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„Ich finde, die Stadt geht nicht mehr mit der Zeit“ |
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Dienstag, 26. August 2008 |
In Folge einer städtischen Auflage droht der Bar 77 die Sperrzeitverlängerung bis 1h. Begleitet von einer Protestwelle quer durch die Stadt. Der „77“ - Chef Alberto Ramirez erzählte uns die Geschichte und seine Sicht der Dinge.
Eine Bar, wie sie im 21. Jahrhundert in jeder Großstadt zu finden ist. Keine Disco. Dazu bräuchte es ja eine Tanzfläche. Im Keller gibt es zwar einen genehmigten „Veranstaltungsraum“, aber wegen dem gibt es keine Probleme. Im Erdgeschoss der Bar 77 am Weinmarkt türmt sich in der Mitte des Raumes, den pro Abend laut Alberto um die 250 Gäste (im Alter von 20 - 35 Jahren) durchlaufen, ein quadratischer Tresen, umgeben von Barhockern. Dann nach allen Seiten etwas Platz und sauber aufgereiht, stylische Retrositzgruppen. An den violetten Wänden drehen Discokugeln ruhig ihre dekorativen Bahnen. Das DJ-Pult im Spaceoutfit steht auf einem kleinen Podest. „In der modernen Gastro gehört ein DJ einfach dazu“, so Alberto. Wenn man einen Querschnitt durch das Nachtleben zieht, finden sich von der roten Bar über Downtown oder die Mata Hari Bar hin bis zur Zwinger Bar überall vor allem am Wochenende DJs. Ganz zu schweigen von alten Helden wie der legendären Wax Lounge am Hauptbahnhof, wo der (Bar-) DJ den Verlauf des Abends wesentlich steuern konnte und der Sound des damals im Keller beheimateten „Stereo Deluxe“- Labels seine ersten fränkischen Sternstunden erlebte.
Vor etwas mehr als einem Jahr begannen sich die Anwohnerbeschwerden über den Lärmpegel der „77“ zu häufen, es folgte im Sommer 2007 eine Abmahnung des Ordnungsamtes. Alberto lies aufwendig umbauen. Die Eingangstüre durchschreitet man seitdem in einen kleinen Vorraum, dem eine zweite Türe folgt, durch die man dann in die Bar gelangt. So sollte der Lärmpegel beim ein- und austreten verringert werden. Außerdem wurden die Bassboxen der Musikanlage entfernt, der eingebaute Limiter freiwillig höher gedreht, ein zweiter Türsteher eingestellt und sogar die Anwohner eingeladen, um ein gemeinsames Konzept zu besprechen, mit dem alle Seiten leben können. Es folgte ein in den ersten Monaten für alle Seiten zufriedenstellender Winter, sogar die Einführung des Nichtraucherschutzgesetztes zum Jahreswechsel machte sich anfangs kaum negativ bemerkbar.
Ab März dieses Jahres häuften sich die Beschwerden wieder. Der Frühling nahte und die durchschnittliche Verweildauer beim Rauchen vor der Türe nahm ob des besseren Wetters zu. Es kam, was kommen musste: die zweite Mahnung landete im Briefkasten. Inklusive der Androhung einer Sperrzeitverlängerung auf 1h. Alle Maßnamen (weiterer Türsteher, Vorhang zur Geräuschdämmung, Einlassverbot für Junggesellenabschiede, ...) halfen nichts, die Nachbarn bekamen kurz darauf vorläufig recht. Und das, obwohl es laut Alberto in den letzen 6-7 Wochen zu keinen nennenswerten Zwischenfällen in direktem Zusammenhang mit der „77“ kam. Aber es war bereits zu spät. Die Bewohner der umliegenden Häuser hielten mit Protokollen und Kamerabildern fast an jedem Öffnungstag fest, was sich vor der Bar tat. Egal ob hupende Autos, lärmende Junggesellen, betrunkene Kids oder potentielle Gäste. Alles wurde sauber aufnotiert und zulasten der „77“ bei den Behörden eingereicht.
