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SELLFISH

Im Gespräch: The Get Up Kids
Mittwoch, 7. Oktober 2009
Eine der besten Powerpop-Bands der 90er Jahre. Eine Band, die gemeinsam mit Sunny Day Real Estate oder Mineral für den Begriff Emo stand, noch bevor er zum Synonym einer schrecklichen Jugendbewegung wurde. Ende August waren die Get Up Kids in Erlangen zu Gast. Wir waren im E-Werk dabei und plauderten mit Keyboarder James Dewees, auch bekannt als Reggie and the Full Effect. 

1999 veröffentlichten die Get Up Kids mit „Something To Write Home About“ einen Meilenstein in Sachen Pop-Punk. Nach zwei weiteren Alben löste sich die Band 2005 auf. Der Grund: „Wir waren einfach zu viel unterwegs. Jeder brauchte eine Pause. Unsere Frauen saßen daheim. Manche Ehe war dabei zu zerbrechen. Man kann nicht immer so weiter machen. Ich bin nicht mehr 21. Mit 33 hat man eine Menge Verantwortung“, so Dewees. So schmerzhaft die Trennung einst war, so schön ist es, die Band wieder auf der Bühne zu sehen. Der Grund für die Reunion ist ähnlich simpel: „Das war einfach der richtige Zeitpunkt. Hat sich auch gar nicht wie eine Reunion angefühlt. Matt und ich telefonierten einfach. Wir dachten uns: OK, cool. Let’s try it again. That’s it.“ Bis November ist die Band jetzt unterwegs. Dewees hat trotzdem keine Angst, dass es zuviel werden könnte. „Wir mussten einfach so viele Termine wie möglich in eine kurze Zeitspanne kriegen. Matt hat drei Kids daheim, Jim eines. Die beiden wollen natürlich möglichst bald nach Hause.“

Ein paar mehr Fans als in Erlangen hätten sich die Jungs aus Kansas City dabei schon verdient. In den anderen Tourstädten war deutlich mehr los. Trotzdem: Die Songs der „Something To Write Home About“ wurden von den Fans besonders gut aufgenommen. Ein Album, das auch bandintern hohes Ansehen hat: „Es fühlt sich gut an, die alten Songs zu spielen. Für uns ist das auch nostalgisch. Das ist ein Teil unseres Lebens. Und den Kids gefällt es immer noch“. Apropos Kids: Am Vorabend spielte die Band in Berlin. Feierte abends in der Bar25. Zum Konzert kam ein 18-jähriger Junge, der extra aus Spanien anreiste. „Der hat die Platte damals als Neunjähriger gehört, Wahnsinn! Grundsätzlich ist das Publikum aber mit uns älter geworden. Die, die damals 18 waren, sind nun Mitte 20. Jeder trinkt viel, singt mit, feiert einfach. Das ist wie ne gute Party“.

Und es gibt ja auch einen guten Grund zum Feiern. Das Album „Something To Write Home About“ wird zehn Jahre alt. Vagrant veröffentlicht es als Special Edition neu. „Da ist eine DVD mit dabei. Eine komplette Live-Show, die wir damals in der City Hall in Lawrence, Kansas, gespielt haben. Dazu noch ein bisschen Material, das uns vor zehn Jahren zeigt.“ Dass Nostalgie nicht alles ist, bewiesen die Get Up Kids am Abend. Da gab es nämlich einen neuen Song zu hören. Und der hatte es in sich. Mitreißend, wieder etwas düsterer, und mit einem tighten Basslauf im Vordergrund, der durchaus an die eine oder andere New-Wave-Band erinnert. Einen Eindruck gibt es hier.

Trotz des neuen Songs wollte James Dewees noch nicht von einem Album sprechen. Dabei gab Sänger Matthew Pryor noch vor kurzem zu Protokoll, dass die Band mehrere neue Lieder aufgenommen hat. Und auch das Touren scheint Spaß zu machen. So kündigte Gitarrist Jim Suptic an, bei der nächsten Tour wieder in Deutschland zu spielen. James gibt sich etwas verhaltener: „Mal sehen, wir wollen die Tour abwarten. Danach geht Rob erstmal zurück zu Spoon. Ich zu My Chemical Romance (als Tourkeyboarder). Aber das wird sicher nicht mehr so ausufernd, Gerard (Way, Sänger von MCR) ist schließlich jetzt auch Vater geworden. Dann hab ich noch Reggie And The Full Effect-Sachen auf Halde liegen. Bei den New Amsterdams ist es ähnlich. Dafür macht Matthew ja auch noch sein Solo-Ding als Matt Pryor. You gotta be busy. That’s how you make money“, sagt er und grinst.

