Auch das dreizehnte Melt lockt, wie seine zwölf Vorgänger zuvor, mit einem riesen Line Up und dem Versprechen eines entspannten Wochenendes trotz 20.000 verkaufter Karten. Geht das noch gut? Ausprobieren.
Der Anfang ist vielversprechend. Parkplatz, Zeltplatz, sowie der „Karten gegen Bändertausch“ geht alles schnell und ohne Warten. Viele Zelte stehen schon. Wohl wegen dem Audiolith Pferdemarkt vom Vortag, der, was man so hört, wie erwartet sehr gut besucht war. Also Zelt auf und bei dreißig Grad als erstes zum See, der ist zwar nicht ganz so sauber wie erhofft, aber dafür kalt genug. Nur noch Duschen und ab zum Festivalgelände.
FREITAG
Main Stage: Tocotronic
Wie oft hat man Tocotronic schon gesehen? Und warum schaut man sich die immer wieder gern an? Ist es vielleicht das Versprechen für einen guten Start ins Festival weil man weiß was man hat. Oder ist es das heimische Gefühl, dass sich bei den Hamburgern einstellt. Egal. Den aufkommenden Stadionrockvorwürfen brauchen sie sich auf dem Melt nicht stellen. Dagegen spricht die Songauswahl. Denn mit Songs wie „Drüben auf dem Hügel“ wird nicht auf Pogomop sondern auf den Hörer der ersten Stunde abgezielt, und der ist aus dem Alter längst raus. Überraschend wie wenig vom neuen Album kam, aber wer so einen Songbackkatolog im Koffer hat, darf da ruhig drauf zurückgreifen.
Intro Zelt: Health
Chaos ist das nicht, auch wenn man das vermuten könnte. Das ist präzise auf den Punkt gespielter Electro-Gitarren-Noise, der vor Ideen und Energie nur so sprüht. Health aus L.A. prügeln alles nieder und das in mächtig. Dem Publikum gefällt es. Ist auch viel mehr los als Uhrzeit, Bandbekanntheit und Hitze im Zelt vermuten lässt. 45 Minuten Lärm später dürfen Health sehr zufrieden die Bühne verlassen. Recht viel mehr wäre auch nicht gegangen.
Intro Zelt: Yeasayer
Einem DJ würde man so einem Übergang nicht verzeihen, der Melt Organisation schon. Das Intro Zelt noch voller als zuvor bei Health. Es ist Sommer. Und was für einer. Der Eröffnungssong auch passend „Here Comes The Summer“ vom Debüt. Absicht? Zufall? Egal, der Song zieht rein in den typischen Yeasayer Rhythmus. Das wird sich die nächste Stunde auch nicht mehr ändern. Da wird durchgetanzt, egal ob zu den experimentelleren Sachen des ersten Albums oder den poppigen Stücken des aktuellen. Und zum Schluss der Höhepunkt gesetzt mit Ambling Alp. Danach darf ein schweißgebadetes Publikum endlich das Intro Zelt verlassen.
Heat! @ Desperados Beach: Mala
Der Desperados Beach hält was sie verspricht. Sand. Und den in großen Mengen. Das ist schön und eine nette Idee, aber zum Tanzen nicht sehr geeignet. Vielleicht nicht der richtige Ort für Mala und seine wobbelnden Dubstep, aber genießen kann man ihn trotzdem sehr gut. Und wenn man auf Sand schon nicht tanzen kann, zum spechten reicht’s, und dafür sind die Bässe ideal. Der Sand nimmt auch die Entscheidung für die am Samstag zeitgleich spielenden Schlachthofbronx und Chromeo vorweg. Zweitgenannte gewinnen, die haben wenigstens noch festen Boden unter den Füßen.
Intro Zelt: 1000 Robota
Wie gut haben die angefangen. Wie hoch gelobt sind die geworden. Und das beim Debüt „Du Nicht Er Nicht Sie Nicht“ noch zu Recht. Aber mit Weiterentwicklung haben es die Jungs aus Hamburg nicht so. Das ist schade, denn das Debüt ist totgehört und die neuen Songs versprechen, zumindest live, keine Entwicklung. Die Hamburger bedienen sich weiter an „Gang Of Four“ und anderen Postpunk Helden der 80er, schreiben kryptische Texte dazu und fertig ist der 1000 Robota Song. Enttäuschend und verdient schlecht besucht.
