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Dem Egers sei Welt #5 |
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Sonntag, 12. Februar 2012 |
Und auch diesen Monat gibt es wieder gedankliche Ergüsse vom Egers. Wer noch nicht das Vergnügen hatte, diese in unserer aktuellen Ausgabe zu lesen, sollte dies nun hier und jetzt tun. PFLICHTPROGRAMM!
Kinderspiel und Kapitalismus
Ich hatte mich gut eingerichtet in meiner Kindheit. Ich ertrug die schulische Langeweile. Ich kompensierte Quälereien von sadistischen Lehrern oder teuflischen Mitschülern, indem ich andere Mitschüler quälte, und falls die nicht vorrätig waren, Schwestern oder Insekten. Ich duckte mich und ließ den Mutterorkan über mich hinweg toben. Ich hatte mich mit der Realität arrangiert, wie man sich mit einer Schuppenflechte arrangiert, oder einem amputierten Bein.
Das Wesentliche in meiner Welt war das Spiel mit meinen Freunden. Wir rutschten am Boden und lenkten unsere Alter Egos durch eine abenteuerliche Welt, die beim Spielen entstand und von Nachmittag zu Nachmittag immer größer und phantastischer wurde.
Eines Tages wurden wir aus dem Paradies des harmlosen Spiels vertrieben. Es genügte der skeptische Blick eines älteren Mitschülers auf unsere am Boden ausgebreiteten Spielsachen. Nach und nach wurde mir bewusst, dass jetzt Schluss sein musste mit dem auf dem Boden Rutschen. Ich glaube, ich war einer der letzten, der es kapierte.
Es folgte die gepflegte Langeweile. Es gab keine Alternativen oder Konzepte. Wir rutschten nicht mehr am Boden sondern langweilten uns im Stehen. Wenn es zu diesem Zeitpunkt eine Hitler-Jugend gegeben hätte, wären wir für deren Handlungsanweisungen bestimmt sehr dankbar gewesen. Wir mussten auf paramilitärische Übungen verzichten und flüchteten uns in Brettspiele.
Wir kämpften mit unseren Truppen um die Weltherrschaft. Erik Lauer hatte die schwarzen Armeen, würfelte so einmalig, als hätte er seine Seele dem Teufel verkauft und gewann immer. Reinhard Lang eroberte in jedem Spiel Australien mit seinen rosa Armeen und stellte daraufhin weitere Kampfhandlungen kategorisch ein. Seine Armeen wuchsen an, bis das komplette Australien unter ihnen verschwand. Am Schluss gab es auf der ganzen Welt überall schwarze Armeen und einzig Australien war rosa.
Nicht nur, dass Erik immer gewann, außerdem ergänzte er auch die Spielregeln. Er gab vor, dies aus Gründen der Erhöhung der Spannung zu machen. Manchmal habe ich den Hauch von einer Ahnung, dass seine gesetzmäßigen Spielsiege vielleicht doch in einem Zusammenhang mit den Regeländerungen begründet lagen. Ich weiß noch genau, als wir einmal Monopoly spielten und Erik das Zinssystem erfand. Ich glaube, er hatte sich auch ausgedacht, dass bei einem Hotel noch nicht Schluss war. In unserem Spiel konnte weiter gebaut werden. Jedenfalls konnte man Geld bei der Bank einlagern und bekam dafür pro Spielrunde von der Bank Zinsen. Weiß der Teufel, wie Erik da drauf gekommen war. Wir waren natürlich begeistert. Ich weiß gar nicht mehr, wer von uns die meisten Zinsen kassierte. Im Zweifelsfall dürfte es Erik gewesen sein. Wir hatten die neue Regel unterschätzt. Sehr schnell ging der Bank das Spielgeld aus. Wir schrieben Schecks aus. Der Reichtum der wohlhabenden Spieler stieg unglaublich an. Sie konnten immer mehr Hotels bauen. Die ärmeren Spieler wurden immer ärmer und verschuldeten sich gnadenlos. Es gab in dieser Phase des Spiels nicht mehr die geringste Möglichkeit, dass sich etwas änderte. Sogar Erik kapierte, dass das ziemlich langweilig war.
Irgendwann entdeckten wir auch die geistigen Getränke für uns und bemerkten, dass die Wirkung auch Spaß machte. Und wir spielten Roulette und tranken Campari Orange dazu. Dann fingen wir mit dem Pokern an. Und irgendwann tauschten wir das Spielgeld mit unserem spärlichen Taschengeld. Wie sollte es anders sein: Lauer gewann. Mit seinem gewonnen Geld wurde er immer dreister. Er bluffte und erhöhte die Einsätze. Irgendwann warf er fünfzig Pfennig auf den Tisch, und ich wette, er hatte kein besonderes Blatt. Jörg Muscat drehte durch. 50 Pfennig war jenseits von Spiel und Vergnügen. Wie ein angeschossenes Tier schrie er herum und wand sich im Leid. Philipp Moll schwanden schier die Sinne. Sein Kreislauf brach vermutlich zusammen. Aschfahl mit weißen Lippen blickte er auf die silberne Münze wie eine Nonne, vor der der Leibhaftige, unten ohne, einen Walzer tanzte. Ich beobachtete die ganze Szene und war wie berauscht von der Kraft dieser lumpigen Münzen, die es vermochten, mir von meinen Freunden Gesichter zu zeigen, die ich die ganzen Jahre vorher noch niemals erblickt hatte.
Mehr von Egers: am 14.02. bei Meister Robrock in der "Comedy Lounge" auf AEG, und mit seinem aktuellen Programm in der Comödie Fürth am 15.02. und am 29.02. im Erlanger E-Werk.
www.egers.de.
[me, Fotos: www.torstenhoenig.de]
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