HOME arrow MAGAZIN arrow Dem Egers sei Welt #4
MAGAZIN // CURT BERICHTET

Dem Egers sei Welt #4
Mittwoch, 7. Dezember 2011
Und auch diesen Monat gibt es wieder gedankliche Ergüsse vom Egers. Wer noch nicht das Vergnügen hatte, diese in unserer aktuellen Ausgabe zu lesen, sollte dies nun hier und jetzt tun. PFLICHTPROGRAMM!

Mein Handy klingelte. Die Rufnummer war unterdrückt. Wer mag da anrufen? Ist es der Verfassungsschutz oder eine kanadische Holzbildhauerin, für die ich Modell stehen soll? Ich drückte die grüne Taste und hörte die fiepsende Stimme des Redaktionsschlawiners: „Wir haben gerade eine SMS von Robert bekommen. Die Geschichte mit der Demokratie ist obsolet. Was wir jetzt erleben, das ganze Gewürge, sind die letzten Zuckungen. Noch vor Silvester wird Deutschland wieder von einem König regiert. Die neue Währung und neues Briefpapier sollen schon gedruckt sein. In Herrenchiemsee wird schon seit letzter Woche geheizt. Das stellt natürlich auch das gesamte Nachtleben auf den Kopf. Statt in den verschwitzten Club rennt das junge Gemüse demnächst ausschließlich ins Opernhaus. Lagerfeld schwelgt im Tüll. Chanel schraubt am Damast. Bird Berlin übt in Überstunden auf dem Cembalo und will ab Mitte Januar als Giovanni Spinetti durchstarten. Was wir von Dir brauchen, ist nicht weniger als eine Oper. Du wirst in den Adelsstand erhoben. Das Tucherschloss ist für dich bereits reserviert. Hau rein!“ Der Blödmann vom Kleingeistheftchen hatte aufgelegt. Ich konnte nicht einmal Piep machen. Ein Stadtschloss in Nürnberg ist ja schön und gut, aber wann werden endlich einmal meine bereits erschienen Kolumnen bezahlt, schimpfte ich in meiner Fürther Hinterhausküche. Trotzdem lockte mich das Erwähnte. Mir gefiel der Gedanke, ich könnte mich den neuen Machthabern mit einer Kolumne anempfehlen und schrieb daraufhin folgenden Rohentwurf für ein Singspiel mit dem Arbeitstitel:

Das goldige Hochamt

Ich frage mich, gibt es eine größere Freude als einen PKW umzumelden? Sofort möchte ich mir antworten - und Fanfaren sollen vor meiner Antwort erklingen: Nein, nein, nein und nochmals nein! Eine größeres, mehr sinnstiftendes Vergnügen für den Menschen im 21. Jahrhundert, als sein Fahrzeug umzumelden, gibt es nicht! Und jetzt: Feuerwerk, einen Ochsen am Spieß gegrillt, Bier aus großen Fässern gezapft, neun Tage Arbeitsstopp wegen Non-Stopp-Feier aus Gründen der Erkenntnis des direkten Lebensglücks!

Die Ouvertüre ist noch neblig duster gehalten. Der Chor der Fragen singt argwöhnisch und leicht gequält. Habe ich alle
Unterlagen zur Ummeldung? Fahrzeugschein und -brief. Sicher brauche ich auch meinen Führerschein und Pass und Führungszeugnis. Wo ist die Zulassungsstelle? Ist sie da, wo ich sie vermute, oder handelt es sich nur um ein erträumtes Nebelschloss? Ist die Zulassungsstelle überhaupt richtig? Müsste es sich nicht um die Ummeldungsstelle handeln? Wie ist es mit den Öffnungszeiten bestellt? Findet diese Geschichte ein gutes Ende oder gerate ich jetzt auf der Stelle in einen Strudel quälender Wiederholungen?

Mit schweißnassen Händen und aufgestellten Nackenhaaren fahre ich zum gemutmaßten Amtsgebäude. Das Auto stirbt mehrmalig hintereinander ab. Es wird hinter mir gehupt, Köpfe geschüttelt. Der Uhrzeiger rast. Ich ramme in eine Parklücke. Komme nicht aus dem Auto heraus, weil ich zu nahe am nebenstehenden Fahrzeug stehe. Setze zurück und ermorde fast einen vorbeifahrenden Fahrradfahrer. Der droht. Ich bin den Tränen nahe und winsle in seine Richtung. Ich steige aus der Beifahrertür aus. Vor dem Amtsgebäude überall rauchende Beamte. Ich fürchte Schlimmstes: Rauchpause, Mittagspause, Rente. Die Raucher kichern asthmatisch über mein ängstliches, kriecherisches Schlängeln.

Ich stehe im Treppenhaus und rufe zu Gott, wo sich die Ummeldungsstelle befände. Er antwortet altgriechisch. Ich verstehe kein Altgriechisch. Gott kichert. Große Uhren hängen überall. Der lange dünne schwarze Zeiger bewegt sich mit dem Geräusch einer Steinlawine. Ich irre herum. Plötzlich schwirrt ein Rotkehlchen um meinen Kopf. Ich sage zu dem Vogel: „Schwirre nicht.“ Das Rotkehlchen antwortet, es kann sprechen und sagt: „Ich schwirre, solange es mir passt, Du kleinherziger Simpel. Gehe hier lang!“

