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WM-Grüsse aus dem Reich der Mitte |
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Mittwoch, 4. August 2010 |
China ist weit weg, keine Frage. Deswegen hat es auch so lange gedauert, bis uns der Bericht unseres Fernostkorrespondenten Matthias erreicht hat. Und nicht, weil wir die E-Mail verschlampt haben und erst beim großen Redaktions-Sommerputz wieder aufgetaucht ist. Sicher nicht! Also, fast sicher, oder so ...
„Deguo zuqiu feichang hao!“ ist die einhellige Meinung meiner chinesischen Freunde und Bekannten hier. Das bedeutet so viel wie „die Deutschen spielen an’ Hammer Fussi“. Spätestens seit den letzten beiden, ja, ich möchte meinen historischen Siegen gegen Ying-ge-lan und A-gen-ting wird mir die Unterstützung vieler hiesiger Fussbalfans täglich mehrmals versichert. Deutsche geniessen hierzulande eh einen guten Ruf. Ganz besonders Autos, Bier, und Fussball. Dass ist das deutsche Dreiergestirn, für das wir hierzulande bewundert und respektiert werden. (Pauschal geprochen könnte man in einer Unterkategorie noch Maschinenbau, den deutschen Schäferhund, und manchmal leider immer noch einen gewissen deutsch-österreichischen Psychopaten anführen - gefährliches Halbwissen gibt´s halt allerorts).
Die WM-Begeisterung in der Volksrepublik ist relativ gross, besonders in den Küstenmetropolen Beijing und Shanghai haben Bars und Kneipen Grossbildschrime und Leinwände aufgefahren, aber auch hier im eher ländlichen Lijiang in der südwestlichen Provinz Yunnan steht der Fussball bei vielen ganz oben auf der Tages-, oder bessergesagt Nachtordnung. Seit dem Eröffungsspiel flimmern allabendlich die Flachbildschirme in den Kneipen und Restaurants Zum Teil hat´s die Wirtschaftskrise möglich gemacht, denn dank eines gigantischen Konjunkturprogramms zur Belebung der Binnenwirtschaft hat inzwischen so gut wie jede Pinte und jedes Restaurant einen modernen Flachbildschirm an der Wand hängen.
Für wahre WM-Fans allerdings reicht so ein Bildschirm natürlich net aus - da mou scho a g´schaide Leinwand her! Und die gibt´s aa, z.B. in der Bar zweier Junggastronomen namens Da Yü and Mr. K. Obwohl der Laden bereits vor einiger Zeit eröffnet hat, ist er noch immer namenlos, egal. Dafür aber gibt es neben einem Beamer samt Leinwand den wohl einzigen Kickertisch in ganz Yunnan, sowie helles und dunkles Hefeweizen aus der angeblich ältesten Brauerei nicht nur Deutschlands, sondern der ganzen Welt. Beste Voraussetzungen also! (Was den Kicker anbetrifft, so geht eben nichts über die gute alte Starclub-Schule der Neunziger!)
Aber zurück zur WM. Manch einem geht es tatsächlich um das wesentliche, also das Fussballspiel ansich. Es offenbaren sich dieser Tage aber auch zwei recht typische Wesenzüge der Chinesen: zum einen die noch immer mehr oder weniger stark ausgepägte Verachtung gegenüber den Nachbarstaaten Japan und Südkorea, zum anderen die unglaubliche Lust am Wetten und Zocken.
Chinesen lieben das Glücksspiel wie Deutsche ihr Bier. Während die einen im WM-Rausch sind, verfallen andere dem Wettfieber. Und das scheint hochansteckend zu sein. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist fast jeder infiziert und die Hundert Yuan Scheine (ca. 12 Euro) wechseln manchmal Bündelweise den Besitzer (Was der alte Steuermann Mao wohl davon halten würde...).
Waschechten Wettprofis verlassen dieser Tage die Wohnungstür nicht ohne ein kleines Büchlein einzupacken in dem sämtliche Spiele, Wetteinsätze und sonstige relevante Informationen enthalten sind, es wird sehr akribisch gearbeitet. Und auch sonst wird oft irgendetwas gespielt, gewettet, oder gesungen. So gut wie kein Abend vergeht ohne ein Trinkspiel, von denen es nicht gerade wenige gibt, hicks.
Aber zurück zur WM. Der absolute WM-Höhepunkt bisher war sicherlich das Viertelfinale gegen die „Hand Gottes und deren elf Finger“. Denn da gab es nicht nur gutes Bier zum Fussi, sondern auch Schnitzel und Bratwürste „Nuernberger Style“. Welch Gaumenfreude! Gegrillt wurde in der Altstadt vor dem Eingang des „Little Amsterdam“ auf dem Grill des türkischen Grillmeisters der wohl (bisher) einzigen Dönerbude China´s, eröffnet von zwei jungen Landsleuten die ihr Glück im fernen Osten suchen. An diesem Abend wurde die deutsche Fahne hinter dem holländischen Tresen gehisst und es wurde gefeiert, zurecht.
So kommt es momentan nicht selten vor, dass die Vögel bereits zu zwitschern beginnen und Bäuerinnen gemächlich auf Ihren dreirädrigen Fahrrädern, beladen mit Obst und Gemüse, auf dem Weg zum Markt in der Altstadt sind während ich mit roten Augen und Fussballfieber die Kopfsteinpflastergassen Lijiangs entlang nach Hause tappe und an eines denke:
SCHLAAAAAND!!!
Ach ja, von den Qualtitäten ihrer eigenen Fussball-nationalmannschaft hält man hier eher wenig, woran auch der letzte Überraschungstriumph kurz vor der WM gegen Frankreich nicht viel ändert. Doch ist man zuversichtlich, dass die chinesische Manschaft nach der erstmaligen Teilnahme im Jahre 2002 in Südkorea und Japan eines Tages wieder an einer Weltmeisterschaft teilnehmen werden wird. Bis dahin wird aber wohl noch die eine oder andere WM vergehen, solange bleibt die Begeisterung gross wenn Mannschaften wie Brazilien, Argentinien, England, Frankreich oder Italien auflaufen (Ade!). Und natürlich Yogi´s wunderbare Supertruppe.
[Matthias Meyer]
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