Dieses Mal hat die Musikredaktion Platten von der Mediengruppe Telekommander, Ja Panik, Phantogram und den Wild Beasts unter die Lupe genommen.
Ja, Panik: „The Angst And The Money“
Staatsakt
www.myspace.com/japanik
Ja, Panik wandeln mit „The Angst And The Money“ zwischen den Graden Größenwahn und Bodenständigkeit, Pose und Ehrlichkeit, Theatralik und Relevanz. Energischer, fordernder und ungestümer als je zuvor sprüht die Band neue Parolen an die Wand, schreit nach Aufmerksamkeit und reiht sich ein in die Großen der deutschen (Indie-) Popkultur zwischen Blumfeld, Tocotronic und den Goldenen Zitronen.
Dass die Österreicher auf dem mittlerweile drittem Album mehr als je zuvor nach Ja, Panik klingen verdanken die mittlerweile Wahlberliner Moses Schneider. Der Produzent, der in Indiegefilden ja per se als Albumreferenz steht, verbannte das Scheppern und Fiepen früherer Aufnahmen und sorgte für einen klaren und sauberen Sound. Auch die Arbeitsweise im Studio hat sich geändert. „The Angst And The Money“ entstand nicht etwa in klassischen Jam Sessions, „The Angst And The Money“ entstand im Rechner. Nach der Aufnahme unzähliger Instrumentalpassagen verschob die Band diese am Bildschirm hin und her, bis die Elemente eine Eigendynamik bekamen und aus den ursprünglichen Mustern neue Songs entstanden. Dass jeder Song nach zwanzig Ideen klingt, stört dabei nicht. Trotz zahlreicher Breaks und Tempiwechsel reißen Ja, Panik dank ihrer Euphorie mit und die zuvor angesprühten Wände ein.
Die musikalische Paste und Copy Mentalität zeigt sich auch in den Texten Spechtls. Der würfelt im Referenzfeld zwischen Distelmeyer und Falco zusammen was zusammengehört. Sprachbarrieren kennt er nicht. Spechtl springt fließend vom Deutschen ins Englische und zurück und kreiert so einen Flow in seinen Texten, der seinesgleichen sucht. Auch wenn ihm immer wieder gern überbordende Intellektualität unterstellt wird, und das nicht immer zu unrecht, hat er im Gegensatz zu soviel anderen deutschsprachigen Sängern was zu sagen. Auch wenn man nicht immer gleich weiß was.
8 (von 10). ap
Wild Beasts: „Two Dancers“
Domino Records
www.wild-beasts.co.uk/
„Two Dancers“ markiert die konsequente Weiterentwicklung der Wild Beats zu einer der großen Ausnahmebands des Indiepops. Dabei ist das Zweitwerk allen voran eine Hommage an die großen Gesten, die Ausschweifung und die Exzentrik der 80er Jahre. Die Engländer bewegen sich mit Hilfe einiger Sprenkeln Britpop und Elektronik irgendwo zwischen Kate Bush, Marc Almond oder Echo And The Bunnymen. Wie der Vorgänger auch wird „Two Dancers“ die Indiegemeinde spalten, und das, obwohl die Experimente im Vergleich zum Debüt deutlich reduziert wurden. Hayden Thorpes markanter Falsettgesang, der vor allem in Zusammenspiel mit der basslastigen Stimme Tom Flemings richtig zur Geltung kommt, kann vor allem auf Albumlänge anstrengend werden und auch die Schwülstigkeit mancher Arrangements fordert oft viel Nerv. Wer sich jedoch einlässt auf die subtilen Synthesizerspielereien, den flickernden Gitarren und den pulsierenden Percussions, wird belohnt mit so großartigen Stücken wie den zwei Singles „Howling And Hooting“ und „All The Kings Men“ oder dem stark von Kate Bush geprägten „We Still Got The Taste Dancin’On Our Tongues“. 7 (von 10). ap
Phantogram: „Eyelid Movies“
BBE
www.myspace.com/phantogram
