist das Problem zum Glück dahin.
Stephan: In der Weißgerbergasse ist die Problematik mit den Anwohnern auch schon vor dem Rauchverbot sehr groß gewesen, deshalb sind die Nachbarn in gewisser Weise schon lärmerfahren. Dennoch gibt es natürlich hin und wieder Beschwerden, auch von Nachbarn, die sich bisher sehr ruhig verhalten haben. Der Grund ist logischerweise die von rauchenden Gästen verursachte Lärmbelästigung.

6. Trägt das veränderte Verhalten / Trinkverhalten vieler Jugendlicher deiner Meinung nach ebenfalls vermehrt zur Lärmproblematik bei?
Oliver: Selbstverständlich. Auch wenn ich das eigentlich als Anti-Alkoholiker gar nicht richtig beurteilen kann. Aber klar ist doch, dass betrunkene Leute sich nicht mehr so unter Kontrolle haben und sich somit auch lauter und rücksichtsloser verhalten.
Marcello: Auf jeden Fall, viele Jugendliche sitzen unweit der Lokalitäten mit mitgebrachten Spirituosen und Getränken rum und „glühen vor“. Dass die dann nicht nur trinken, sondern auch rumgrölen ist ja wohl klar.
Stephan: Sicherlich ist es auch ein großes Problem, dass viele, meist jüngere Gruppen, sich mit selbst mitgebrachten Getränken versorgen und somit, gerade in den warmen Monaten, natürlich mehr Zeit auf der Straße verbringen, als in den Bars. In der Weißgerbergasse ist dies allerdings nicht das ganz große Problem. Lästig sind eher die übermäßig vielen Junggesellenabschiede, die in den letzten Jahren vermehrt durch die Stadt ziehen und sich hauptsächlich auf der Straße vor den Bars aufhalten. Das ist teilweise mit einem sehr großen Lärmaufkommen verbunden.

7. Sollte man bei dem Versuch, die Problematik dauerhaft in den Griff zu bekommen, eine Kompromisslösung suchen (z.B. schlägt ja die CSU-Stadtratsfraktion vor, die Bar 77 im Einverständnis mit den Anwohnern bis 3h, statt bis 5h offen zu lassen)?
Oliver:
Besser natürlich eine Kompromisslösung als eine radikale Verlängerung der Sperrzeit. Aber eigentlich sollten in einer Großstadt die Sperrzeiten gar nicht verlängert werden. Wenn um 1 Uhr die Gehsteige hochgeklappt werden, war's das für Nürnberg irgendwann mit der Bezeichnung Großstadt oder Metropole.
Marcello: Eine Kompromisslösung ist unserer Meinung nach immer die beste Lösung, doch eine Einschränkung der Sperrzeit finden wir auch existenzgefährdend. Man könnte damit argumentieren, dass man ja früher aufmacht, aber es ist leider Fakt, dass in Nürnberg nun mal keiner vor 23 Uhr weggeht, und um 3 Uhr die meisten Läden noch voll sind. Man würde somit die Existenz der Betreiber gefährden und viele Arbeitsplätze wären in Gefahr.
Natürlich können wir verstehen, dass die Anwohner ihre Nachtruhe genießen möchten, aber ehrlich gesagt können wir auch nichts machen wenn wir uns um 6:00 Uhr morgens ins bett legen und ab 7:00 Uhr morgens der Presslufthammer der Baustelle nebenan bis 21:00 Uhr abends hämmert. Wir sind Betriebe wie jeder andere auch, nur haben wir eben nachts geöffnet.
Stephan: Das ist vielleicht für einzelne Locations sinnvoll, die aus welchem Grund auch immer, massive Probleme haben, aber das kann keine stadtweite Lösung sein.

8. Wie würdest du entscheiden, wenn du Richter wärst und die Wahl zwischen Innenstadtgastronomen und Anwohnern, die sich vom Lärm belästigt fühlen, hättest?
Oliver:
Ganz klar für die Gastronomen. Wie gesagt, zu einer Innenstadt einer Großstadt gehört eine lebendige Bar- und Clubkultur einfach dazu. Und das sollte jedem bewusst sein, der in die Innenstädte zieht. Wer seine Ruhe haben will sollte lieber an den Waldrand ziehen, da braucht er dann keine Angst vor lauten Kneipen zu haben.
Marcello: Gastronomie zahlt Steuern, Gastronomie schafft Arbeitsplätze, Gastronomie ist ein Hotspot für Touristen oder Messegäste. Ich muss hier leider parteiisch sein und die Anwohner bitten, wegzuziehen.
Stephan: Der gesunde Menschenverstand sollte immer heißen: Wer zuerst kommt malt zuerst.
Langjährige Anwohner, denen eine neue Location vor die Nase gesetzt wird, oder bei denen eine Location ihre Nutzung grundlegend ändert, haben natürlich gewisse Rechte. Aber niemals sollte sich ein neu dazu gezogener Bewohner über bestehende Gastronomie beschweren dürfen, die ihr Konzept nicht verändert hat.
Grundsätzlich muss ein Bewohner der Innenstadt aber mit wesentlich mehr Emissionen leben können.

