Das 23. Fantasy Filmfest ist vorbei. Zumindest in Nürnberg. Wir haben uns mal wieder zahlreiche Filme gegeben. Wir haben gestaunt und gelitten, uns gegruselt, haben gelacht und sind auch mal eingenickt. Und jetzt fassen wir das Erlebte noch einmal zusammen.
Wenn es eine Erkenntnis gibt, die das diesjährige Fantasy Filmfest zu Tage gefördert hat, dann die, dass die Realität immer grausamer ist, als es jedes noch so sadistisch erdachtes Drehbuch sein könnte. Das Fantasy Filmfest lebt, wieder Name schon sagt, natürlich in erster Linie von seinen wunderbar zusammen gesponnenen Geschichten, die von Südkorea bis Dänemark oder in den USA entwickelt wurden und trotz aller blutrünstigen Vampire, hungriger Zombiescharen, fieser Psychopathen und hinterhältiger Kinder, waren es in erster Linie die Streifen, die auf wahren Begebenheiten basieren, die nachhaltig zu schocken wussten.
Da ist Blood Brothers, der noch einmal den heimtückischen Mord unter ein paar niederländischen Teenagern aus dem Jahre 1960 aufrollt und die ganze Willkür der Geschichte in den Mittelpunkt rückt, ohne dabei die Differenzen zwischen den vier Jungs aus völlig unterschiedlichen sozialen Milieus zu vernachlässigen. Ein Film, der mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt und dabei vor allem durch seine Ausstattung und die Liebe zu den Details der Zeit in der er spielt überzeugt. Blood Brothers schafft es trotz kleiner Schwächen im Plot den Zuschauer viele Jahrzehnte in die Vergangenheit zu katapultieren und einen dennoch wissen zu lassen, dass die Ereignisse von damals auch heute jederzeit wieder geschehen könnten. Das selbe gilt für Polytechnique, ein fast schon ein wenig zu kunstvoll, ganz in schwarz-weiß gehaltenes Zeugnis eines Amoklaufs, der Ende der 80er Jahre an einer Hochschule im kanadischen Montreal stattfand. Es ist einer der stärksten Beiträge des diesjährigen Festivals, auch weil der karg inszenierte Film nicht die Gewalt in den Vordergrund stellt, sondern die Momente davor und danach, die letztendlich brutaler sind, als jeder Schuss aus der Waffe selbst. Und auch Bronson, die Story um den gewalttätigsten britischen Sträfling ever, muss keine Fantasien bemühen, um den viel zitierten Tritt in die Magengrube anzusetzen und damit zu beweisen, dass auch im 23. Jahrgang des Festivals noch lange nicht die Luft raus ist. (sg)
Ausgerechnet Slapstick-Prügler Jackie Chan durfte sich dieses Jahr in Shinjuku Incident mit Bravour an den Problemen chinesischer Auswanderer in Japan abarbeiten. Unter der Regie von One Night In Mongkok-Regisseur Tung-Shing Yee liefert er eine beeindruckende Performance ab, die man so nicht von ihm erwartet hätte. Dass Yee am Ende das ganz große Fass aufmacht, und Chan allein gegen die ganze japanische Mafia antreten lässt, steht auf einem anderen Blatt. Noch eine Spur realistischer zeichnet der dänische Ole Bornedal (Nightwatch) in Deliver Us From Evil sein Bild einer White-Trash-Dorfgemeinschaft, die im Angesicht eines tödlichen Unfalls ihre hässliche rassistische Fratze zeigt. Ein in blassen Bildern erzählter, unangenehmer, aber beeindruckender Film, der den Zuschauer bis zum erlösenden Ende nicht zur Ruhe kommen lässt. Bornedal überzeugte bereits letztes Jahr mit dem Film-Noir-Thriller Just Another Lovestory. Wer seine dramatischen Entwicklungen lieber unterhaltsam mag, der wurde mit dem nicht ganz so unbehaglichen Thriller Loft glücklich. Fünf Freunde, eine Tote. Und der Mörder stammt aus den eigenen Reihen, oder etwa doch nicht? Das Verwirrspiel hält bis zum Schluss die Spannung hoch. Bei der Anzahl an Wendungen, die die Story nimmt, gar nicht mal selbstverständlich. Ein klarer Geheimtipp!
Weitaus unrealistischer geriert sich der neue Film von Park Chan-Wook. Sein Vampirfilm Thirst stellt wie schon I'm A Cyborg, But That's Okay eine ungewöhnliche Liebesbeziehung in den Mittelpunkt. Zwar ist der Film etwas zu lang geraten, dafür wartet Park wieder mit etlichen unglaublichen Ideen auf. Daraus hätten andere Regisseure zehn verschiedene Filme gemacht. Park packt alles in einen. Er vermengt seinen Vampirfilm mit drastischer Erotik, echtem Drama und haufenweise komödiantischer Elemente. Am Ende steht ein beeindruckender Genre-Mix, der beweist, dass Park Chan-Wook immer noch einer der interessantesten Regisseure unserer Zeit ist. Mit dem Monsterfilm Infestation bewiesen die Programmgestalter fast nebenbei, dass sich auch klassisches FFF-Material unter den Highlights tummelt. Die fantastische Geschichte um Rieseninsekten, die sich gegen die Menschheit wenden, lebt vom gelungenen trockenen Humor und einem groß aufspielenden Chris Marquette. Die schnörkellose Geschichte und die beeindruckenden Käfereffekte tun ihr übriges. (sz)
Kühle Farben herrschen vor bei Tell Tale, einer Mär über die Persönlichkeitsveränderung eines alleinerziehenden Vaters. Grund für den aggressiven Stimmungswandel ist sein Spenderherz, es stammt von einem Mann, der zusammen mit seiner Frau ermordet wurde und dessen Seele oder Geist nun an der Gruppe Killer Rache nehmen möchte. In dem von Ridley und Tony Scott nach einer Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe produzierten Thriller glänzt besonders Brian Cox als whiskeysaufender Assi-Cop, der Hauptprotagonist Josh Lucas beim Ziehen der Blutspur aus einem bestimmten Grund recht unbürokratisch zur Seite steht.
