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SELLFISH

Mumford & Sons // Sigh No More
Mittwoch, 25. November 2009
Oh Nein, schon wieder so ein Herrenverein! Die tragen bestimmt alle Bärte und trinken Alkohol in rauen Mengen, um ihren Herzschmerz zu ertränken. Vielleicht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn die britische Kapelle Mumford & Sons überführt den aktuellen Leisetreter-Trend mit ihrem Debüt „Sigh No More“ ins nächste Level, indem sie den Folk mit so viel Pop-Appeal aufpeppen, dass selbst dir größten Skeptiker demnächst mindestens eine Träne im Knopfloch tragen müssen.

Tatsächlich kann einen der Opener und Titelsong „Sigh No More“ zunächst etwas verschrecken, denn der beginnt mit einem Männerchor, der zumindest bei der ersten Annährung durchaus ein wenig angestaubt klingt. Dazu ein paar verhaltene Klänge von der hölzernen Klampfe, die nicht wirklich Lust auf mehr machen. Nach knapp zwei Minuten Spielzeit dann der Bruch: Das Stück türmt sich langsam auf, bis sich Gitarre, Banjo, Pauken und Trompeten vereinigen und in einen Galopp übergehen, der dann ein erstes Mal erahnen lässt, dass gleich die vielleicht ergreifendsten 48 Minuten des Jahres anstehen.

Es folgt „The Cave“, welches sich ebenfalls der gesamten Klaviatur an denkbaren Instrumenten bedient und außerdem veranschaulicht zu welchen Melodiebögen Mumford & Sons fähig sind. Mit der Gitarre im Zentrum, dem Klavier in der Hinterhand und zauberhaften Bläsern im Anschlag, will diese Platte ganz hoch hinaus und schafft das auch. „Winter Winds“ hätte Sufjan Stevens auch nicht besser hinbekommen, „Dust Bowl Dance“ wäre den befreundeten und nicht minder großartigen Noah And The Whale auch gut zu Gesicht gestanden und die Single „Little Lion Man“ hat die Kraft ausgewachsene Depressionen in die Flucht zu schlagen.

Bemerkenswert ist dabei, dass man in Großbritannien offensichtlich die Folkmusik wieder für sich entdeckt hat. Natürlich war er nie weg, der bärtige, mürrische alte Sack, aber wenn man britische Musik der letzten fünf Jahrzehnte betrachtet, kommt einem viel in den Sinn, aber bestimmt nicht Folk. Pop, Punk, Wave, Rock, Postpunk und deren Ausläufer, alle hatten sie ihre Dekade, der Folk dagegen war nur eine Randerscheinung, war verbannt in die schottischen Hochebenen oder gleich zu den irischen Nachbarn. Meisterwerke von einer Band wie Seachange fanden vor wenigen Jahren noch nicht einmal ein Label, heute würden sie wahrscheinlich die Bewegung, die sich als solche noch nicht zu erkennen gegeben hat, anführen. Folk war abgesehen von Badly Drawn Boy seit jeher ein amerikanisches Metier und in den meisten Fällen wohl viel zu kauzig für die Geschmäcker im Mutterland der Popmusik.

Mumford & Sons schlagen nun die Brücke und setzen sich dadurch noch ein wenig mehr ab, als Noah And The Whale, Laura Marling oder The Miserable Rich, die es sich nicht ganz so einfach machen, wie die vier Herren aus London. Denn wenn es einen Vorwurf gibt, den man Mumford & Sons machen kann, dann den, dass ihre Songs manchmal fast schon ein wenig zu sehr auf das zutrauliche Schema F setzen und sich ihre Stücke zumindest teilweise relativ schnell abnutzen (können). Das ändert aber trotzdem nichts daran, dass „Sigh No More“ eines der Alben des Jahres ist, weil es mehr Hits in sich trägt, als der Albumtitel Buchstaben hat. Weil hier ein Genre vollständig restauriert, vielmehr erneuert und dabei der aktuelle Folk-Trend mal eben noch links überholt wird. Ein Herbst-Soundtrack, der so viele Glückshormone ausschüttet, dass man sich fast wünscht, die Blätter würden ewig von den Bäumen fallen.

Text: Sebastian Gloser

www.myspace.com/mumfordandsons
www.cooperativemusic.com

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