Dass mit CD-Verkäufen aber kaum noch Geld zu machen ist, wirkt sich auch auf die Pläne der Band aus. Matt Pryor sagte kürzlich, dass man statt einer eventuellen neuen CD „etwas Neues probieren wolle. Etwas, das mehr zu uns passt, weniger Druck und mehr Spaß bedeutet.“ Oder um es mit den Worten des Keyboarders zu sagen: „Es gibt keine Indierockszene mehr. Emo wurde zu einem riesigen Geschäft. Indielabels sind keine Indielabels mehr. Die meisten wurden von Majors aufgekauft. Jeder versucht Geld zu machen. Die CD-Verkäufe gehen gegen null. Downloads und Vinyl sind die Zukunft. Ich denke, dass diese Sammler-Sachen wieder kommen. Aufwändige Vinylplatten und 7-Inch-Singles. Und um Geld zu verdienen, musst du natürlich viel live spielen. Sobald Musik online ist, ist sie auch kostenlos zu haben. Vielleicht sollte ein neues Album also nur auf Vinyl erscheinen. Mal sehen…“

Noch auf CD erschien 2005 zum Abschied das Live-Abum „Live at the Granada Theatre“. Darauf kann man noch eines der Bandmitglieder hören, wie es sagt: „This is our first gig in seven months. And we record it. We’re Idiots.“. Zum Proben kam man damals tatsächlich nicht. James war mit New Found Glory unterwegs. Ging gerade durch eine Scheidung und musste für eine Zeit aus Kansas verschwinden. Er zog nach New York. „Das Abschiedskonzert war mein erster Trip zurück. Ich wurde für die Show eingeflogen. Und danach flog ich wieder zurück, um mit New Found Glory die Warped Tour zu spielen.“ Das sah diesmal anders aus. Vor der großen Reunion-Tour war erstmal ordentlich üben angesagt. Die Band verbrachte einige Monate in Lawrence, Kansas und probte jeden Tag vier Stunden.

Weiß man ja: Übung macht den Meister. Und wenn man einen solchen Status wie die Get Up Kids hat, dann kann man auch mal, wie vor kurzem Gitarrist Jim Suptic, zur Kollegenschelte greifen. Der sagte in einem US-Interview: “We played the Bamboozle fests this year and we felt really out of place. I could name maybe three bands we played with. It was just a sea of neon shirts to us. If this is the world we helped create, then I apologize.” James Dewees dazu: „Haha, ja. Das war großartig. OK, er war ziemlich betrunken. Aber er hat recht. Wir haben eine Menge schlechter Bands inspiriert. Ich denke Jim hatte Glück, dass er keine Namen genannt hat. Ich bin mir sicher, ihm lagen schon ein paar auf der Zunge.“

Aber gut, es gibt genug schlechte Bands. James Dewees verbringt seine Zeit lieber damit, DVDs zu schauen. Neben seiner Liebe zu Serien wie Larry Davids „Curb Your Enthusiasm“, „Seinfeld“ oder „Extras“, ist ein Grund für die Existenz der Get Up Kids übrigens David Lynch. „Ich liebe Twin Peaks. Das war überhaupt der Grund, weshalb Matt und ich uns kennenlernten. Wir kannten uns zwar schon vom Sehen, aber mit Twin Peaks fing alles an. Matt hatte die Serie auf VHS. Ich kam zu ihm zum schauen. So lernten wir uns kennen. Und gründeten später die Band.“

Musik hört James wie so viele Musiker derweil kaum noch. „Ich hab einfach keine Zeit. Ich höre gerade mal die neue Portishead am Morgen.“ Dafür hat er genaue Vorstellungen, was auf ein Mixtape muss. „Radiohead muss drauf. Entweder was von der „OK Computer“ oder von der „The Bends“. Und natürlich die Beatles. Aber um ehrlich zu sein, mache ich gar keine Mixtapes mehr. Ich mache Playlists.“ Nach dem Interview verschwindet James Dewees gen Hotel. „Meine Frau anrufen. Die müsste jetzt grade aufstehen“. Man ist eben keine 21 mehr. Und das ist auch gut so. Dass man davon auf der Bühne nichts merkt, ist dafür umso besser.

Text: Sebastian Zapf
Fotos: Pressefreigaben

www.myspace.com/thegetupkids  
www.myspace.com/reggieandthefulleffect  

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