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Health - die neuen Radiohead? |
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Donnerstag, 1. Oktober 2009 |
Health // Get Color (City Slang / Lovepump United). Für die Intro sind sie bereits die „neuen Radiohead”, dabei braucht es diesen irreführenden Superlativ eigentlich gar nicht,
um Health zu attestieren, dass ihnen mit „Get Color“ ein hervorragendes, richtungsweisendes Album gelungen ist. So klingt Future Noise Pop.
Der Radiohead-Vergleich führt nämlich gleich mehrmals in die Sackgasse, wenn man sich näher mit Health beschäftigt. Wer denkt, dass die Geschichte beider Bands eine Deckungsgleichheit aufweist, nur weil sowohl die Jungs aus L.A., als auch die Herren aus Oxford avantgardistische Verweigerung und die „Liebe zur Entfremdung“ mit Popversatzstücken vermengen, liegt falsch. Während Radiohead im (Brit)Pop starteten, um dann immer unzugänglicher zu werden je größer die Spielorte wurden - nur um sich zuletzt wieder auf kompakteres Songwriting zu besinnen, verläuft die Entwicklung von Health genau anders rum. Zwischen dem live eingespielten, selbstbetitelten Debüt und dem Zweitling „Get Color“ liegen - abgesehen von ein paar sehr erfolgreichen Kollaborationen - produktionstechnisch Welten. So gesehen schlägt das Quartett aus dem Umfeld des viel zitierten Smell-Club den „ganz gewöhnlichen“ Marsch durch die Hörbarkeits-Institutionen ein.
Trotzdem verleugnen sie dabei nicht ihre Herkunft, denn das ist der zweite große Unterschied zwischen Radiohead und Health: Während die einen von Beginn an ihrer Experimentierwut die Massen hinter sich wussten, müssten die anderen erst einmal ihre DIY-Ideale und ihre Punk/Hardcore-Wurzeln kaschieren, um am Türsteher der Großraumdisco vorbei zu kommen. Ob sie das überhaupt wollen, darf in Frage gestellt werden und natürlich ist „Get Color” trotz allem Popappeal nur etwas für sensibilisierte Ohren. Auch wenn Health diverse Genregrenzen einreißen, aus der Schublade „Noise“ wollen sie deshalb noch lange nicht raus. Auch der durchschnittliche Radiohead-Hörer wird hiermit also seine Probleme haben. Wer aber Sun O))) schon zum Frühstück hört, sich Lightning Bolt in der Mittagspause gönnt und mit Animal Collective den „entspannten“ Feierabend einläutet, dem könnte sich der Health-Kosmos eher früher als später erschließen.
Zu diesem Kosmos gehören nämlich auch Klamotten und diverse Remixe, die auf dem Tonträger „Health//Disco“ versammelt wurden. Auch wenn das schwerfällt zu glauben, Health haben ein unglaubliches Discopotential und das ist eben der entscheidende Punkt, der sie von gewöhnlichen Lärmkapellen unterscheidet. Deswegen werden Health mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht den üblichen Weg wählen, den schon so viele Noise- und Hardcore-Bands szenekonform bis zum Ende und damit bis zur Belanglosigkeit gegangen sind. Health werden ganz ketzerisch ihre Verknüpfungen in den Mainstream aufnehmen und weiterdenken. Diese Band limitiert sich keinesfalls von vorneherein, auch wenn das in manchem Moment absurd erscheint.
Zum Beispiel in dem Augenblick, wenn Health die Bühne betreten und scheinbar vorsätzlich Körperverletzung begehen. Wenn eine Armada aus Effektgeräten Geräusche erzeugt, die man eigentlich fernab von militärischen Kampfhandlungen ausgeschlossen hatte. Wenn monumentales Schlagzeug sich mit kaputten Keyboard-Melodien paaren oder wenn Posthardcore-Gitarren, die Kreissägen imitieren, auf hypnotisierenden Engelsgesang treffen. Aber genau da ist er wieder: der eine Bruch, der kleine Pop-Moment. Der Gesang von Jake Duzsik stellt alles in Frage, was wir bisher über Noiserock wussten. Während Drummer BJ Miller mit seinem Äußeren tatsächlich die Feinfühligkeit eines Conan der Barbar versprüht und einem Gitarrist/Keyboarder Jupiter Keyes mit seinem Psychoblick durchaus Angst machen kann, gibt einem das schlaksige, überdrehte Erscheinungsbild von Bassist und Knöpfchendreher John Famiglietti das Gefühl man könnte sich jederzeit gleich in einen wilden Rave übergehen. Die Grenzen verlaufen fließend.
Was bisher bei den Konzerten der vier so unterschiedlichen Typen tatsächlich oft (noch) in Lärm erstickt wird, weicht auf Platte längst einer Zugänglichkeit, die bei den kommenden Veröffentlichungen vermutlich noch mehr Platz einnehmen wird. Vielleicht haben Health das Etikett „Radiohead“ dann schon gar nicht mehr nötig, weil sie längst eine eigene Orientierungsgröße geworden sind.
[Text: Sebastian Gloser Fotos: Renata Raksha / Pressefreigaben]
www.healthnoise.com
www.cityslang.com
HEINZ | 01.10.2009 | 14:52 überbacks mit käse, und ihc ess es! |
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