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MAGAZIN // CURT BERICHTET

Volksentscheid: Am Sonntag zählt es!
Freitag, 2. Juli 2010
Während Schlaand im kollektiven Freudentaumel - bestehend aus Rauchern und Nichtrauchern - dem WM-Viertelfinale entgegenfiebert, droht am Sonntag das Finale eines beinahe dreijährigen Wettkampfes zur Nebensache zu verkommen. Dabei hat der Volksentscheid zum Rauchverbot eine wesentlich höhere Tragweite.

++ Donnerstagabend wird beim sozialen Netzwerk Facebook folgendes Zitat aus der Süddeutschen Zeitung geposted: „Gut zwei Drittel der Bayern glauben offenbar, sie stimmten automatisch gegen eine Verschärfung des Rauchverbotes, wenn sie gar nicht ins Wahllokal gehen!“ Hat das jemand gelesen? Wenn schon nicht SZ, dann wenigstens Facebook, oder? Das angesagteste und glaubwürdigste aller Medienersatzbefriedigungsportale hat mal wieder zugeschlagen. Wer braucht denn schon eine Zeitung? Kein „Gefällt mir“, kein Kommentar. Dafür über 210.000 Teilnehmer bei der Facebook-Veranstaltung „Argentinier nach Hause schicken“, die es laut Aussage des Initiators sogar bis in die spanische Presse geschafft hat. Klar, die Spanier haben Platz für so was. Die treffen sich nach dem Spiel vor der Bar ihres Vertrauens und qualmen sich die Lunge aus dem Leib die halbe Nacht lang. Wer da wohnt hat keine Chance, was gleichbedeutend mit kommt runter, holt sich nen Drink, zündet sich eine (oder keine) an und quatscht einfach mit ist. Aber in Bayern? In Nürnberg? Da ist so etwas unvorstellbar, obwohl es die Mutter aller Lösungen wäre.

Als der Bundestag 2007 den ersten Gesetzentwurf zum Nichtraucherschutz verabschiedet und damit das Rauchen in allen Bundesbehörden, Gerichten, Stiftungen und öffentlichen Verkehrsmitteln verbietet, stellt der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber dem ein „Leben und leben lassen“ entgegen. Eine Aussage mit Folgen, nicht nur für seine Partei. Es kommt das strikteste Rauchverbot eines deutschen Bundeslandes, für Nürnberg gleichbedeutend mit einer gastronomischen Katastrophe. Die Raucher (und Nichtraucher, die sich zwecks Kommunikation hinzu gesellen), werden vor die Türe verbannt. Hier sollen sie die Klappe halten, kein Getränk mit raus nehmen, sich am besten weit vom Club entfernen und sich bloß nicht darüber beschweren. Ganz im Gegensatz zu den Anwohnern. Die beschweren sich en masse. Und haben Erfolg. Der nennt sich vorerst Raucherclub. Beziehungsweise Gesetzeslücke. Die Probleme scheinen vom Tisch, Anwohner, Raucher und auch die Nichtraucher wiedervereint. Scheinen. Dazu die Nummer mit der Einraumkneipe, die laut Bundesverfassungsgericht eine Art Selbstbestimmungsrecht erhält und alle scheinen zufrieden. Scheinen. In Bayern verständigt sich die Regierungskoalition nach der Landtagswahl 2008 auf eine generelle Lockerung inklusive Festzelt und abgetrenntem Nebenraum. Der Geist von Stoiber hat gesiegt. Alles paletti, oder?

Laut Internetseite der Initiative „Bayern sagt nein zum totalen Rauchverbot“ sind 85% der bayrischen Gasthäuser, Cafes, Lounges, Hotels und Restaurants inzwischen absolut rauchfrei. Bedeutet, gerade mal 15% der Betriebe lassen noch Qualmerei zu. Das Problem: Die Menschen, die sich in diesen aus verschiedensten Gründen (von altersbedingt bis Abneigung) Betrieben nie aufhalten werden, finden, das ist des Guten nicht genug. SO funktioniert Demokratie. Die Unbeteiligten werden zu Beteiligten gemacht. Aufgerüttelt von der ÖDP und ihrem Volksbegehren stehen sie alle vor der Unterschriftenliste: Der 48jährige Realschullehrer, der in seiner Freizeit gerne im Garten Unkräuter rupft und einmal im Monat zum Italiener um die Ecke essen geht. Die 19jährige Bürokauffrau mit Großraumdisco-Affinität, die auf die Frage nach dem „Warum“ mit „ist doch geil, dagegen zu sein“ antwortet. Die 31jährige Mutter von drei Kindern, die zuhause in der Küche eineinhalb Schachteln pro Tag qualmt und gerne „Britt“ schaut, aber denkt dass ihre Kinder in einer gesunden Umwelt aufleben sollten. Oder der 71jährige ehemalige Berufssoldat, der gerade den 30jährigen Krieg auf seinem Wohnzimmertisch in Miniaturformat nachstellt und findet, dass auch bei den jungen Leuten Pflicht und (rauchfreie) Ordnung herrschen sollen. Alle sind sie dabei. Und noch viele mehr. Sebastian Frankenberger & Co jubeln über bis zu 1,3 Millionen Unterschriften, der Landtag muss den Weg zum Volksentscheid freigeben. Jetzt wird es ernst.

Und es wird eng. Verdammt eng. Gemäß den aktuellen Zahlen des Portals www.wahlfieber.de stehen 50,06% Ja-Stimmen 49,94% Nein-Stimmen gegenüber. Besorgniserregend ist dabei vor allem eines: Die hohe Anzahl der Menschen, die gerne ausgehen, aber anscheinend kein Bewußtsein dafür haben, welche Auswirkungen der Volksentscheid in Nürnberg haben kann und - betrachtet man die Reaktionen der Behörden auf das erste strikte Rauchverbot - wird. Die wegen lang Party gemacht am Samstag mit Ausschlafen und so, fürchterlicher Grunddenke (geht doch auch ohne mich klar, oder?) oder weil Schlaand gewonnen beziehungsweise verloren hat, nicht zur Abstimmung gehen und sich dann drüber wundern, was in ihrer schönen Stadt, besser: Metropolregion, so alles passiert in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren. Das ist das Gegenteil von „Leben und Leben lassen“. Das ist Leben und Sterben lassen!

(dl)

TEIL 1 unserer Umfrage Gastronomen, Künstlern, Musikern, DJs und weiteren Personen des Nürnberger Nachtlebens zum Volksentscheid.
TEIL 2 der Umfrage.

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Kommentare (3)

SPINNINGB | 05.07.2010 | 13:39
Propaganda? Hm, Jetzt mal nicht übertreiben. Würde das eher als Stellungsnahme oder Kommentar beschreiben!
Die Meinung des Verfassers war zwar zu erkennen, aber hier nun von Propaganda zu sprechen.

Die Umfrage im Gastro bzw. Nachtleben, kann man jetzt auch nicht als Propaganda bezeichnen.

MISCHWOB | 04.07.2010 | 23:34
Wow, Demokratie kann ja doch richtig Spaß machen.

Rauchen ist rauchen. Sonst nichts.

TAG2 | 04.07.2010 | 20:54
Ja, war schon sehr knapp: 61% Ja zu 39% Nein.
Da hat wohl auch die Propaganda auf curt.de nichts geholfen.



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