Eine aus irischen, englischen und schottischen Straflagerinsassen bestehende Truppe (die jeweilige Herkunft wurde übrigens durch unterschiedliche Untertitelschriftarten kenntlich gemacht) flieht 1822 in Van Diemen's Land in die eisigen Wälder Tasmaniens. Bald gehen die Vorräte zur Neige, schnell weicht die Freude über die Freiheit der Sorge um das eigene Wohl. Das Thema Kannibalismus keimt nicht allzu langsam in den meisten Köpfen. Der mit sparsamen, aber sehr starken Dialogen aufwartende Gewaltmarsch führt in die Abgründe des eigentlich Unaussprechlichen. Schier unerträglich, poetisch und grausam zugleich ist auch und besonders der Off-Kommentar von Alexander Pearce, einem der acht. „I'm a quiet man“, sagt er unter anderem, nicht vieles mehr. Mehr Schauer über den Rücken hat selten ein Satz über den Rücken gejagt. Man darf gespannt sein, was von Jonathan auf der Heide noch so kommen wird.
Kein Fantasy Filmfest ohne ein Haus, das förmlich bis unter die Bilderrahmen mit Blut bedeckt ist: Macabre von den Mo Brothers spart nicht mit Rot. Das Rad oder besser die Kettensäge wird nicht neu erfunden, als einige Freunde im Haus von Fleischfetischisten landen. Lady Dara führt die kranke Sippschaft an, und das äußerst charismatisch. Der Vergleich mit Lucy Liu trifft es im Fall von Shareefa Daanish sehr gut. Ihre Stimme geht als eigene Waffe durch: wenn sie den Kopf schief legt und mit dem vorstellbar fiesest dunklen Timbre nach der schwangeren „Astrid“ ruft, schneidet das tief. (vb)
Trotz all dieser Höhepunkte: Die größte Überraschung und der beste Film des diesjährigen Festivals war ausgerechnet der auf dem Papier allzu formelhaft wirkende The House Of The Devil. Klang die Geschichte doch eigentlich zu sehr klischeequatschig, als dass wir ernsthaft einen annähernd perfekten Horrorfilm erwartet hätten: junge Studentin nimmt während einer Mondfinsternis einen Babysitterjob bei einer seltsamen Familie („they are not weird, they are mental!”, wie ihre Freundin einmal ganz zutreffend feststellt) in einem Haus im Wald an und entdeckt dann, dass es überhaupt kein Baby zum Aufpassen gibt in diesem Haus im Wald bei Mondfinsternis… Allein deshalb ist es Regisseur Ti West nur noch höher anzurechnen, welch perfekte Hommage an den Frühachtzigerhorrorfilm er mit The House Of The Devil präsentiert. Von den opening credits bis zu den Frisuren schreit alles 1982! 1982! 1982! an diesem Film - aber Ti West scheint zu den Postironikern zu gehören: Nichts, auch wirklich gar nichts deutet hier auf ein Augenzwinkern hin, selbst die Dramaturgie entspricht dem klassischen Horrorfilm. Fast eine Stunde passiert - bis auf eine Ausnahme - absolut gar nichts. Mädel, Haus, allein. Reicht. Dann 15 Minuten lang wilder Teufelsirrsinn und ein gleich doppelt fantastisches Ende, das kurz, gemein und raffiniert zugleich ist.
Bronson ist dagegen ein zwiespältiges Erlebnis, aber nichtsdestotrotz unbedingt sehenswert. Zwischen realistischer Gewalt und übertheatralischen Darbietungen schwankend, erzählt der Film die reale Geschichte des brutalsten Häftlings Großbritanniens. Ein fantastischer Soundtrack (von Pet Shop Boys über New Order zu Glass Candy) tut sein Übriges, um durchgehend zu unterhalten, auch wenn Bronson keine Message hat, die mit seinem offensichtlichen, großen Vorbild A Clockwork Orange mithalten könnte.
Und wenn man nach all dem Töten und Schlagen doch mal wieder ein bisschen Lust auf Töten und Lachen bekommt, sollte man sich A Film With Me In It vorknöpfen, eine brutal-schwarze Komödie mit dem irischen Komiker Dylan Moran. Es ist die alte Geschichte: Aus Versehen bringt man ein, zwei Menschen (und einen Hund) um, und bevor man sich versieht und die Leichen beseitigen will, verlieren noch eine Handvoll anderer Kollegen ihr Leben. Wie man’s macht, isses verkehrt. (ci)
Gar nicht verkehrt machen die Veranstalterinnen und Veranstalter des Fantasy Filmfests ihren Job und deshalb freuen wir uns jetzt schon auf die 24. Ausgabe und auf den schmaleren Ableger Fantasy Filmfest Nights.
[Text: Sebastian Gloser, Sebastian Zapf, Verena Bäumler, Christian Ihle, Fotos: Pressefreigaben]
Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben. Bitte melde Dich an oder registriere Dich. |