Licht und Schatten auf der Bühne gaben sich unter der Brücke (musikalisch betrachtet) die Klinke mit Sonne und (vor allem am Freitag) Regen. Unsere Musikredaktion war auf dem Festival und blickt für euch zurück:
Das 11. Brückefestival war das bisher erfolgreichste. Über 15.000 Besucher meldeten die Veranstalter am Sonntag in einer kurzen Pressemitteilung, die auch verriet, dass die Veranstaltung trotz des Massenansturms vor allem am Samstag friedlich verlaufen ist. Warum, erklärt sich einmal mehr aus der Umsetzung des U&D Festivals unter der Theodor Heuss Brücke: Statt auf Massenware zu setzen, werden (lokales) Bier und Wein von Helfern, die seit Jahren an diesem Wochenende dabei sind, am selbst entworfenen und wunderbar dekorierten Tresen ausgeschenkt. Wer es "härter" braucht, findet in der Cocktailbar, die ebenfalls vom Brückenfestival e.V. betrieben wird, was er sucht. Die Getränkeeinnahmen sind unabdingbar für das Festival, ein derartiger Kostenapparat lässt sich sonst einfach nicht finanzieren. Dazu werden Stände nicht an Großunternehmer vergeben, sondern an Schanzenbräu, das Anderland oder den Klamottenladen Flex!. Support your locals - das stand schon immer auf der Fahne des Brückenfestivals und ging auch dieses Jahr voll und ganz auf und das obwohl das Festival von Jahr zu Jahr wächst und sich inzwischen bis weit in die Wiese erstreckt. Aber man spürt einfach dass hier Herzblut drinnen streckt und wenn einen die Bands auf den zwei Bühnen - es gab auch heuer wieder einen Poetenbühne - nicht interessieren, trifft man sich mit Freunden etwas abseits zum quatschen, bespaßt seine Kinder oder wirft einen Blick auf die Fotoausstellung, die fünf auf riesige Leinwände geplottete Fotografien zeigt. Es macht wirklich Spaß, über das Gelände zu flanieren und man wünscht den Veranstaltern, dass es so die nächsten Jahre weiter geht!
Nicht so viel Spaß haben heuer teilweise die musikalischen Darbietungen gemacht. Die waren durchwachsen und werden im folgenden für euch einzeln unter die Lupe genommen:
FREITAG
NEWMAN. Der Fluch der ersten Band: Du hast dich zwei Wochen im Studio vergraben um dein Debütalbum aufzunehmen, freust dich wie nix darauf, diesen mikrokosmischen Katakomben endlich auf Wiedersehen zu sagen, dich der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, gehst auf die Bühne, deine paar Hardcore-Fans sind da, während alle anderen noch auf dem Weg unter die Brücke sind. Newman zeigen sich davon unbeeindruckt und erspielen sich mit ihrem grundsoliden Melancholie-Pop mit schicken Ecken und Kanten die sofortige Aufmerksamkeit fast aller Anwesenden und eine Zugabe.
GRAND SPORTS. Der Fluch der zweiten Band. Die erste Band hat die Messlatte verdammt hoch angesetzt, du stehst in Trainingsanzügen hinter der Bühne, der Keyboarder ist nigelnagelneu, der selbst gebastelte Gitarrenverstärker erst heute Nachmittag fertig geworden, musikalisch willst du mit diesem Gig zu einen weiteren Schritt von den Seattle-Referenzen früherer Tage entfernen und stattdessen das Pop-Kisterl aufstoßen. Nein, das kann eigentlich nicht gut gehen. Tut es auch nicht. Die Wille zur musikalischen Weiterentwicklung steht den Grand Sports wenig, so ganz tight war das auch nicht, wenigstens zündet der Gostenhof-Charme ein bisschen und das obwohl die Trainingsanzüge eigentlich aus einem Laden in Fürth stammen.
THE WORLD/INFERNO FRIENDSHIP SOCIETY. Der Fluch der dritten Band. Die Leute sind da, warten auf ihren ersten Höhepunkt, es fängt an zu regnen, unter der Brücke wird’s eng, alles ist gut, du musst die Leute jetzt nur noch abholen, aber das ist nicht so einfach wie es scheint. Was bei der Band aus Brooklyn im Clubkontext funktioniert und durch die Bank schwitzende Leiber hinterlässt, wirkt auf der Festivalbühne fehl am Platz. Als dann irgendwann gegen Ende des ersten Drittels dank eines Gitarrenlicks wie man sie von den schlimmsten Green Day Stücken kennt, der Versuch eines (punkig angesetzten) Brian Setzer Swings kläglich scheitert, flüstert es von nebenan: „Da hätte ich auch auf ein Hooters-Konzert gehen können.“ Sorry.
