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SELLFISH

Interview mit KEN
Dienstag, 20. April 2010
E-Mail-Interviews genießen im Allgemeinen keinen guten Ruf und das völlig zu Recht. Sie sind unpersönlich und selten aufschlussreich. Meistens spulen Künstler hier genau das ab, was bereits in der Presseinfo zum Album steht. Nicht so bei Aydo Abay, Frontmann von Ken und den meisten wohl vor allem als Sänger von Blackmail bekannt, die er inzwischen demonstrativ nur noch „Blackfail“ nennt. Seit 2008 gehen die Band und er offiziell getrennte Wege und so war es natürlich nur naheliegend, dass Abay seine Zweitband KEN wieder reanimiert.

„Yes We Ken“ heißt das vierte Album der kleinen Supergroup, bei der unter anderem auch Georg Brenner (Urlaub in Polen), Michael Borwitzky (Ex-Union Youth) und Marcel von der Weiden mitspielen. Im April geht es zehn Tage lang auf Tour und vorher wollten wir von Abay wissen, ob seine neue Hauptband nun häufiger zum Zug kommt, ob er sich vorstellen kann überhaupt mal etwas fernab von Musik zu machen und wie sie ihren Produzenten Guido Lucas von elektronischen Experimenten überzeugen konnten. Wir bekamen prägnante Antworten mit einem leichten Hauch von Zynismus, jeder Menge Ernsthaftigkeit und eine Offenbarung in Abays Beziehung zu Stefan Raab.

„Yes We Ken“ ist zwar bereits das vierte KEN-Album, aber es ist das erste seit Deiner Trennung von Blackmail, fühlt es sich deshalb wie ein Neustart an oder ist es „nur“ die Fortsetzung von einem Projekt, das schon seit vielen Jahren da ist?
Es ist etwas von beidem. Aufbruch, weil es das erste musikalische Lebenszeichen, seit meinem Ausstieg bei BLACKFAIL ist und Fortsetzung, weil es ein weiteres Album der Band ist. Da sich KEN aber immer wieder neu zusammensetzt kann man nicht wirklich von einer Fortsetzung im traditionellen Sinne sprechen. Es ist ein neuer Anfang. Und er fühlt sich verdammt gut an.

Hast du Dich nach dem Weggang von Blackmail gleich wieder ins Songwriting gestürzt oder hast Du erst einmal etwas Abstand vom Musik machen benötigt?
Eigentlich trenne ich mich von BLACKFAIL seit 2006. Zu dieser Zeit haben wir auch schon mit den Vorbereitungen für YES WE angefangen. Nach der Trennung die Fertigstellung aber konkret fokussiert. Abstand war nicht nötig.

Du bist in der Zwischenzeit mal mit Sometree auf der Bühne gestanden, Du hast Artikel für das OPAK-Magazin geschrieben. Gab es für Dich nie die Option irgendetwas fernab von Musik zu machen?
Ich träume in der Tat von einer Möglichkeit Geld zu verdienen, die nichts mit Musik zu tun hat. Ich bin mir aber immer noch nicht sicher, in welche Richtung ich mich bewegen muss, um mich auch tatsächlich wohl zu fühlen. Ich mache dieses und jenes. Irgendwas bleibt bestimmt mal hängen. Ich hätte gerne ein gutes Restaurant. Das wäre fein.

War der Albumtitel einfach nur ein naheliegendes Wortspiel oder habt ihr euch tatsächlich von der Aufbruchsstimmung des Obama-Wahlkampfs und dessen Parole „Yes We Can“ beflügeln lassen?
Indirekt schon. Es hat einen ja eine Zeit lang regelrecht verfolgt. Ich fand es passend und so haben wir ihn genutzt. Macht bei unserem Bandnamen aber auch Sinn, wie ich finde. Das wird schon alles wachsen. Da bin ich mir sicher.

