„Accident Book“ haben Savoy Grand ihr viertes Album betitelt, welches im vergangenen Dezember beim deutschen Label Glitterhouse erschienen ist und welches wir bei sellfish gleich zur Platte des Monats küren mussten, weil wir unsere Herbst-Melancholie in dieser traurig-schönen Musik so gut wiedererkannten.
Dabei ist das Album natürlich alles andere als ein Unfall, denn Savoy Grand haben sich ganze vier Jahre lang Zeit gelassen, um neun schüchterne Songs zu entwickeln, die genau dort den Stecker ziehen, wo bei Bands wie Mogwai die Sicherung durchbrennt.
Nun kommen die Briten auf ausgedehnte Deutschland-Tour und machen dabei auch zweimal in Bayern halt (Erlangen, 5.3. und Bamberg, 6.3.). Ein guter Anlass, um bei Savoy Grand-Kopf Graham Langley einmal nachzufragen, wie es sich so anfühlt, wenn einen die heimische Presse in Großbritannien konsequent ignoriert und ob er es nicht vermisst bei all seinen ruhigen Liedern auch mal richtig auszurasten.
Bis zur Veröffentlichung von „Accident Book“ war es vier Jahre lang sehr ruhig um Savoy Grand, warst du von den vielen positiven Reaktionen auf das neue Album vielleicht selbst ein wenig überrascht, normalerweise verlieren viele Hörer, aber auch die Medien bei einer so langen Pause ja gerne mal das Interesse.
Ja, ich bin tatsächlich überrascht über den ganzen Zuspruch. Vielleicht ist es einfach der richtige Zeitpunkt, das passende Gefühl. Wahrscheinlich auch ein bisschen Glü ck. Vor allem ist es aber eine großartige Platte geworden, zugänglicher als unsere letzte. Ich erwarte aber nie positive Kritiken und bin somit immer überrascht. Nicht, dass ich nicht denke, dass unsere Musik das nicht wert wä re, aber es ist wie bei vielen Künstlern: Mein schärfster Kritiker bin ich selbst und man könnte natürlich immer noch in ganz andere Richtungen gehen. Außerdem habe ich das Album diesmal zum ersten Mal selbst produziert und aufgenommen, wes wegen ich sehr nervös war und so fühle ich mich jetzt sehr befreit und freue mich auf die nächste Platte.
In Deutschland hat man manchmal das Gefühl britische Medien würden im Mutterland des Pop tatsächlich auch fast ausschließlich über Popmusik im weiteren Sinne beri chten. E ine Band wie Seachange zum Beispiel war in Deutschland erfolgreicher, als in ihrer Heimat, wie kommt das? Finden Savoy Grand in den britischen Medien überhaupt statt?
Im Moment werden Savoy Grand nicht wirklich registriert auf dem Radar der britischen Medien. Wir haben einige Fans, aber wir haben „Accident Book“ hier noch nicht einmal veröffentlicht. It is a numbers game in the UK, there is a huge amount of new bands, and it is the newness that people want to sell, the lifestyle choice of the next big thing. Ich bin zu alt und zynisch, um zu versuchen ein Teil davon zu sein. Das mag eine schwarzmalerische Einstellung sein, obwohl ich der Meinung bin, dass unsere Musik besser ist, als die meisten Sachen, die ich so mitbekomme. Ich habe aber einfach nicht die Energie dafür, irgendeine Pseudoaktivität vorzutäuschen, um das Interesse der Leute aufrechtzuerhalten. People aren’t that desperate and stupid, are they? Are they? Wenn unsere Musik gut genug ist, werden es die Leute hören wollen. Wir versuchen einfach weiter Musik zu machen, das ist schwer genug - eine sehr altmodische Einstellung vermutlich.
Die meisten Besucher von Pop- und Rock-Konzerten wollen live die Musik körperlich erleben, sie erwarten eine Art „Action-Faktor“ . Eure Musik lebt dagegen von Ruhe, es geht nicht um eine spektakuläre Bühnen show und Rock-Klischees, gab es schon mal Probleme mit dem Publikum, weil es Leute gab, die mit einer anderen Erwartung das Konzert besucht haben?
