Unsere Lieblings-Post-Punk-Waver von den Genetiks wurden nach Vilnius/Litauen eingeladen, um auf dem größten Festival für Wave- und Punkmusik zu spielen. Unser Ober-Punk Fränk da Pänk war dabei und berichtet.
4320 für 45 oder der Weg ist das Ziel
Wie soll man jemanden erklären, dass man 6 Tage bzw. 72 Stunden bzw. 4320 Minuten Reiseweg auf sich nimmt, um am äusseren Ende der europäischen Gemeinschaft für 45 Minuten im Rampenlicht zu stehen? Es gibt wohl nur zwei Worte dafür: Verrücktheit und Leidenschaft.
Von beiden haben die GENETIKS mehr als genug, und so ist es also kein Wunder, dass sich die vier Helden postpunkerischem und neowavigem Musikschaffens auf Einladung des berühmten Drop Dead Festivals auf nach Vilnius, der Hauptstadt Litauens, machen. Und wie sich das für echten Underground und unfinanzierte Subkultur geziemt, lässt man die ca. 3.000 km klassisch mit dem Tourbus hinter sich, schließlich hat man ja einen Rock'n'Roll-Ruf zu verlieren und die Instrumente mitzunehmen. Einzig die subversive Bremer Basszelle namens Andy 'Motherfucking' Morgan kommt mit dem Flieger eingeflogen. Klar, ein bisschen Dekadenz kann uns auch nicht schaden, zumal das Festival international besetzt ist und die Teilnehmer aus allen Herren Ländern kommen. Da will man ja nicht total abstinken.
Wir freuen uns also, auf einem der renommiertesten Veranstaltungen für Wave, Punk, Gothik und Electro weltweit zu spielen, und legen die erste Etappe Nürnberg - Warschau in schlappen 14 Stunden zurück. Kinderspiel für so harte Jungs im zarten und zähen Teenageralter wie wir es sind, zumal es aus taktischen Gründen nur einen Fahrer gibt. Welche diese Gründe sind, das bleibt wohl besser unser Geheimnis, hat aber mit Logik wenig zu tun.
Der Weg ist das Ziel. Diese Methusalems-Weisheit trifft wohl auf wenig so passgenau zu, wie auf das Leben in einer Band. Zum einen natürlich den ganzen Findungs- und Entstehungsprozess als Interessensgemeinschaft, dann vor allem klar auch das musikalische Opus Operandi, aber ganz speziell und vor allem auf Konzerten und Tourneen. 80 Prozent der Zeit verbringt man auf dem Weg von A nach B, von West nach Ost, vom Konzert- zum Schlafort oder vom Döner zum Burger. Diese eingehende und eindringliche Ganzkörpertortur für Physis und Psyche würde es sicher auf eine Liste geächteter Foltermethoden der Vereinten Nationen schaffen. Immer zu auf seinem begrenzten Platz im Tourbus, ständig den intellektuellen und körperlichen Auswürfen der anderen Teilnehmern ausgeliefert, entsteht ein langer, quälender Zersetzungsprozess des eigenen Selbst und man assimiliert zu einem zähen Gemeinschaftsbrei halbdebilen Wahnsinns.
Wenn man nun also den ganzen Tag in einer rollenden Gummizelle verbringt, sucht man natürlich so viel Ablenkung wie möglich. Eine Energie- und Denksparende Lösung ist da naheliegend: aus dem Fenster glotzen. Funktioniert auch in vielen Fällen ganz gut, zumal weite Teile Deutschlands und Europa eine durchaus abwechslungsreiche Landschaft bieten. Wenn man nun aber wie wir mit dem Automobil ins Baltikum will, dann muss man durch eine der langweiligsten Einöden, die der Kontinent wohl zu bieten hat: das polnische Tiefland. Nicht nur, dass die mit einzelnen Sparexemplaren von Möchtegernbäumen gesprenkelte Flachgrasebene bei der Vergabe von Multikulti-Flora völlig zu kurz gekommen ist, hat man es wie kaum wo anders verstanden, den verbleibenden Raum mit Resten von menschlichem Tun und Wirkens zu versauen, dass der Ruhrpott sich im Vergleich wie ein Pinup-Girl ausnimmt, das sich beim Kaminkehren etwas schmutzig gemacht hat.
