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PRINT // WAS CURT SO MACHT

#138
Donnerstag, 3. September 2009
In dieser Stadt geschehen wundersame, wunderbare Dinge. Manchmal wacht man morgens auf und hört keinen Verkehrslärm. Dafür die Vögel. Es gibt Tage, da bekommt man von jedem Menschen ein Lächeln geschenkt und es liegt etwas Besonderes in der Luft. Alles riecht besser, lieblicher, fühlt sich schöner an, klingt harmonischer und ruhiger und tut so, als wäre es ein Bergidyll. Das sehne ich regelrecht herbei, diese Momente kann ich kaum erwarten. Dann kurble ich die Scheiben meines Kadetts runter, lege eine CD ein - Best of Billy Idol oder Abenteurland von Pur - und drehe meine Anlage bis zum Maximum auf. Die 14.000 Euro für den polnische HiFi-Techniker waren eine hervorragende Investition: mein Soundsytem aus der Insolvenzmasse einer Großraumdiskothek nähe Stettin brüllt durch die offenen Fenster und lässt sich auch mit meinen Ohrenstöpseln nicht aushalten. Meine Spoiler ächzen, als würden sie davonfliegen wollen. Die Schaufensterscheiben, an den ich vorbeicruise, vibrieren. Manchmal zerspringen sie sogar, dann drücke ich aufs Gas und lasse beim Flüchten in den Kurven die Reifen pfeifen, was ich jedoch nicht hören kann. Ich bin so brachial laut, dass ich nach wenigen Minuten Nasenbluten bekomme, so dass ich nicht nur meinen Ellbogen zum Fenster raus hänge, sondern meinen ganzen Kopf, um im Fahrtwind das Blut rot aus der Nase flattern zu lassen. Mütter halten ihren Kindern erst die Ohren zu, dann die Augen, sobald ich in Sichtweite bin. Ich bin die mobile Discofoltermaschine auf vier Rädern. Genau an diesen ganz besonderen Tagen voller Stille, Harmonie und Glück nagele ich den unbedarften Fußgängern Hartmut Englers Teufelsstimme in den Schädel, malträtiere sie mit Billys Prolltimbre, blende sie mit meinem Discoblinder und ziehe quietschende Runden, bis die Straßen unpassierbar und schwarz sind vom Gummiabrieb meiner Kadettilac-Schlappen. An genau diesen Tagen springe ich zwischen White Wedding und Abenteuerland hin und her und jage die Mucke quer durch die Stadt, bis sie sich an den Burgmauern bricht und zurückschallt. Die Frequenzen überlagern sich zu Unheil bringenden Dissonanzen auf Höhe der Lorenzkirche und töten Tauben, Tiere und Musikstudenten mit zu feinem Gehör. Das passiert genau an diesen märchenhaften Tagen. Ohne mich wären diese Tage sicher wunderschön.

Tipp: Lärmschutzfenster schließen und über Twitter oder Facebook abchecken, was wir so treiben. Sicher ist sicher.

Viel Spaß bei allem, was Ihr tut!
Euer curt-Team, zu erkennen an den blutigen Ohrenstöpseln und dem frischen Duft nach verbranntem Gummi

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