Eigentlich nicht. Einmal haben wir in den Niederlanden in einem Laden gespielt, der eher ein Pizza-Restaurant war und wir haben relativ früh gespielt, als noch Kinder durch die Gegend gerannt sind und die Leute Essen bestellt haben. Es war trotzdem ziemlich gut. Ein Teil des Vergnügens an Savoy Grand ist es mit dieser scheinbar extrem langsamen und leisen Musik das Publikum für sich zu gewinnen. Das ist auch der Grund, warum ich es immer genossen habe Support Shows zu spielen. Die Leute hö ren nicht einfach nur der Musik zu, sie fühlen, was auch immer die Musik transportiert und das kann genauso fesselnd sein as a guitarist back-flipping off a mini trampoli ne, or a DJ waving a glo-stick.
Der Sound von Savoy Grand klingt sehr eigen, er lässt sich nicht in eine bestimmte Schublade stecken und im Gegensatz zu vielen anderen Bands fallen einem nicht sofort Vergleichsgrößen oder ähnlich klingende Bands ein. Wo liegen die Einflüsse von Savoy Grand?
Meine Songs sind beeinflusst von der Musik, die ich in meinen letzten Teenager-Jahren, Anfang 20 gehört habe: The Smiths, American Music Club und vor allem die Red House Painters.Ich glaube Billy Bragg war mit seinem Gitarrenspiel auch ein großer Einfluss. Und ich habe mich immer zu langsamen Songs hingezogen gefü hlt. Ich bin einfach ein alter Romantiker. Kürzlich habe ich realisiert in welchem Moment Savoy Grand geboren wurde: Ich spielte in einer Band während meines Studiums, we were a weird mix, kind of grungey, Buffalo Tom-ish (irgendwer hat uns mal als eine Mischung aus Anthrax und The Cure beschrieben). Wir haben ein Konzert gespielt und es lief sehr schlecht, die anderen hatten die Schnauze voll und gingen von der Bühne, aber ich bin auf der Bühne geblieben und habe ganz langsam und klar gesungen. Nur ich und meine Gitarre. Es hat sich großartig angefühlt. Then someone shouted “fuck off”. So I did.
Hast du nicht selbst manchmal das Bedürfnis beim Songwriting oder auch live total auszurasten und die unglaublich behutsam aufgebauten Songstrukturen einzureißen? Hast du irgendwelche Nebenprojekte? Eine Punk- oder eine lärmende Hardcoreband zum Beispiel oder kannst du auch ein Gefühl wie Wut problemlos in sehr ruhiger Musik verarbeiten?
Es gab schon mal Nebenprojekte und ich habe etwas Musik fürs Fernsehen gemacht , die überhaupt nicht nach Savoy Grand klingt, was ich auch sehr genossen habe. Ich würde schon sagen, dass da auch Wut in Savoy Grand steckt, die aber anders dargestellt wird. Wir haben bei Proben immer viel ausprobiert mit unseren Songs, aber es klang einfach nicht natürlich. Wir tun einfach nur, was sich richtig anfühlt und das ist immer bei den langsamen, kargen Songs der Fall. Das kann natürlich nicht immer so weitergehen, irgendwas muss passieren. Eines Tages werde ich explodieren.
Wie geht es nach der Deutschlandtour weiter, was habt ihr in diesem Jahr noch geplant und müssen die Fans danach wieder vier Jahre bis zum nä chsten Album warten oder bist du nach den positiven Reaktionen auf „Accident Book“ so motiviert, dass es vielleicht schon bald wieder etwas neues von Savoy Grand gibt?
No specific plans, a few seeds have been sown. Ich hoffe, dass nach dieser Platte schneller etwas nachkommt und es nicht wieder vier Jahre dauert. Das habe ich beim letzten Mal aber auch gesagt.
Interview: Sebastian Gloser
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