Jedenfalls, der Weg ist das Ziel, und so durchschritten die Helden der Geschichte unerschrocken auch diese erste Etappe nach Warschau, dass es jedem Husarenritt zu Ruhme gereicht hätte. Angestrebt ist eine Übernachtung bei einer uns völlig unbekannten Polin, die sich über einen gemeinsamen Bekannten bereit erklärt hat, uns für eine Nacht zu beherbergen und anschließend mit uns nach Vilnius zu fahren. Dass wir erst nachts um 1 Uhr ankommen, stört nicht viel, denn ein weiterer Wegbegleiter aus Frankreich ist auch erst per Luftschiff gelandet und so treffen alle nicht ganz zufällig aber zeitgleich vor der Unterkunft ein. Die neugewonne polnische Freundin namens Edida lässt sich auch nicht lumpen und zelebriert erstmal des nächtens traditionelle Hausmannskost in Form von Pierogen. Macht auch nix, dass der Entstehungsprozess des typisch polnischen Gerichtes sich noch über zwei Stunden hinzieht, denn auch der französische Italiener namens Federico entpuppt sich als angenehmer und unterhaltsamer Zeitgenosse, so dass sich das Warten auf die Kartoffelköstlichkeit in handgemachten Nudelteig auf ein geradezu angenehmes Maß reduziert. Aufblasbare Luftmatrazen ergänzen die Gastfreundschaft. Die Tatsache, dass die Wohnungsinhaberin erst eingezogen ist, lässt auch fehlende Stühle und Stereoanlage verzeihen. Auch die fehlende Badtür kann man vielleicht auf diesen Umstand zurück führen, und so kann man gemütlich mit den am Tisch Gebliebenen weiterplaudern, während man seine Notdurft verrichtet. Immer schön den Gepflogenheiten anderer Kulturen gegenüber offen bleiben.
Der Weg ist das Ziel heißt es auch am nächsten Tag, und die nun fünfköpfige Reisetruppe macht sich weiter unerschrocken gen Osten und also Vilinius auf. Die unbestreitbaren Vorteile eines GPS und die damit einhergehenden Erleichterungen zur Zielfindung jedes Reisenden hatten wir an dieser Stelle ja schon mal eingehend behandelt (siehe Tourbericht Herbst 2009). Und auch die Schwachstelle des Systems: den Anwender. Eine mir bis dato unbekannte Variante schaffte unsere sehr bekümmernde Warschauer Herbergsamme. Nicht nur, dass es eh schon stressig ist, mitten im mittäglichen Großstadtgewühl polnischen Anweisungen von der Rückbank zu folgen, die mit einer nicht unerheblichen Zeitverzögerung einhergehen, weil das einheimische Handy nebst eingebauten Navigationssystem nicht ganz auf der Höhe der Zeit bzw. im Flow des Verkehrs ist. Wenn dann aber just in diesem Moment die beste Freundin der Navigatorin auf eben dem gerade als Wegesfinder bestimmten Mobiltelefons anruft um die neuesten Klatsch- und Lebensweisheiten von sich zu geben und sich darauf hin ein reges Geschnatter in unverständlicher Ostphonetik entwickelt, während der quasi fühererlose Bus samt orts- und sprachunkundigen Fahrer und sonstigen Insassen blind durch die Stadt treibt wie ein Stück Holz in der Pegnitz, dann wurde wiedermal eindrucksvoll bewiesen, wie schwach doch jede Technik ohne die geniale Anwendung der Menschen ist. Als dann gefühlte Jahreszeiten später der feminie Sozialdialog endete, konnte man sich auch letztlich auf einen gemeinsamen Bestimmungsort einigen: Vilnius, denn da wollen ja alle Mitfahrenden hin. Klingt logisch, war es aber für eine Minuten lange Diskussion nicht. Warum genau entzieht sich der Kenntnis des Verfassers, da er ob der nervlichen Schonung nicht mehr mit vollen Besitz der geistigen Kräfte involviert war.
Der Weg ist das Ziel, aber Weg ist nicht gleich Weg. Kann man in Deutschland z. B. eine Entfernung von 200 Kilometern mit einer Reisedauer von höchstens zwei Stunden gleichsetzen, so trifft das auf andere Länder nur bedingt zu, denn die urdeutsche Erfindung der breitspurigen Autobahn ist nicht jeden Staates Errungenschaft. Und so beläuft sich die Reisezeit der rund 500 Kilometer von Warschau nach Vilnius nicht auf wie erwartet fünf Stunden, sondern weit über acht. Eine Stunde Zeitverschiebung mit eingerechnet. Wenigstens hat die Landschaft ein einsehen und der Misch- und Steckerleswald links und rechts des Weges erinnert stark an die fränkische Heimat. In Vilnius angekommen findet man zwar den schon gefüllten Veranstaltungsort, aber nicht das Hotel, was jedoch mit britischer Geleithilfe auch noch galant gelöst wird. Kurz aufgefrischt und hübsch gemacht und gleich wieder auf zum nahe gelegenen Ort der Bestimmung.