9. Muss man einen gewissen Grundlärm als Innenstadtanwohner in Kauf nehmen?
Oliver:
Das habe ich quasi schon beantwortet. Zu 100% ja. Das betrifft ja nicht nur den Lärm einer Gastronomie, der eigentlich sowieso eher gering ist, sondern ganz allgemein: Straßenlärm, Lärm bei Großveranstaltungen, etc. Das gehört eben zu einer Stadt dazu. Ich wünsche den Leuten die sich über Lärm in Nürnberg aufregen, dass sie irgendwann mal nach Shanghai oder New York ziehen müssen. Dann werden sie Nürnberg vielleicht auch mal anders sehen…
Marcello: Auf jeden Fall.
Stephan: Definitiv ja!

10. Könntest du dir vorstellen, in der Innenstadt in unmittelbarer Umgebung einer gut frequentierten Bar / Disco zu wohnen?
Oliver:
Ich wohne in der Innenstadt, zwar nicht gleich neben einer Bar oder Disco… Aber klar, kein Thema. Ich könnte sogar in einem Club wohnen.
Marcello: Momentan ja. Wenn wir etwas älter sind, würden wir aber eine ländlichere und ruhigere Gegend bevorzugen. Zum Glück sind wir noch jung...
Stephan: Vorstellbar, natürlich. Ich würde mir aber die Situation erst einmal ansehen, bevor ich dort einziehe. Denn Grenzen gibt es natürlich schon. Aber wie gesagt, dass wüsste ich ja dann vorher.

11. Wird deiner Meinung nach durch die derzeitige Debatte das Image der Stadt und des modernen kulturellen Lebens in Nürnberg beschädigt?
Oliver: Durch die Diskussion alleine sicher noch nicht, aber sobald solche Regelungen einer harten Sperrzeitverlängerung durchgesetzt werden leidet die ganze Stadt darunter.
Für junge Leute von auswärts wird es dann sicher weniger interessant werden, zum Weggehen nach Nürnberg zu fahren.
Marcello: Auf jeden Fall. Der Franke gilt im Rest der Republik sowieso als verbohrt und alteingesessen und mit solch lächerlichen Auflagen, die es in keiner anderen Stadt gibt, machen wir uns zum Gespött der Nation. Wenn wir mit Leuten aus Köln, Hamburg oder Berlin sprechen, denken die, dass wir Grimms Märchen vorlesen.
Stephan: Wenn die Stadt tatsächlich den im Raum stehenden Plan durchsetzt, wird das einen fatal großen Imageschaden nach sich ziehen. Touristen aus Städten wir Hamburg, Berlin, Köln, ja selbst Leipzig und Dresden lachen uns doch jetzt schon aus.

12. Hast du das Gefühl, die Stadt stellt sich explizit auf die Seite der Anwohner, oder zeigt sie auch Verständnis für die Gastronomie?
Oliver:
Das kann ich schwer sagen, dazu kenne ich die Einzelfälle nicht gut genug. Aber wie gesagt, den Anwohnern sollte einfach bewusst werden, dass sie in einer Großstadt leben. Wenn sie damit nicht klar kommen: in Winkelhaid oder Ottensoos gibt’s bestimmt auch schöne Wohnungen.
Marcello: Tja was sollen wir sagen, eine Androhung der Sperrzeitverlängerung auf 1 Uhr nachts spricht Bände!!!!
Stephan: Man muss hierbei wohl zwischen den verschiedenen Ressorts unterscheiden. Im Moment hat es den Anschein, als würde (wie in Nürnberg allerdings normal) jeder machen, was er will.

13. Findest du es zeitgemäß, „stille Tage“ wie Allerheiligen (Halloween) oder den Volkstrauertag weiterhin zu pflegen und ein Tanz- und Musikverbot vorzuschreiben?
Oliver: Das ist das nächste Thema. Ich verstehe absolut nicht, warum das in Bayern so stark durchgesetzt wird. Ich denke in Zeiten der Meinungsfreiheit sollte jeder für sich entscheiden, ob er an solchen Tagen weggehen und tanzen will oder nicht. Und jeder der es nicht will, der kann doch gern zuhause bleiben. Aber man sollte es den Leuten nicht per Gesetz vorschreiben.
Marcello: In Zeiten von Religionsfreiheit sollte das jeder für sich selbst entscheiden können.
Stephan: Es kommt schon ein wenig altbacken daher, aber wenn das die einzigen Einschränkungen bleiben würden, könnten wir wohl damit leben. Ärgerlich ist es im November, weil da in der Regel gleich drei Wochenenden hintereinander betroffen sind und natürlich gerade an Halloween, wobei ich diesen Kult ohnehin nicht unbedingt brauche.

