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SELLFISH

Interview mit Sometree
Mittwoch, 25. März 2009
Es ist Mitte März und eigentlich wollten die vier Wahl-Berliner von Sometree längst den Nachfolger von „Bending The Willow“ aus dem Jahr 2006 im Kasten haben. Doch seit Kurzem verrät die Website der Postrock-Urgesteine, dass es leider wohl noch bis Herbst dauern wird bis das neue Album erscheint. Irgendwo im langwierigen Prozess zwischen Songs schreiben, aufnehmen, live spielen, verwerfen, aufnehmen, mischen und ein Label finden ist man wohl etwas zu lange hängen geblieben.

Immerhin trösten uns Sometree mit der Ankündigung bis dahin einige Konzerte zu spielen und eigentlich ist es ja auch gar nicht so ungewöhnlich, dass es bei den vier Perfektionisten etwas länger dauert, zumal die Band ihre Herzensangelegenheit seit jeher oft jenseits der Grenze des Finanzierbaren auslebt. Sometree-Fans sind geduldig, werden aber auch immer mit wunderschön zerbrechlich-brachialen Shoegazemeisterwerken belohnt. Im Rahmen der kleinen Tour im vergangenen Herbst, hatten wir die Gelegenheit mit Bernd und Sebastian über die neue Platte zu reden, wobei wir zunächst wissen wollten, ob auch sie in das große Gejammer der Musikindustrie miteinfallen.

Wenn man sich in der Musikbranche umhört, wird so viel über das Internet geschimpft und wie viele Nachteile es doch bringen würde. Seht ihr das ähnlich oder überwiegen für euch vielleicht sogar Vorteile, die sich aus den jüngsten Entwicklungen ergeben?
Sebastian: Die Diskussion, ob ein Album heruntergeladen wird oder nicht, finde ich inzwischen müßig, denn das ist einfach eine Tatsache seit vielen Jahren, dass das gemacht wird. Für unsere Band ist das ein Grad an dem es nicht messbar ist, ob es eher ein Schaden oder ein Nutzen ist. Ich finde es aber gut, dass große Bands, die andere Möglichkeiten haben sich Gedanken über andere Absatzwege machen.
Bernd: Es gibt aber natürlich noch die nicht-wirtschaftliche Dimension des ganzen, nämlich dass Leute Emails schreiben oder auf unserer Seite Kommentare posten, das finde ich toll. Dass man auch fernab von Plattenverkäufen oder Konzerten merkt, dass da Leute sind, die sich für deine Musik interessieren und dass ist eine Dimension, die man so vorher definitiv nicht hatte.

Findet ihr es, mal abgesehen von Verkaufszahlen, schwieriger im Jahr 2009 Musik zu machen, als im Jahr 2000?
Sebastian: Ich weiß nicht, ob wir da ein einheitliches Bild haben innerhalb der Band. Ich würde grundsätzlich sagen, dass es leichter ist, weil es für mich eine bestimmte Erwartungshaltung, die mit dem Musik machen verbunden war, einfach nicht mehr gibt und dadurch so eine Befreiung eingetreten ist. Ich bin mir relativ sicher, dass wir von der Musik, die wir machen nicht leben werden können. Diese Erkenntnis hat ein bisschen gedauert und ist für mich ein schwerer Weg gewesen, aber jetzt fühlt es sich befreiter an, als viele Jahre zuvor.
Bernd: Wenn man jetzt von der privaten Perspektive weggeht und es allgemeiner betrachtet, ist es heute für Bands unserer Größe deutlich schwieriger geworden, weil sich die Koordinaten so stark verschoben haben. Kleine Bookingagenturen geben auf, die großen Plattenfirmen versuchen die Ausfälle beim Plattenverkauf durch Beteiligung am Live-Geschäft zu kompensieren und vor zwei, drei Jahren hieß es noch, dass die kleineren Labels sogar von diesem Einbruch der Musikindustrie profitieren, aber nach meinem Kenntnisstand glaube ich nicht, dass das inzwischen noch der Fall ist und die kleineren und mittleren Labels genauso hart zu kämpfen haben. Ich glaube, wenn wir jetzt unsere erste oder zweite Platte veröffentlichen würden, dann würden sich nicht mehr so viele Leute darum bemühen so viel auf die Beine zu stellen und wir würden wohl auch nicht mehr so viel Resonanz bekommen.