Schade dass der erste Tag so ausklingt, aber für Mehr reicht dank viel zu frühem Aufstehen einfach die Energie nicht mehr. Zeltplatz statt Sleepless Floor ist das Motto, das wissen aber die Nachbarn am Campingplatz nicht. Die haben sich gleich eine komplette DJ Anlage mitgebracht und beschenken die restlichen Camper mit einem Best Of Audiolith Set. Dazu gibt’s schlechte Coverversionen bekannter Songs. Welcher Hobby DJ glaubt eigentlich es wäre gut drei verschiedene Coverversionen von „Paint It Black“ in 15 Minuten zu spielen. Ach und danke lieber DJ für „Goa Goa MPU, ja?“ von H.Gicht. Schön dieses wichtige Stück (VIDEO) deutscher Popgeschichte verspätet kennenzulernen.
SAMSTAG
Main Stage: Dendemann
Dendemann hat es geschafft. Der einzige richtige MC auf dem ganzen Festival und das noch dazu auf der Main Stage. Respekt. Aber das weiß der auch. Sonst würde er ja nicht zum Publikum sagen „Für HipHop ist das ganz schön gut oder?“. Überhaupt sind seine Ansagen 1a. Auf die Idee in denen bestimmte Schlüsselwörter so zu verstecken, dass man den nächsten Song erraten kann, das beweist Klasse, und unterstreicht einmal mehr sein Können im Umgang mit Sprache. Das Publikum hat er auch im Griff. Da lohnt sich die neue Öffnung in Richtung „Rock“ sowie die ganzen Indie Klassiker Sprengsel wie die Gitarre aus „Are You Gonna Be My Girl“. Die Band spielt auch echt gut und der Spagat zwischen HipHop, Rock und Indie ist gelungen. So stumpf kommen wir nicht mehr zusammen? Quatsch. Wenn der mal in der Gegend ist, dann heißt es vorbeischauen.
Bench Gemini Stage: Friendly Fires
Dank Dendemann die erste Hälfte des Sets verpasst. Zwei Sachen fallen sofort ins Auge und Ohr. Es ist rappelvoll und der Sound ist sehr schlecht abgemischt. Der Gesang geht unter und die Beats wirken nur flach. Leider vor allem beim Übersong „Kiss Of Live“. Aber es wird besser und spätestens bei „Paris“ sind Band und Mischer wieder Freunde. Das Publikum feiert ohnehin frenetisch jeden einzelnen Song ab. Trotz des schlechten Sounds kein Wunder.
Bench Gemini Stage: Miike Snow
Masken, Visuals, Beleuchtung, Intro. Alles perfekt abgemischt bei den Schweden. Hypnotische an Jean Michel Jarre erinnernde Soundscapes schwirren durch die Sommerluft. Der eine tanzt, der andere entspannt. Funktioniert beides. Bei den Singles geht natürlich einiges in der bis zum letzten Platz gefüllten Gemini Stage.
Bench Gemini Stage: Jamie Lidell
Die Dirty Projectors haben abgesagt. Große Enttäuschung. Aber mit DJ Shadow gleich noch eine schöne Alternative aufgetan. Der macht auch einen auf Dirty Projector und bleibt brav zu Haus. Super. Also auf zum Lückenfüller Jamie Lidell, der veröffentlicht ja auf Warp Records und von früheren Konzerten hat man auch nur Gutes gehört. Das sind Referenzen, die eigentlich keine sind, denn warum der auf Warp rauskommt bleibt unerklärlich, und die guten Konzerte scheinen auch schon länger zurückzuliegen. Jazz-Soul-Rock Mukkermukke für Mukkemukker. Aber das technisch einwandfrei. Interessant wird es dann doch noch. Als die Band geht und Lidell mittels Sampler Schicht über Schicht seine Songs aufbaut. Mal nur mit Beatboxing, mal mit diversen Instrumenten. Dazu noch der Soulgesang und erfüllt sind die Erwartungen an ein gutes Konzert. Nach aber nur drei Songs kommt die Band zurück, wir gehen dafür.
Main Stage: Chris Cunningham
Sein Wirken als Videodirector für diverse gute Bands (Aphex Twin, The Horrors, Squarepusher) verheimlicht Cunningham ebenso wenig wie seine Vorliebe für harte Beats und konfusen Aufbau. Der erste Blick in die Mainstage zeigt drei Riesenleinwände auf denen der Engländer seine Videos auf den Takt genau abgestimmt zu seinen überdrehten aggressiven Drum’n’Bass, Breakbeat und Industrial Mix ablaufen lässt. Tanzen kann hier keiner, und so mancher verträgt auch die visuelle Heftigkeit nicht. So leert Cunningham auf seine eigene beeindruckende Weise so ziemlich die ganze Main Stage. Schade, denn Aufmerksamkeit hätte das durchaus mehr verdient.