SLAGSMALSKLUBBEN. Der Fluch der vierten Band. Bei der dritten Band hat es nicht so richtig gefunzt, du weißt nicht so ganz genau woran es gelegen hat, weil du nicht im Volk sondern im Backstage stehst und dich drauf vorbereitest, gleich alles zu geben. Dazu bist du der Headliner des Abends, wenn nicht sogar der (heimliche) Headliner des ganzen Festivals. Es geht los wie Bombe, die Hände fliegen nur so in die Höhe. Dann rauscht deine Technik ab und es kommt teils zu mehrminütigen Unterbrechungen während deines Sets. Na und? Die schwedischen Beatbastler trotzen der Pechsträne bei ihrem Auftritt ungekonnt gekonnt und zeigen dem bunten Volk unter der Brücke, wie Electro-Punk (es soll bitte nie, nie wieder irgendjemand über diese Band schreiben, dass sie Electro-Pop macht - so ein verballerter Unsinn!) im elementaren Kontext gemeint ist. Sie werden nur so zur Zugabe geschrieen und als Moderator Bird Berlin den ersten Tag mit einer Durchsage beschließen muss, wird immer noch Zugabe geschrieen so dass er noch eine Melodie für die Massen anstimmen muss, damit sie erst recht nicht zur Ruhe kommen so insgesamt aber endlich die Klappe halten so halbwegs.
EXTRA
---- Wer kommt denn bitte auf die Idee, in nen Cuba Libre braunen Zucker einzustampfen. Ist in Cola etwa überhaupt kein Zucker? Nur ein ganz klein wenig Zucker? Viel zu wenig Zucker insgesamt? Du lieber Himmel.
++++ Das Anderland ist da und serviert die weltbeste Pizza von Franken unter der Brücke.
SAMSTAG
BEAR MOUNTAIN PICNIC MASSACRE. Ziemlich gut, was die Jungspunde aus Hersbruck anbieten, als sie um kurz nach 15 Uhr zur Tat schreiten. Mit Bob Dylan hat das allerdings genauso wenig zu tun wie mit anderen, bekannten, aus Hersbruck stammenden Bands - nur damit das mal klar ist. Die teils fast schon orchestral geschichteten Arrangements lassen da eher noch einen Hauch von Weilheim erkennen, aber auch der umfasst die Darbietung nicht als Ganzes. Schaut euch das Bear Mountain Picnic Massacre einfach mal an und macht euch euren eigenen Eindruck. Interessant, hoffentlich bremst die für dieses frühe Entwicklungsstadium erstaunlich hohe Komplexität nicht, wenn es aus dem lokalen Umfeld raus gehen soll.
NO EXPECTATIONS. Kraftvoll, dynamisch, fordernd, überladen. Als die Band um Sänger Flo Kenner und Gitarrist Michael Graf die Bühne betritt, ist es bereits ordentlich gefüllt unter der Brücke. Die Leute wollen abgeholt werden und werden teils auch abgeholt. Aber musikalisch bewegte man sich im Folgenden auf dem Stand der Dinge vom Gründungsjahr. Das war 1997, da klang Akustik-Rock noch so wie hier und jetzt. Modern war das nicht. Aber (technisch) sehr sauber und mit viel Willen zum Sieg umgesetzt.
THE MISERABLE RICH. Die Erwartungen an die Briten, die aus dem selbem Städtchen stammen wie Norman Cook, waren hoch. Unter der Brücke war es zum ersten Mal heute richtig voll. The Miserable Rich erfüllten die Erwartungen. Nein, sie übertrafen sie und machten sich im Laufe des Abends durch mehrere kleine unpluggend-Stelldicheins irgendwo auf der Wiese für manch eine/n unsterblich. Ihr mit Cello, Kontrabass, Piano, Schlagzeug und klassischer Gitarre (die Violine fehlte krankheitsbedingt) gespielter „Kammer-Pop“ war rührend dargeboten, Sänger James de Malplaquet trank dabei ordentlich Rotwein und erzählte, während er sich und seinen Mitmusikern nachschenkte, von „Hangovern“ nach langem Touren. Stark!
BOTNICA. Komisch, wenn eine US-Band aus den USA drei Alben exklusiv in Europa veröffentlicht und man sie trotzdem so überhaupt noch auf dem Schirm hat, bis sie dem grandiosen Konzert von The Miserable Rich noch einen drauf setzten hätte sollen. Gelang dem Quintett aus Los Angeles um den Keyboarder und Sänger Paul Wallfish nicht. Das war einigen vielleicht sogar von vorne herein klar. Dass es aber so ziemlich ganz in die Hose gehen würde, sicherlich nicht. Was anfangs noch wie bemühter Orgel-Blues-Rock mit Steigerungspotential klang, wurde im Balladen-Teil inklusive Widmung an die Mama gänzlich zur Festival-Nebensache. Lediglich der Schlagzeuger Dave Berger spürte, dass da noch was gehen musste und trommelte den Rest der Band dann hyperaktiver Weise vollends kaputt.