Also vier Stunden früher. Und das in Zeiten, in denen sich das Weggehverhalten grundlegend verändert hat, die Leute später weggehen und länger bleiben. Wie groß sind die Überlebenschancen einer Bar, die zur „prime time“ dicht macht? Begleitend zur Sperrzeitverlängerung muss Alberto auf den DJ verzichten und die Discokugeln abnehmen. Mit einer Schank- und Speisekonzession ist das laut Behörden nicht erlaubt, er hätte dafür eine Discokonzession gebraucht. Auch ohne „Lichtorgel“. So laut seinen Angaben sowohl in der Abmahnung als auch in erster Instanz vor Gericht erwähnt, die er verlor. Zu den weiteren Argumenten der Richter zählten eine zu hohe Besucherfrequenz (im Vgl. könnte man ja auch ein Restaurant betreiben, da gäbe es dann nicht so viele Gäste, ergo auch nicht so viel Stress) und die Tatsache, dass man mit einem Konzept wie dem der „77“ das Ausgehverhalten der Leute prägen würde. Alberto hat zwar Revision beim Verwaltungsgericht eingelegt, sieht aber kaum Chancen für eine Rückname des Urteils. Immerhin darf er vorläufig (solange das Revisionsverfahren läuft) zu den bisherigen Öffnungszeiten aufsperren.
Sogar an den Oberbürgermeister hat er geschrieben und um Hilfe gebeten. Aber Herr Maly stellte sich auf die Seite der Behörden und antwortete zwar, aber pro-Anwohner und ihrem Anliegen. Und was nun? „Ich war immer bereit, was zu tun“, fasst Alberto zusammen und fügt verzweifelt hinzu: „irgendwann muss mal ne Grenze da sein“. Es hat sich viel verändert in Sachen Barkultur und Gastronomiekonzepte: „Ich finde, die Stadt geht nicht mehr mit der Zeit. Da lacht uns doch jeder Tourist aus, der das mitkriegt, was hier abgeht“.
Statt Sommerurlaub in Spanien Albträume in Nürnberg. So sieht es für Alberto aus. Er musste umdenken, hat die freien Tage gestrichen und wird dafür kämpfen, dass „meine Existenz nicht ruiniert wird. Ich werde auf jeden Fall weitermachen, so lange es geht. Aber ich weiß nicht wie lange noch“. Man sieht ihm die Angst an, die in seinen Worten mitschwingt. Ganz zu schweigen von dem, was Nürnbergs Gastronomieszene blühen kann, wenn auch das Verwaltungsgericht den Anwohnern recht gibt. Dann dauert es auch laut Alberto nicht mehr lange, bis die Vielfalt, die Nürnberg lange Jahre ausgezeichnet hat und von der heute eh nur noch Fragmente übrig sind, ganz zerstört ist.
(dl)
SPACESINI | 28.08.2008 | 12:52 ich frage mich ob die stadt überhaupt mal mit der zeit ging! thema sperrzeit war schon immer groß und ne ganze generation die schon nicht mehr weg geht, hat sich damals den mund fusselig geredet und so manch eine stirnfalte wird wohl darauf beruhen.. nun kamen ärgernisse dazu, rumlaufende security, die den leuten den mund verbieten, dann das bundesweite nichtrauch-gesetz und da bekommen die raucher eben zusätzlichen ärger in der beschaulichen stadt nbg. zum rauchen raus ausm club und draussen sollte man zusätzlich am besten kuschen, sonst kommt security der einem den mund verbietet... man solle sich ja drin unterhalten... man muß keine nachteule sein um die idiotie zu erkennen, um so seltsamer dass die gesetzgeber es selbst nicht erkennen was sie reden bzw. schreiben oder unterschreiben!!! |
CURTMAGAZIN | 27.08.2008 | 16:15 Detlef scheint ein Insider zu sein. Immer ordentlich anschieben, Detlev! |
DETLEF | 27.08.2008 | 15:27 Müßte nicht das Mojito nebenan die gleichen Probleme haben?
Ich mein die haben doch sogar Stühle draußen.
Alberto muss auch ohne Bar77 nicht hungern, er hat doch sicherlich einen festen Job, in der Oase hängt er auch mit drin und im Mach vermutlich auch noch. |
FREDDY | 27.08.2008 | 02:29 OB SCHMaly. |
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