Wie weit darf Crossover heutzutage gehen? Oder wie weit geht er längst schon in den Köpfen der Künstler, während sich die Kritiker noch nicht einmal ansatzweise darüber Gedanken gemacht haben, wie das „Unheil“, dass auf sie herein brechen wird, in Worte zu fassen ist? Sind wir doch mal ehrlich, seit das Wort „Sampling“ zu unserem Standardrepetoire gehört, müssen wir uns damit abfinden, dass kreuz und quer geschossen wird. Da ist auch ein Bob Dylan längst HipHoper und Minimalist zugleich. Also weg mit dem Schubladisieren. Wobei das bei dem in Saratoga Springs (das ist da wo New York noch ganz Bundesstaat ist) stammenden Duo Sarah Barthe und Joshua Carter alias Phantogram ziemlich spannend zu lesen ist: Kick-Kick-Clap-Drums des 80s HipHop den die beiden beim Erwachsenwerden gehört haben, polyphone Soundwände wie man sie von Shoegaze kennt, Indiegitarren mit Soul, schemenhafte verträumte Melodien, beinahe schon chansonartige Stimmungen. Was nun? Der Verwirrung freien Lauf lassen? Schade, wer sich das so einfach macht. Schon der Titeltrack „When I´m Small“ weist eigentlich den richtigen Weg. Die Kunst zwischen all dem Spartenreichtum liegt darin, seinen eigenen Stempel zu verwenden. Zum Beispiel die weichen Elemente mit einem handfesten Beat zu stabilisieren. Was für eine Wucht. „Eyelid Movies“ hat - um einmal mehr ein Klischee zu bedienen - so viel TripHop wie keine Platte seit „Dummy“ von Portishead und ist trotzdem völlig anders. Vertrauenssteifer Weise einfach mal den Amazon-Player durchlaufen lassen. Und dann den Versandhaus-Käufern abnehmen, dass diese Platte am Häufigsten zusammen mit The XX gekauft wurde. Und das völlig zu Recht! Mit dieser Band werden wir alle noch viel Spaß haben! 9 (von 10). dl
Mediengruppe Telekomander: “Einer muss in Führung gehen”
Staatsakt
www.myspace.com/mediengruppetelekommander
Was machen, wenn man mit „Die Ganze Kraft Einer Kultur“ vor fünf Jahren quasi aus dem Nichts als Erfinder des ElectroPunk gefeiert wird (ob zu Recht oder nicht, sei dahin gestellt) und sich dann von einer immensen Riege an „Nachwuchs“ von „Raven gegen Deutschland“ über „8000 Mark“ bis „Yippie Yippie Yeah“ überrollt sieht? Das zweite Album „Näher am Menschen“ ging da trotz „Sprengkörper“ nahezu unter. Dafür kommt es jetzt aber gewaltig. Mit ihrem Drittwerk räumen Florian Zwietnig und Gerald Mandl das Feld von hinten auf und das hat mehrere Gründe. Erstens: Der Sound des Albums ist perfekt. Knallende 90s-Drums (tw. live gespielt), Sägezahn-Synthies, roughe Bässe, auch mal das ein oder andere Indiegitarrenlick und der gewohnt plakative Gesang, auch gerne mal mit französischen Parts („L´Esprit Nouveau“). Alleine damit steht man besser da als so manch eine Produktion gerade aus der Audiolith-Ecke. Zweitens: Die Mediengruppe jongliert mit der ganzen Disco-Thematik, banalisiert sich aber nicht auf 130bpm und for the floor. Ganz im Gegenteil fließen immer wieder deutliche Punk-Referenzen (Die Goldenen Zitronen, Abwärts...) ein, sowohl in Tempo als auch in Text („Runter Kommen“). Vielleicht auch ein bewusster Schritt, die Uptempo-Nummer „Einer Muss In Führung Gehen“ als zweite Single auszukoppeln. Drittens: Der Flow und das Gefühl für die explodierende Masse gehen nicht verloren. Aber es geht ein gutes Stück mehr um Pogo als um Rave und das ist gut so! Damit macht sich die Mediengruppe noch ein Stück mehr zum Verbindungsglied zwischen alt und neu. 8 (von 10). dl
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