WALLIS BIRD. Ja, das Energiebündel aus Irland kam verdammt gut an, hüpfte wie von der Tarantel gestochen auf der Bühne hin und her, begann ihren Auftritt im 9/8 Takt und animierte das begeisterte Publikum immer wieder zu Höchstleistungen am (virtuellen) Applausometer. Nein, das war nicht gut, das war ganz besonders schlimm. Das war akustischer Stadionrock im Melissa Etheridge Format. Das war unerträglich.
MOOP MAMA. Ja, die Münchner Rap-Brass-Kombo gab dem Festival des ersten Funk, dem Volk was zum Hüpfen und den Fotojournalisten was zum knipsen. Es waren durchaus Anleihen von einem würdigen Festival-Abschluss zu erkennen, das aber nur wenn man überwiegend nicht auf die Texte und die Ansagen (z.b.: „Wer hier ist alles aggressiv? Das nächste Lied ist für euch, ihr müsst jetzt alle anderen mitnehmen!“ - oder so ähnlich) hörte. Jazzkantine auf Brass-Hardcore war das, uninspirierend aber enorm partytauglich dargeboten.
EXTRA
---- Schlechtes Bier kann man sich nicht lecker saufen
++++ Brü, brü. brü
(dl)
LOW_RES | 19.08.2011 | 16:27 Ich gebe dem Autor in allen Punkten recht, super Artikel! Absolut ehrlich und dabei objektiv im Subjektiven. (Mensch, klingt das jetzt verquast.) The Miserable Rich waren genial, nur um nochmal darauf hinzuweisen. Aber bei mir hätte "Brü, Brü, Brü" unter Garantie ein Minus bekommen, haha. |
LITTI | 16.08.2011 | 16:33 in punkto hochachtung gebe ich dir voll und ganz recht und falls da irgendetwas falsch rüber gekommen ist, ist hier eine entschuldigung meinerseits für mögliche missverständnisse, die famose arbeit des brückenfestival-teams angebracht, das ich seit vielen, vielen jahren sehr schätze. das mir (persönliche meinung) eingie der bands nicht gefallen haben ist eine andere sache, hat nichts mit der guten stimmung und hohen akzeptanz vieler anderer bei manchen der künstler zu tun. die festivalberichterstattung egal von welchem curt-redaktionsmitglied (siehe auch melt, sziget...) ist immer subjektiv und persönlich, wobei sich (bewußt) berichterstattung und kommentierung vermischen. gruß...david |
NEBUKADNEZAR | 15.08.2011 | 15:36 es ist bemerkenswert gut, wenn in einem solchen artikel nicht ein mantel von beschönigenden worthülsen ausgebreitet wird! es ist doch bitter, wenn die einzig überzeugende band eigentlich nicht einmal eine "festival-band" ist (gemäß dem verständnis der hiesigen selbsternannten festival-experten). the miserable rich waren sublim. der rest des musikalischen festival-programms war leider eine fulminante enttäuschung (betreffend der regionalen vertreter ist dies ein kaum entschuldbares versagen) - und dies nachdem die veranstalter in den letzten jahren stets glückliche händchen bewiesen hatten. alle kritik mindert jedoch in keinster weise die hochachtung vor der großartigen leistung des bf-teams und der vielen ehrenamtlichen helfer. immerhin, wie der autor dl es treffend sagt: "wenn einen die Bands auf den zwei Bühnen ... nicht interessieren, trifft man sich mit Freunden etwas abseits zum quatschen" etc. nun, dieses jahr brauchte man schon etwas mehr freunde... |
LITTI | 15.08.2011 | 12:08 @carlosvonsexron: hast du den bericht wirklich ganz & gründlich gelesen?..,-) |
CARLOVONSEXRON | 15.08.2011 | 11:10 Fazit zum Artikel: Schlechte Schreiberlinge kann man sich auch nicht schön saufen. Und einen besseren Musikgeschmack kann man sich auch nicht kaufen... Die schlechteste Band des Festivals kommt aus München, da hätten sie bitte bleiben sollen. Covern P.diddy und werden hier quasi als einzige gelobt. Lächerlich! |
LITTI | 15.08.2011 | 10:16 word! und daher jetzt auch mit einleitung. dass mir ein paar der bands nicht gefallen haben ist eine völlig subjektive meinung, die nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass das festival an sich ein sehr schönes ist! |
LAMPE | 15.08.2011 | 08:29 Freut Euch, dass es das Brückenfestival gibt und dass es so viele Menschen gibt, die das für uns alle so großartig stemmen. Beim Bier hört der Spaß aber auf, das soll und muss immer passen! ;) |
ARMARIO | 14.08.2011 | 16:34 liest sich, als wäre es das schlechteste brückenfestival bis dato gewesen. oder war der schreiberling einfach nicht gut drauf? aus der ferne kann ich dazu nur sagen: nürnbergs musik- und konzertwelt ist einfach erbärmlich. newman, grand sports, no expactations - gibt's denn wirklich nichts überraschenderes??? |
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