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MUSIK

Angehört: Hot Chip - One Life Stand
Mittwoch, 27. Januar 2010
Gerade erst mit schizophrener Bestürzung ein zwei Remixe Joe Goddards von der Festplatte geworfen und schon soll man das neue Hot Chip Album gut finden. Normalerweise kein Thema. Aber vielleicht muss auch mal jemand das Gegenteil vom Rest behaupten.

++ Hot Chip. Ihr wisst schon. Das sind die, die den Vollbart damals an den Kommerz verkauft haben. Ohne es zu wollen. Natürlich. Was will man denn überhaupt? Denn man will ja keinem wehtun. Sich selbst am Wenigsten. Schuld ist immer die Plattenfirma. Der Vollbart ist auch gestutzt jetzt. Beziehungsweise zum Schnurrbart geschrumpft (Felix Martin). Sinnbild eines Ex-Nerdtums, das heutzutage nicht nur in Berlin von der halben Stadt (=Szene) adaptiert wird. Aber hey! Hier kommt Hot Chip. Vorhang auf für ein kleines bisschen Horrorschau. Zugegeben: das war jetzt schon übertrieben... (abgesehen davon, dass man grundsätzlich nicht aus einem Hosen-Song zitieren sollte.)

Die Realität schaut zumindest nicht ganz so schlimm aus. Erst mal durchgelesen, was der Rest der Welt so geschrieben hat. Sinnbildlich Andreas Bocholte bei Spiegel Online, der 9 (von 10) Punkten vergibt und das mit Mut zur Klarheit, keiner Rücksicht auf den Verlust des alten Stils, vertieften Funk- und Soulwidmungen, perfektem Pop und einer für Kopfmenschen reifen Leistung begründet. So. Und jetzt kaufen bitte. Oder weiter lesen. Und dann kaufen. Oder nicht.

Synthesizer-Intro. Vierviertel-Basedrum auf etwa 130 bpm. Eine Stimme, die ungefähr so klingt wie Morten Harket (A-ha) zur besten „Take On Me“-Zeit. Die Bridge, harmonisch gesehen, exakt wie „Fade to grey“ (Visage). Innovativ oder einfallslos? Der Opener „Thieves In The Night“ läuft sich recht belanglos durch die Stereoanlage. Ehrlich gesagt. Dann ein „Soulzitat“ in Form eines typischen 60s Beats, der sich im modernen Gewand aus dem Hause Hot Chip ganz fluffig macht: „Hand Me Down Your Love“. „I Feel Better“, die dritte Nummer, hat alles was ein schlechter 80s Song braucht plus dem üblichen verdächtig-hippen (oder unhippen) Autotune-Showeffekt. Zusammengefasst und im Fokus auf die Akkordstruktur bezogen, könnte man auch zuhause Madonnas „La Isla Bonita“ über das Instrumental ins Macbook trällern und (beinahe) jeder würde einem seine unfassbaren Remixkünste abnehmen.

Es folgen der ausgekoppelte Titeltrack, dessen Video man die Sache mit den Bärten entnehmen kann und das soul-popige „Brothers“, das seinen Weg auf manch eine Weihnachts-CD 2010 finde könnte. Die darauf folgende, fast schon klassische ¾-Ballade „Slush“ übrigens auch. „Alley Cats“ zeugt dann davon, dass man auch in London The Whitest Boy Alive hört. Oder wo auch immer die Platte aufgenommen wurde oder man sich inspirieren hat lassen. Ist aber ein toller Song - vielleicht der Beste auf „One Life Stand“. Grätsche zurück in die Disco: „We Hate Love“ ist ebenfalls toll, wenn man was mit sattem Housebeat, maschinell erzeugten Baselines und zu Teilen derbe zerstückelten Gesangssamples anfangen kann. Jetzt hat man diese verdammte A-ha-Remineszenz von der ersten Albumhälfte auch endgültig aus dem Kopf und findet sich in den chaotisch-systematischen Streicher- und Beatstrukturen von „Keep Quiet“ wieder. Man beginnt, Hot Chip wieder zu mögen. Das grande Finale „Take It In“ wird entsprechend im Kopfkino gefeiert. Kannte man ja auch schon von Spex-Stream und war entsprechend angefixt und gespannt auf einen Langspieler, der bei weitem nicht alles hält, was er versprochen hat.

Die erste Hälfte des Albums ist (mit Ausnahme von „Hand Me Down Your Love“) schlicht gesagt eine Katastrophe. Schlimmer geht’s kaum und wer jetzt wieder mit diesem unsäglichen Vergleich mit dem alten Material ankommt, kriegt eines auf die Mütze. Man sollte manchmal bis häufig damit aufhören, Platten in eine Historie einzubetten, die es nur auf dem Papier gibt. Schon mal drüber nachgedacht, dass Künstler die Musik machen, die ihnen zum entsprechenden Zeitpunkt schlichtweg gefällt? Sonst nichts? Und dass dabei auch mal gestandener Mist bei rauskommen kann? Der hintere Teil von „One Life Stand“ enthüllt - durchaus in einem „aufgeklarten“ Pop-Gewand - die Faszination von Hot Chip, die ohne Zweifel immer wieder das Zeug zu wunderschönen Songs haben. Und das zum Glück auch hier zeigen. Aber der Weg bis zum ersten richtig guten Song ist ein langer.

(David Lodhi)


Hot Chip - One Life Stand
Parlophone, EMI
29. Januar


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