Das Dockville ist kein Festival wie jedes andere. Hamburg ist auch keine Stadt wie jede andere. Die Bandagen sind hier härter und deshalb haben wir mit Sebastian Barnickel unseren härtesten Hund in den Norden geschickt.
Der Mann war in front of the stage, er war backstage, ja fast schon on stage und musste irgendwann feststellen: Es gibt kein Bier mehr in Hamburg-Wilhelmsburg.
Freitag
16:00. Aufbruch von der Schlafgelegenheit per S-Bahn nach Wilhelmsburg. Dort angekommen gemerkt, dass die Shuttlebusse wohl auf längere Zeit zu voll sind, um uns mitzunehmen. Zum Glück gab es einen netten Taxifahrer, O-Ton zu Menschen auf die Frage: "Wissen sie wie man von hier zum Dockville laufen kann", er so: "Ja klar, zu Fuß" und dann mit Vollgas weg. Nach etlichen hanseatischen Beschimpfungen zu Fußgängern und Busfahrern kamen wir dann doch recht zügig an und konnten erfreut feststellen dass das Taxi zu dritt billiger war als der Shuttlebus.
17:00 Gutgelaunt Bändchen abgeholt und erstaunt, dass die Securities hier doch sehr freundlich sind. Trotz längerer Schlange ging das Einchecken zügig.
17:15 Auf dem Gelände umgeschaut und die groß angekündigten Kunstinstallationen besichtigt. Das war schon sehr schön: selbst gebaute Holzhütten, reichlich verziert. Ein Bierstand im Westerndorf, ein Boxsack zum Verprügeln, eine gewaltige Schaukel für mindestens zehn Personen (oft waren es mehr), eine Wippe mit der man je nach Stellung und Geschwindigkeit Musik machen konnte und ganz viel andere Sachen für die es jetzt noch keine Zeit gab, da mit Herrenmagazin bereits das erste Highlight wartete.
17:45 Da stehen sie nun auf der Dorfbühne, die Jungs. Mit nur wenigen Minuten Verspätung, da Schlagzeuger Rasmus Engler zwei Sekunden vor dem ersten Ton aufstand, um die Hose zu wechsen. Einer der ersten Auftritte mit neuem Gitarristen Torben, ehemals Sänger der Gruppe peters. Fast das komplette Album Atzelgift durchgespielt und den Auftritt mit den Worten: "Viel Spaß auf dem Dockville, wir gehen jetzt saufen" beendet. Großartig.
18:30 Danach direkt zu Turbostaat auf die Hauptbühne. Die ersten Songs leider wegen der Überschneidung verpasst aber eine sehr gut gelaunte Band gesehen die so wahnsinnig viel Energie rüberbringt. Der Mitgröhlfaktor war bei jedem Song enorm hoch und der hier schreibende hat dann doch das ein oder andere Mal zu Hits wie "Insel" oder "Harm Rochel" die Faust in die Luft gestreckt.
19:00 Im Anschluss erstmal schön entspannen bei Bier und das warten auf Patrick Wolf der am Vorabend in Köln mehr Leute beschimpft als gespielt hat. Zwanzig Minuten später kam der Herr mit guter Laune, wie fast alle Acts an diesem Tag, auf die Bühne und liefert in seinem Paradiesvogel-Outfit einen guten Auftritt ab. Das ganze dann in sicherer Umgebung von weiter hinten angeschaut. Man musste ja noch Kräfte sparen.
21:40 Das Kräfte sparen ging dann doch schief, da man traf einfach zu viele Bekannte trifft mit denen man anstoßen muss. Aber jetzt wieder volle Konzentration, denn Turbonegro sollen die Bühne betreten. Die Turbojugend ist schon längst da und es gibt wohl mehr St. Pauli-Fahnen als im Millerntorstadion.
22:00 Die Band hat die Bühne immer noch nicht betreten, erste Gerüchte über zu viele Drogen im Backstage und Krankenhausbesuch machen die Runde, aber das ist man ja gewöhnt bei Turbonegro.
22:10 Die Matrosen mit der homoerotischen Attitüde kommen auf die Bühne und legen ein Hitfeuerwerk vor bei denen alle Stadionrockbands sich sofort in Grund und Boden schämen sollten. Leider ist der Sound mehr als mies. Aber die Bühnenshow und die Turbojugend um einen Herum machen das alles wieder wett.