Das neue Album klingt musikalisch nicht wie ein Neuanfang, aber schon wie ein ziemlicher Befreiungsschlag. Die Songs fallen sehr abwechslungsreich aus, war das von Anfang an so geplant oder liegt das einfach an den Einflüssen der verschiedenen Beteiligten?
Wir planen nicht. Wir machen nur.

Auf „Yes We Ken“ befinden sich zwar auch recht geradlinige Rocksongs und lärmige Passagen, es gibt aber auch fast lupenreine Pop-Songs und elektronisch dominierte Stücke, wie konntet ihr Guido Lucas davon überzeugen?
Das war überhaupt kein Problem, da Guido ein Mensch ist, der sich in alles reinfinden kann, solange es Substanz hat. Wenn Guido allerdings sagt, dass gewisse Sachen überhaupt nicht gehen, sollte man darauf hören. Der Mann hat fast immer recht.

In der Info zum neuen Album heißt es, dass Du zum ersten Mal in Deinem Leben so richtig dauerhaft verliebt bist und dass sich das auch auf die Texte ausgewirkt hat. Meistens setzt sich Kunst eher mit negativen Gefühlen auseinander, wie schwierig ist es gute Songs zu schreiben, die nicht ins Kitschige abdriften, wenn die positiven Gefühle dominieren?
Ich hasse die Bandinfo.

Die Vertriebswege für Musik haben sich radikal verändert im letzten Jahrzehnt, manchmal hat man das Gefühl Musik machen lohnt sich nur noch für Bands, die richtig viele Tonträger verkaufen, für alle anderen kann es nur noch ein schönes Hobby sein. Was gibt einem den Antrieb weiterzumachen, wenn man irgendwo zwischen diesen Polen steckt?
Hmmm.. soweit bin ich noch nicht. Mit BLACKFAIL haben wir noch nie an den Tonträgern verdient. Das war immer ein Minusgeschäft. Also bin ich das schonmal gewohnt. Man lebt eigentlich von einem Vorschuss zum nächsten. Ich bin mal gespannt, wie lange das noch gut geht. Finanziell geht es mir besser denn je. Ich kann selbst entscheiden und muss nicht teilen. Die Band finanziert sich selber und der Rest kommt irgendwie. Wünscht mir Glück.

Du kritisierst die Rex Gildo-sierung in der Rockszene, dass alles angepasster wird und dass sich weniger getraut wird. Woher kommt das Deiner Meinung nach?
Ich kann es dir nicht sagen. Alle machen da mit. Alle sehen gut aus dabei. Warum sollte man sich da noch ärgern. Ich finde Stefan Raab mittlerweile sogar wichtig für die deutsche Unterhaltungsindustrie. Ist das nicht schlimm? Aber er und seine Sendung sind die wenigen Plattformen, wo Musik noch von Belang ist. Das ist traurig aber wahr. Es gibt Bands, die bauen ihre Karriere auf eine Teilnahme beim Bundesvision Songcontest auf. Unglaublich arm, aber auch nachvollziehbar. Ich wünsche allen viel Glück mit diesem Vorhaben.

Wirst Du in Zukunft mit KEN häufiger Alben veröffentlichen, wird aus KEN jetzt vielleicht sogar eine richtige Band, da Du nicht mehr bei Blackmail eingebunden bist?
Natürlich. Ich habe gerade erst angefangen.

Interview: Sebastian Gloser
Fotos: Pressefreigaben

KEN auf Tour:
21.04.2010 Wiesbaden, Schlachthof
22.04.2010 Luzern, Bar 59
23.04.2010 Stuttgart, Kellerklub
24.04.2010 Laufen, Biomill
25.04.2010 München, 59 to 1
26.04.2010 Köln, Luxor
27.04.2010 Dortmund, FZW
28.04.2010 Berlin, Magnet
29.04.2010 Hamburg, Hafenklang
30.04.2010 Hannover, Chéz Heinz

www.myspace.com/yesweken

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