Dieser entpuppt sich als ein dem Weißen Haus in Washington ähnelnder pseudo-klassizistischer Bolschewicken-Prachtbau an exponierter Hügellage mit Blick über die Stadt. Ist ja schon mal ein guter Anfang, und auch der Blick in die Räumlichkeiten enttäuschen nicht die doch ob der Reisestrapazen hohen Erwartungen. Discoraum, lange Bar und ein Konzertsaal, der von Größe und Ausstattung als ideal bezeichnet werden kann. Die Anlage ist wie die Lautstärke angemessen und die Lichtanlage mehr als amtlich. Das freut das Muckerherz und Stimmung und Vorfreude machen gleich noch mal einen großen Satz auf der nach oben offenen Richterskala auf das morgige Konzert. Was allerdings viel schwerer zu beschreiben ist, ist das anwesende Publikum. Ich habe ja schon einmal - bei meiner ersten eingehenden Begegnung mit dem Volk der Schwarzkittel- und Weißkopfindianer auf einer Batcaveparty in Bratislava in diesem Frühjahr - versucht, die äußerst kreativen und vielfältigen und unterschiedlichen Kostüme, Maskeraden und Verkleidungen zu beschreiben, doch empfehle ich dem geneigten Leser eine kleine Bildlektüre im Internet diesbezüglich. Für den Autor faszinierend und leicht verstörend zu gleich präsentieren sich Hunderte von Pfauen, Paradiesvögeln und eitlen Gockeln und verbreiten eine leicht morbide Atmosphäre irgendwo zwischen Halloween und Maskenball. Und auch hier ist selbstredend der Weg das Ziel, und der führt diretissima zur Bar und auf ins Fledermausgetümmel. Erstaunlich oder nicht trifft man auch Bekannte aus Nürnberg und andere bereits durch frühere Konzerte und Begegnungen vertraute Gesichter, mit denen man gerne und kurzweilige Pläuschchen hält, nicht selten mit Händen und Füßen redend, denn die Sprachbarrieren können gerade im Osten hoch sein.
Der nächste Tag ist erstmal dem doppelten Kater von Reise- und Feierstrapazen geschuldet, denn nichts ist so anstrengend wie Nichtstun in einem Tourbus und die Feierei eh, per se. Und doch gibt es auch hier erneut einen Weg und den führt die mittlerweile komplettierte GENETIKS-Reisegruppe zu erst zum Soundcheck und dann in die Stadt auf einem kleinen Bummel mit anschließender Ceralienauffrischung mittels landestypischer Pizza. Zu recht wurden wir mit unfreundlicher Bedienung und mäßigem Essen für die Mutlosigkeit bestraft, nicht in ein wirklich einheimisches Restaurant zu gehen.
Die anschließende Behelfsprobe auf dem Hotelzimmer war nötig und fruchtbar, hatten wir doch im Vorfeld nur einmal Gelegenheit in kompletter Besetzung zu üben, und das war auch schon wieder zwei Wochen her. Echter Punk eben: Wer übt, der kann nix ... Mit großer Zuversicht und Freude geht es dann auch schon zum Konzertort. Bis zum Auftritt um 23 Uhr vergeht die Zeit trotz Verzögerungen im Zeitplan wie im Flug und flux stehen wir auf der Bühne und erfahren im gut gefüllten Saal merklich positive Resonanz. Kleine spielerische Mängel werden mit Charme und Bühnenshow unsererseits ausgeglichen und die Energie in der Band und mit dem Publikum ist deutlich spürbar. Prächtig, so soll es sein und dafür sind wir ja schließlich hergekommen. Der Abgang von der Bühne erfolgt gefühlt natürlich viel zu schnell und schwupps ist man auch schon wieder im Bus, um Mannen und Equipment zum Hotel zubringen, kurz durchzuschnaufen und sich sanitär zu erfrischen. Danach zurück zum Festival, wo die zweitwichtigste Mission - neben dem eigentlichen Auftritt - weiter geht, nämlich das schließen von Bekannschaften und die weitere Vernetzung mit potentiellen Veranstaltern, Spielorten und Konzertmöglichkeiten. Letztlich sind ja Leute aus Amerika, Schweden, Japan und sonstigen Ländern anwesend. Auch der nächste Tag steht ganz im Zeichen des weiteren Kennenlernens und so gibt es nachmittags ein Treffen der beteiligten Künstler und Organisatoren mit Essen und Trinken. Den größten Exotenstatus nimmt dabei eine zufällig vorbeikommende 81 jährige Baronesse ein, die uns ihre halbe und sehr bewegte Lebensgeschichte erzählt und dabei immer wieder geschickt durchblicken lässt, mit wem und was nicht allem sie an europäischen Hochadel und Aristokratie verwandt ist. Nach einem weiteren kleinen Sightseeingbesuch der Stadt stürzen wir uns abends nochmals ins schwarze Getümmel, schauen und hören uns unterschiedliche Bands und Künstler an, und für die gute Verdauung wird das eine oder andere dunkle Bier genossen.
Nach zweieinhalb Tagen verlassen wir Vilnius mit vielen neuen Eindrücken und Erlebnissen, die uns noch lange und vor allem auf der langen Rückfahrt beschäftigen werden. Diese verlief weitgehend zufriedenstellend und unspektakulär. Wer genaueres darüber wissen möchte, dem sei geraten, diesen Artikel rückwärts zu lesen, denn ein Tag im Tourbus ist im Grunde wie der andere, aber der Weg ist ja bekanntlich das Ziel.
Im Moment ist die Band im Studio, um ihre neue CD zu produzieren. Diese wird im November erscheinen, zu der es dann auch wieder eine 3-wöchige Tour geben wird. Am 19.11. sind sie zu Gast in der MUZ.
www.myspace.com/gggenetiks
[fs]
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