Bench Gemini Stage: Chromeo
„Night By Night“ ist der erste große Hit Chromeos, deren Debütalbum für den September geplant ist. Kitschige 80er Musik mit noch kitschigeren Gitarrensoli verknüpft. Das muss man mögen, genauso wie den Style des Sängers, der sich ins Kitschkonzept perfekt einfügt. Zum Glück für Chromeo mögen das sehr viele und so ist die Gemini Stage bis zum bersten gefüllt, das Publikum glücklich, fehlen nur noch die „Beverly Hills Cop Visuals“ im Hintergrund und alles wäre perfekt.
Und dank fortgeschrittenen Alters sowie Alkoholkonsum gibt’s auch heute keinen Sleepless Floor. Das überlassen wir schön den 20 jährigen Ravern, machen uns auf den Weg zum Zeltplatz und hoffen, dass auch an den Nachbarn der zweite Tag nicht spurlos vorüber gegangen ist. Ist er nicht. Danke.
SONNTAG
Bench Gemini Stage: Kings Of Convenience
Im Programmheft nur als Convenience angekündigt, machten die Könige dieser ihren Namen alle Ehre. Convenient war das auf jeden Fall was Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe abgeliefert haben. Immer wieder erstaunlich, dass sich so viele Leute mit so einfachen Mitteln Fesseln lassen. Für einen Sommersonntagnachmitag genau das Richtige, die Gitarre schwirrt gleich der Hitze durch die Luft und lässt diese fast vergessen. Ein Auftritt der auch dank eines gut gelaunten Sängers, lang in Erinnerung bleiben wird. Und spätestens als der dazukommende Violinist sein Solo zum Besten gibt und langsam aber sicher die Melodie von „No Woman No Cry“ durchschimmern lässt gibt’s kein Halten mehr und 600 Leute stimmen mit ein.
Intro Zelt: Beta
Ein bisschen spät dran für Beta. Die spielen leider nur noch drei Songs, aber die haben es in sich. Ein starker 80er Einschlag vor allen von Seiten New Orders ist bemerkbar, aber wer das so jung und mit so viel Energie auf die Bühne bringt, dem sei verziehen. Vorausgesetzt die Band macht in ihrer weiteren Laufbahn von so viel Potential auf Weiterentwicklung Gebrauch. Das macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Und das gibt es zum Glück beim Konzert in Nürnberg.
Converse Main Stage: Get Well Soon
Lag es an der Hitze, an der steten Auseinandersetzung mit Musik seit drei Tagen, an mangelnder Spielfreude seitens der Band, wir wissen es nicht, aber Get Well Soon spielt an uns vorbei. Spätestens bei der Hälfte des Sets wird bewusst, dass keiner der Band gefolgt ist. Der Blick ins Publikum vor der Bühne verrät, dass es nicht nur uns so geht. Schade, aber wer solche Studioalben hinzaubert, sollte das auch auf der Bühne umsetzen können. Den beim genauen Zuhören klingt das fast wie die Goth-Metal Band von nebenan, deren Sängerin klingt nämlich auch so unpassend und die Instrumentierung genauso gezwungen.
Converse Main Stage: Broken Bells
Endspurt. Letzte Band des Festivals, zumindest für uns. Aber leider können auch die Broken Bells die Studiomesslatte live nicht halten. Obwohl dass alles wirklich gut ist und auch, ähnlich den Kings Of Convenience, perfekt zu Stimmung und Wetter passt, entscheiden wir uns trotzdem nach der Single „The High road“, also circa nach der Hälfte des Sets die Heimreise anzutreten. Denn was wir während der ersten Hälfte gelernt haben ist, dass sich die zweite sicher nicht anders anhören wird.
Ende. Es geht nach Haus und wir verlassen etwas wehmütig ein unglaublich gut organisiertes und entspanntes Festival bei dem alles zu stimmen scheint. Vom Line Up über die Essenstände bis zu den Duschen alles gut. Friedliches, kreatives und vor allem auffällig gutangezogenes Publikum, keine überfüllten Stände und kein Stress. Da bereuen wir nur, dass wir heute noch Turbostaat, Massive Attack, Fake Blood und die Crookers verpassen, und dass wir aus Mangel an Alternativen das ganze Wochenende Warsteiner als Biersorte bevorzugen mussten. Bis zum nächsten Jahr Melt, vielleicht reicht es dann auch mal für den Sleepless Floor.
(ap)
BARNI | 22.07.2010 | 21:43 und wo ist der Donnerstag, die besten Acts haben doch dort gespielt :) >> Klick mich << |
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