HOME arrow MUSIK arrow SELLFISH arrow 4 Ohren, 2 Meinungen: „Contra“ von Vampire Weekend
SELLFISH

4 Ohren, 2 Meinungen: „Contra“ von Vampire Weekend
Dienstag, 19. Januar 2010
Vier Ohren, zwei Meinungen: Vampire Weekend veröffentlichen ihr zweites Album „Contra“ und bei sellfish scheiden sich darüber die Geister. Robert Heldner sieht in Vampire Weekend die wichtigste nordamerikanische Band seit den Strokes, Sebastian Gloser empfindet „Contra“ dagegen als echte Enttäuschung. Während sich die gängigen Medien zuletzt auf die Äuß erlichkeiten von Vampire Weekend konzentriert haben, geht es diesmal ausschließlich um die Musik.

Afrobeat, Oxford Comma Riddim, Punk, New Wave, Upper West Side Soweto, kongolesische Soukous, Paul Simon, Knickerbocker, Preppy-Look - es wurde viel geschrieben über Vampire Weekend in den vergangenen drei Jahren. Seit „Cape Cod Kwassa Kwassa“ als erste Single veröffentlicht wurde und die New York Times euphorisch über einen Live-Gig schrieb sind die vier Jungs der New Yorker Columbia Universität in aller Munde. Songs wie „A-Punk“ und „M79“ waren erfrischend ande rs und eigneten sich für Blogosphere und zu spät gekommene Journalisten hervorragend dazu, einen neuen Trend auszurufen. Selbst nüchtern betrachtet war das Debüt so einprä gsam und erfrischend anders wie kaum eines in den Noughties. Die Parallelen zu den Strokes - ebenfalls eine New Yorker Band mit Upper West Side Backround - werden umso frappierender, jetzt, wo das Zweitwerk vorliegt. Ganz nach Blickwinkel kann man „ Contra“ entweder als mäßigen Abklatsch des Debüts betrachten, das wieder ein bis zwei Überhits und sonst ähnlich klingenden Stilmix beherbergt. Oder aber man sieht darin die konsequente Stilfindung einer Band, die von Anfang an weiß , dass sie anders ist als alle Epigonen, die nach ihr auf den Markt gespült werden. Ähnlich wie das Zweitwerk der Strokes - „Room on Fire“ - machen Vampire Weekend wenig mehr als auf ihrem Debü t, spielen aber so knackig und konzentriert, dass man ihnen nicht böse sein kann und will. Im Gegenteil, man wünscht sich, hier eine Band gefunden zu haben, die Höhen und Tiefen der medialen Aufmerksamkeit unbeschadet ü bersteht und in 20 Jahren als stilprägend in die Musikgeschichtsbücher eingeht. Das Zeug dazu hat „Contra“. Der Überhit „Cousins“, der noch hektischer als „A-Punk“ geraten ist, und das zurückgelehnte „Diplomat's Son“ , an dem Toots & The Maytals ihre Freude hätten, rahmen das erste Top-Album des Jahres. Für mich schon jetzt die wichtigste nordamerikanische Band seit den Strokes! (Robert Heldner)

Glückwunsch. Mit „Contra“ haben sich Vampire Weekend vom Afrobeat-Hype erfolgreich emanzipiert. Ein Genre, dem sie selbst wahrscheinlich sowieso nie angehören wollten und rein musikalisch gesehen auch gar nicht angehö rt haben, wenn man Tony Allen glaubt und der muss es schließlich wissen (vgl. SPEX #322). Dabei haben sie allerdings auch ihre Leichtigkeit ü ber Bord geworfen. Zugunsten eines komplexeren Songwritings zwar, doch leider führt das auf „Contra“ nur selten zum Ziel. Der vorab veröffentlichte und an die Netz-Gemeinde verschenkte Opener „Horchata“ erinnert noch am ehest en an das selbstbetitelte Debüt und zollt ein weiteres Mal dem Percussion-Hype Tribut. Danach brechen Vampire Weekend aber radikal mit ihrer jungen Vergangenheit für die sie vom Feuilleton und einer breiten Schicht an Musikbegeisterten gleicherma ßen gefeiert wurden. Lediglich die überdrehte Single „Cousins“ und das etwas arg plump daherkommende Ska-Zitat „Holdiday“ bilden noch eine Brücke zu ehemaligen Liebschaften wie „M79“, „Oxford Comma“, „I Stand Corrected “ oder „The Kids Don’t Stand A Chance“. Ansonsten gibt es anspruchsvollere Arrangements, deutlich mehr elektronische Spielereien und leider eben auch nur noch eine Handvoll Melodien in die man sich verlieben mö chte. Diese Entwicklung kann man zunächst durchaus positiv einordnen, denn immerhin bleiben Vampire Weekend nicht auf der Stelle stehen und bemühen sich auch weiterhin darum Speerspitze zu sein, anstatt zu einem Epigonen ihrer selbst zu verkommen. „Giving Up The Gun“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich alte und neue Stilmixe der Band zu einem gelungenen Ganzen vereinen. Auch der Quasi-Titelsong „I Think Ur A Contra“ katapultiert die linken Polohemd-Trä ger in eine neue Liga, haben sie es doch geschafft zum ersten Mal ein ganz ruhiges Stück zu schreiben - man mö chte es fast Ballade nennen, das ohne ihre markante hibbelige Art auskommt und einen ausnahmsweise mal nicht an den Beinen sondern ganz nah am Herzen packt. Doch all die Weiterentwicklung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Vampire Weekend es auf „Contra“ nur selten schaffen ihre vielseitigen Ideen in mitreißende Popsongs zu packen. Insofern kann man diese Entwicklung tatsächlich mit der der Strokes vergleichen (wenn auch eher mit deren Drittling „First Impressions of Earth“ ): Beide Bands sind noch nicht am Ziel angekommen, weil sie das Experiment noch nicht vollständig mit der Eingängigkeit ihrer Debüts vereinigen konnten. (Sebastian Gloser)

www.vampireweekend.com


Twitter Facebook StudiVZ MySpace Mister Wong del.icio.us Digg.com Yigg Webnews Oneview Slashdot StumbleUpon Google


Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben.
Bitte melde Dich an oder registriere Dich.




20100313_Indabahn_Sky