23:30 Dank gewaltiger Verspätung auf der Dorfbühne konnte man dann doch noch fast das komplette Konzert von der Mediengruppe Telekommander anschauen. Habe die Band ca. vier Jahre nicht mehr gesehen und sie spielten genau nur einen einzigen neuen Song. Die Menge hat es mehr als abgefeiert.
00:30 Aus einem Gespräch mit den sympathischen Herrenmagazin wurde dann ein unglaubliches Fest in einem unglaublichen Ambiente. Um uns herum Schiffe, Hafen (nenne ich als Süddeutscher jetzt mal so), Docks und alte Lagerhäuser. Alle phänomenal beleuchtet. Da wollte man auf keinen Fall heimgehen solange es noch dunkel ist. Und auch noch lange nach Sonnenaufgang nicht.
Samstag
Nach wenigen Stunden Schlaf im schönen Hamburger Stadtteil St. Georg wieder los mit S-Bahn und Taxi zum Festivalgelände.
17:00 Wintersleep: perfekt ruhige Musik für das erste Bier des Tages.
18:00 Wahnsinn wo kommen all diese Menschen her? Gestern war während des Headliners gefühlt nur halb soviel los.
18:30 Der Trinkplan musste aufgegeben werden, da vor jedem Getränkestand eine Schlange von mindestens 30 Minuten war.
19:40 Spectrum auf der Dorfbühne. Sehr komplexe Indiemusik bei der die Stimme als weiteres Instrument eingesetzt wurde. Sehr gut bei prallem Sonnenschein.
21:00 Es gibt nirgendwo Getränke mehr, die Schlangen vor den Bierständen sind so lang, dass die Gesichter überall ganz schön tief hängen. Zum Glück gibt es noch vereinzelte versteckte Schnapsbuden, die Abhilfe schaffen.
21:10 Auf der Dorfbühne fingen nun die Dancing Pigeons an. Eine sehr junge Hamburger Indieband. Unglaublich tanzbar und sehr begeisternd. Sollte man sich unbedingt merken den Namen. Vielleicht spielen sie ja auch mal in einem Tanzclub dieser Stadt.
22:00 Die Schlangen werden immer länger und selbst das sich Fortbewegen wird immer schwerer. Wahnsinnig viele Menschen hier. The Whitest Boy Alive aus der 4785. Reihe angeschaut und bin der Meinung, dass die Künstler enorm gelangweilt wirkten. Auch das Publikum.
22:30 Das hier ist wohl das nüchternste Festival der Welt was weniger an dem Willen der Besucher liegt sondern an der mangelnden Möglichkeit an Getränke zu kommen. Mit meinem Pressebändchen komme ich in den Pressebereich in dem es auch eine Bar gibt. Hier erstmal die im Laufe des Tages verlorene Flüssigkeit wieder aufgetanken.
23:20 Von der Bar auf den Weg zum Headliner MGMT gemacht. Immerhin hat diese Band ja all diese Massen angezogen. Aber da stand ein - immerhin netter - Security und meinte hier kommt keiner mehr rein oder raus. Hm, da stand ich also in einer Gruppe von 50 Leuten, die wohl gerne etwas über das Konzert geschrieben hätten aber wir wurden dann hinter der Bühne eingesperrt. Naja, es gab wenigstens noch die Möglichkeit sich etwas seitlich von der Bühne zu stellen um sie zu sehen. Das ging ganze zwei Songs gut dann kam ein LKW und stellte sich so vor die Bühne, dass unsere Gruppe schließlich gar nichts mehr sah. Man sollte dazu sagen, dass dieser Laster nur die Aufgabe hatte uns paar Menschen die Sicht zu versperren. Was der Sinn dahinter war den das MGMT-Managment darin sah, blieb uns allen im Verborgenen. Tja, da half nur die Zeit, die man im Pressebereich verbringen musste bis man wieder rausgelassen wurde, am Tresen abzusitzen. Am Tresen traf ich auch den DJ des Revolver Clubs, der meinte, dass er in 20 Minuten auflegen müsse, aber der Security ihn nicht rauslässt. Mit leichter Verspätung und ca. zwei Kilometer Fußweg hat er es dann doch geschafft.