14. Welche Funktion haben für dich eine Spiegelkugel und ein DJ in einer Bar?
Oliver:
Spiegelkugeln dienen halt als Dekoelemente, vor allem in einer Bar. Und mit DJ sieht es halt besser aus, als wenn die Musik nur vom Mixtape kommt. Der DJ ist also auch eher Deko. Deswegen tanzen sicherlich keine Leute in einer Bar. Schon allein wegen der geringeren Lautstärke nicht.
Marcello: Deko!!!
Stephan: Die Spiegelkugel sehe ich als einen reinen Dekorationseffekt, der die Stimmung in der Bar etwas auflockert, weg vom tristen Pilsbar-Image. Der DJ ist ein wichtiger Verbindungspunkt zum Gast. Man fühlt sich als Gast irgendwie mehr umsorgt, wenn da einer ist, der die Musikauswahl persönlich vornimmt und die Stimmung im Laden damit etwas lenken kann.

15. Wo ziehst du den Unterschied zum Discobetrieb?
Oliver: In Discotheken sieht es schon anders aus. Da ist der DJ natürlich da um die Leute zu rocken und die Spiegelkugel gehört eben auch irgendwie dazu.
Marcello: Der Unterschied ist eine Tanzfläche, die in den meisten Bars nicht vorhanden ist. Außerdem haben fast alle Discotheken eine sehr gute PA, Nebelmaschinen, Scanner und andere Effekte um das Tanzen zu verschönern
Stephan: Ein Discobetrieb hat eine gewisse Größe, hat in der Regel große Tanzflächen, wesentlich lautere, tanzbarere Musik und weniger Sitzmöglichkeiten als Clubs/Bars. Eine Spiegelkugel ist in jedem Fall kein Synonym für Disco.

16. Wie stehst du zur Vereinbarung bezüglich dem „Flatrate-Saufen“, bei der viele Gastronomen eingewilligt haben, keine alkoholischen Getränke mehr unter 1,50 Euro zu verkaufen?
Oliver:
Im Mach1 betrifft uns diese Problematik ohnehin gar nicht. Aber eigentlich verstehe ich auch diese Diskussion nicht ganz. Ich denke jeder, der billig Alkohol konsumieren möchte, kann dies auf ganz anderen Wegen tun. Schließlich gibt es an jeder Ecke einen Aldi und eine Tankstelle. Somit ist es meiner Meinung nach falsch auch hier den Gastronomen den Schwarzen Peter zuzuschieben.
Marcello: Sehr gut, auch wir sind Freunde von Qualität statt Quantität.
Stephan: Das ist eines der wenigen guten Dinge, die die Stadt Nürnberg in den letzten Jahren erwirkt hat. Das ist für das Niveau einer Stadt sehr wichtig, da sich die Nachtschwärmer vielleicht wieder mehr auf die kulturelle Vielfalt konzentrieren und nicht aufs pure „Saufen“. Für die Preisstabilität der „normalen“ Locations ist es ebenfalls vorteilhaft.

17. Was könnte man ansonsten noch in der Zusammenarbeit zwischen Stadt und Gastronomie verbessern?
Oliver:
Wie schon eingangs erwähnt, zu einer Großstadt gehören Bars und Clubs einfach dazu. Ebenso wie Großevents etc. Statt eines ewigen Gegeneinanders sollten lieber alle zusammenhalten, die einzelnen Gastronomen, Clubbetreiber und die Stadt und an einem Strang ziehen und gemeinsam Konzepte erarbeiten um die Stadt Nürnberg für junge Leute interessanter zu machen. Es ist kein Geheimnis, dass Nürnberg diesbezüglich in Umfragen oft schlecht abgeschnitten hat und für junge Leute als eine der langweiligsten Großstädte Deutschlands gilt. Und der Stadt Nürnberg sollte ja auch daran gelegen sein, dass sich das irgendwann einmal ändert.
Marcello: Welche Zusammenarbeit?
Stephan: Die Kommunikation allgemein. Die Stadt sollte viel mehr versuchen zwischen den Anwohnern und der Gastronomie zu vermitteln. Die Stadt sollte sich auch vermehrt selbst im Nachtleben bewegen, um sich ein eigenes Bild von der Lage machen zu können und sich nicht immer nur auf die Aussage einzelner Bewohner verlassen zu müssen.


www.mach1-club.de
www.vorraum.net
www.mataharibar.de


Interviews: Alexander Pahl, David Lodhi

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