Ich gehe hier lang. Ich stehe vor einem goldenen Tempel. Das Rotkehlchen flüstert: „Du stehst vor deinem Glück und brauchst nur hineinzugehen.“ Ich nehme Anlauf und möchte durch die leuchtende Schwingtüre rennen. Kurz vorher krallt sich die Bärenpranke eines schlecht rasierten russischen Fahrzeughalters in meinem Hemdkragen fest. Ich werde stranguliert und schnappe nach Luft. Das Rotkehlchen kichert. „Zieh eine Nummer und warte, bis die Nummer am Display erscheint“, sagt der Russe. Ich möchte eine Nummer am Nummernzieher ziehen. Aber es lässt sich keine Nummer ziehen. Das Symphonieorchester spielt die achte Symphonie von Gustav Mahler. Szenen aus meinem Leben werden auf einer Bühne im Vorraum der Zulassungsstelle gespielt. Wie ich als kleiner Junge mit einer Plastikkanne mit Tee um den Hals im Tiergarten herumlaufe. Wie ich mir im Autoscooter eine blutige Nase hole. Weltspartag. Meine erste Zigarette. „Heute sind schon alle Nummern gezogen worden“, singt der Gesangsverein in meinem Kopf. Ich muss pissen. Eine Schildkröte erscheint. Ganz langsam streckt sie Ihren Kopf unter dem Panzer hervor und sagt: „Ich habe zwei Nummern gezogen. Sie können eine Nummer von mir haben.“ Ich sitze da und schaue dankbar auf meine Nummer. Dann schaue
ich auf die Nummer des Display. Um mich herum schauen die anderen Lebewesen auf ihre Nummer und abwechselnd auf die Nummer auf dem Display. Auf ein Gitarrenriff springen alle auf und drehen ihre Nummer mit ausgestreckten Armen in der Luft. Die ganze Szene wird von der leuchtenden Displaynummer bestrahlt. Es folgt ein Tanz wie in einem Bollywoodfilm. Wenn eine neue Nummer erscheint, schert der Tänzer mit selbiger Nummer aus. Es bildet sich ein Kreis um ihn, und er dreht sich am Boden und macht ein HipHop-Tänzchen, oder singt eine Arie, oder schwebt durch die Drehtüren.

127 erscheint. Ich habe die 127. Was für ein vollwertiges Gefühl. Die 127 in leuchtendem Rot auf dem Display. Die 127 schwarz auf weiß auf einem kleinen Zettelchen in meiner Hand. Ich fühle mich vollständig, dazugehörig, verstanden und erkannt. Ich stürme mit flatternden Haaren in den Zulassungshimmel. Ein hochaufragendes Stadion. Die Ränge bis oben besetzt. Donnernder Applaus von tausend Händen. Singende Rotkehlchen. Gott sitzt auf einer Wolke und schwenkt eine Fahne, auf der in Gold gestickt 127 steht. Ich gehe zur zuständigen Sachbearbeiterin. Sie sagt: “Fahrzeugschein.“ Ich gebe ihr den Fahrzeugschein. Sie sagt: “Fahrzeugbrief.“ Ich gebe ihr den Fahrzeugbrief. Sie sagt: „Glück und Liebe, Geld, Glaube und Hoffnung.“ Ich gebe ihr, Glück, Liebe, Geld, Glaube und Hoffnung. Und Gott spricht: “Vereinigt Euch jetzt.“ Wir ficken sofort auf dem Schreibtisch. Jubel brandet um uns wie Ozeanwellen. Ich dringe in sie ein. Sie flüstert: „Was für ein Kennzeichen hätten Sie gerne?“ Ich stöhne in ihr Ohr: “FÜ-ME 307“. Sie hechelt: “FÜ-ME 307 ist schon vergeben. Aber FÜ-ME 308 wäre noch frei.“ Ich hechle: „Dann soll es mir recht sein.“ Wir kommen gleichzeitig und schreien gleichzeitig: „FÜ-ME 308.“ Ich verbeuge mich vor dem Publikum. Die Sachbearbeiterin gebärt mir 9 Minuten später zwei wunderschöne Nummernschilder. Ich bedanke mich und verlasse die Zulassungsstelle. Ich knipse mir die Nummernschilder auf die Nummernschilderhalter an meinem Fahrzeug und fahre in den Sonnenuntergang. Ein Schwarm Rotkehlchen umschwirrt das Fahrzeug.


Mehr von Egers: am 10.12. in der Badstrasse 8 in Fürth, bei der Lesung "Dreck am Stecken" mit Phillipp Moll und am 13.12. in der "Comedy Lounge" auf AEG, Nürnberg oder unter www.egers.de.

[me, Fotos: www.torstenhoenig.de]

Twitter Facebook StudiVZ MySpace Mister Wong del.icio.us Digg.com Yigg Webnews Oneview Slashdot StumbleUpon Google


Kommentare (5)

GERALDINIO | 31.01.2012 | 18:04
Ein sehr Guter, der wirklich weiß wovon er spricht. Hatte früher auch ein Gelbwursttrauma.

LAMPE | 31.01.2012 | 02:38
Ein Guter, dieser Egersdörfer!

GUE | 30.01.2012 | 18:12
Wann kommt denn dem Egers seine Welt wieder? Der Egers ist in Ordnung, der paßt. Der erzeugt mit seinen Geschichten immer eine enorme Heiterkeit. Und er weiß wovon er spricht. Das ist mir nämlich auch schon passiert. Für mein Wunschnummernschild gab ich Geld und Liebe.

SIMONEE | 08.12.2011 | 14:57
Du bist einfach der Allerbeste ...

LAMPE | 08.12.2011 | 09:21
Danke. Scheeen.



Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben.
Bitte melde Dich an oder registriere Dich.


dauer_storm


20120616_15curt20120623_Wolke7