00:00 Mich dann ebenfalls auf den Weg gemacht. Und zwar zu der Halle in der gleich Frittenbude spielen sollen. Die Halle ist eine neue Location des Dockville Festivals mit einem Ambiente, das im krassen Gegensatz zum restlichen Festivalgelände steht. Das ganze Gelände ist so liebevoll hergerichtet worden, alles nett beleuchtet und überall (interaktive) Kunstwerke. Die Halle ist einfach nur Metall ohne alles. Schallwellen und Metall mögen sich ja auch nicht so gerne. Die Soundbezeichnung Gießkanne wäre noch freundlich gewesen. Naja aus diesem Grund dann doch fast bis ganz nach vorne.
00:10 Frittenbude fangen an. Und wie sie anfangen. Top gelaunt lieferten sie einen Auftritt ab, der für mich der eigentliche Höhepunkt des Festival war. In der Halle mit weit über Tausend Leuten, die bis zur letzten Reihe alle Hände in der Luft hatten. Zur Hälfte des Sets gab’s die "Wall of Love": Aus dem Hardcore Bereich entnommen, galt es Lücke in der Mitte der Menge zu bilden und als der Beat losging sollten alle aufeinander losrennen und sich umarmen. Sehr köstlich das anzusehen. Nach fast einer Stunde gab es als Zugabe einen Remix des Stücks „Automatica“ der Nürnberger Band "Dadajugend Polyform" und nach dem Konzert so viele glückliche Gesichter, wie man es selten sieht.
01:15 Eigentlich sollten hier auf dieser Bühne Metronomy spielen. Doch auch nach einigen Warten passierte nichts. Ein zur Rate gezogener Techniker meinte dann, dass die Band auf eine andere Bühne verlegt wurde. Tja soviel zum Informationsfluss.
01:35 Endlich aus der Halle rausgekommen. So große die Halle auch war, so klein war der Durchgang der dahin führte. Metronomy sollten dann wohl ohne mich spielen.
02:15 DJ Phono covert und remixt Daft Punk. Das alles in Stilechten Kostümen. War von weiter hinten am Bierstand (der jetzt nach MGMT wieder frei war) sehr amüsant.
02:30 Mich mal ein wenig umgehört wie MGMT waren. Unglaublich die Stimmen, hier mal Beispiele von völlig unterschiedlichen Leuten, die nichts miteinander zu tun hatten: „Scheiße“, „Ich habe noch nie einen so schlechten Auftritt einer Band gesehen“, „Das kann gar nicht Playback gewesen sein, so oft wie die sich verspielt haben“, „Die waren so gelangweilt auf der Bühne“, „Das beste am Auftritt war als zu "Kids" ein Wilhelmsburger Kinderchor auf die Bühne kam und MGTM die Show gestohlen haben“.
Zum Schluss wieder die sehr warme Nacht in Hamburg-Wilhelmsburg genossen und gefeiert dass es wieder Bier gab. Dazu diverse elektronische Musik an verschiedenen Bühnen. Top. Auf dem Rückweg in der S-Bahn dann ein Schock: Das größte Radrennen Norddeutschlands war an diesem Sonntag und die S-Bahn voll mit fitten Sportlern mit Rädern. Naja, haben wir ja super reingepasst.
Sonntag
15:30 Wegen besagtem Radrennen und diversen S-Bahn-Problemen wird mir klar: Mit Ghost Of Tom Joad wird das leider nichts mehr.
17:00 Angekommen und mich gewundert: Hey wo sind die ganzen Leute hin. Tja kein MGMT, keine überfüllten Massen. Und es gibt endlich Zeit das sehr schöne, verwinkelte Festivalgelände anzuschauen. Wenig später bekomme ich in einer Kunstinstallation einen Boxsack ins Gesicht. Gebe mich geschlagen und schaue weiter.
19:10 Black Lips auf der Hauptbühne. Sehr schön, sehr sympathisch. Super Band.
20:30 Kettcar auf der Hauptbühne erklären, dass sie ursprünglich aus Wilhelmsburg kommen. Ein paar Streicher der neuen Frankfurter Philharmonie sind auch mit auf der Bühne. Ein perfekter Festivalausklang.
23:00 We have left the Festivalgelände. Danke Hamburg, Danke Wilhelmsburg. Bis zum nächsten Jahr!
Text: Sebastian Barnickel
Fotos: Stefan Malzkron / Pressefreigaben / Ingo Pertramer
DONO | 18.09.2009 | 12:03 War dieses Jahr, das erste Mal dort. Ist echt zu empfehlen. Ist ein echt feines Festival. |
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