Wenn man sich eure Alben anhört, gewinnt man den Eindruck, dass ihr euch in einem positiven Sinne um euch selbst dreht und dass man nicht wie bei vielen anderen Bands bei jedem Album heraushört an welchen Trends oder anderen Musikern sie sich gerade orientiert haben. Ist das wirklich so, dass neue Stücke einfach „aus euch“ herauskommen, wenn ihr zusammen im Proberaum steht oder woher kommen eure Einflüsse?
Sebastian: Das ist eine sehr schwere Frage. Eine bewusst-kollektive Entscheidung ist es glaub ich nie. Ich glaube es hat viel mit den individuellen Hörgewohnheiten zu tun und wie weit man sich in seinem eigenen kleinen Kosmos Dingen öffnet und wie weit die anderen drei damit klarkommen.
Bernd: Ich glaube bei jüngeren Bands ist es einfach so, dass sie noch nicht so viel Erfahrung haben aus einem großem Schatz so zu schöpfen, dass es nicht auffällt, dass sie bestimmte Bands kopieren und bei größeren Bands liegt oft ein finanzieller Druck dahinter. Bei uns ist eben beides nicht der Fall.

Ihr habt das neue Album mit Tobias Siebert (spielt bei Klez.E und delbo, Produzent für u.a. Philip Boa, Kettcar) aufgenommen und wählt eigentlich bei jeder Platte einen anderen Produzenten. Warum macht ihr das und warum habt ihr zum Beispiel nicht wie beim letzten Mal wieder mit Tobias Levin zusammen gearbeitet?
Sebastian: (lacht laut auf) Auf diese Idee sind wir überhaupt nicht gekommen... überraschenderweise. Dass wir immer mit jemand anderes aufgenommen haben, liegt nicht daran, dass wir immer unzufrieden waren, aber in dem Maß, wie wir uns als Band weiterentwickeln wollen, gibt es halt auch immer Platten, die von bestimmten Leuten produziert wurden, bei denen man sich denkt, dass sie etwas Neues aus uns herausholen können. Tobias Siebert hat schon seit Jahren bekundet, dass er gerne mit uns eine Platte machen würde und beim letzten Album stand er bereits zur Wahl nur hatten wir uns dann doch für Tobias Levin entschieden, während die Entscheidung diesmal relativ leicht fiel.

Was waren denn so die Platten, die er produziert hat und die euch faszinierend haben bzw. welcher Sound hat euch da angetan?
Sebastian: Er hat ein Händchen dafür an gewissen Punkten rohe Sachen auch roh zu lassen; den Mut zum Ungewöhnlichen und dass er es schafft unglaublich viel Krempel beim Mix so zu lassen, dass man auch noch alles davon hört. Das merkt man vor allem bei den Klez.E-Platten und die Direktheit der delbo-Sachen finde ich auch sehr gut. Wir werden nie wie eine von diesen beiden Bands klingen, aber die Herangehensweise ist das, was ich immer sehr interessant fand.

Bei den jüngsten Konzerten gab es nur drei neue Songs zu hören, eine Tendenz für das neue Album konnte man dadurch noch nicht ableiten, wie wird denn die neue Platte? Ruhiger, lärmiger, vielleicht elektronisch angehaucht oder steht das Klavier mehr im Mittelpunkt?
Bernd: Es gibt auf jeden Fall mehr Klavier, wodurch sich aber nicht schlussfolgern lässt, dass das neue Album ruhiger wird. Ich würde sagen es wird vor allem offener in den verschiedenen Ausprägungen in die die Songs sich hinentwickeln, was für uns auch eine Überraschung ist, weil das am Anfang von uns gar nicht so beabsichtigt war und das erst relativ spät so passiert ist.
Sebastian: Für mich ist die Platte seit dem zweiten Abschnitt im Studio „bunt“. Hört sich total hippiemäßig an und finde ich auch furchtbar, aber die Platte hat ganz viele Nuancen von verschiedenen Sachen und auch von Sachen, die so noch nicht da waren. Für Außenstehende passiert bei uns wohl eh immer viel, aber bei der Platte passiert auch für mich total viel bisher. Ich hab so ein buntes Gefühl (lacht).

Ihr habt einen Song gespielt, bei dem es noch keinen Gesang gab, habt aber gesagt, dass der noch kommt. Was macht dich so sicher Bernd, dass der wirklich noch kommt? Gibt es da nicht auch mal den Wunsch oder die Idee ein Stück instrumental zu lassen?
Bernd: Es war erstens schon immer das Problem den Gesang zu machen, es hat sich aber meistens gelohnt und zweitens ist die Stimme einfach ein Instrument mit dem du eine emotionale Ebene schaffen kannst, die du rein instrumental einfach nicht erreichst. Man kann dem nahe kommen oder etwas anderes schaffen, aber die selbe Ebene erreicht man nicht. Man hört es unserer Musik an, dass der Gesang auf die Musik geschrieben wird. Das ist manchmal schlecht, aber manchmal auch sehr sehr gut - zumindest was meine Musikpräferenz betrifft. Was mich zudem sicher macht, dass bei diesem Song noch Gesang kommt, ist dass er sich sehr gut dafür eignet, ich es mir aber schwer mache und natürlich nicht nur darüber singe, denn das wäre nicht das Problem, sondern ich will es natürlich auch gut machen.

Bei einem Auftritt hast du gesagt: „Stellt euch den Gesang irgendwo zwischen Coldplay und Slayer vor!“ War das einfach nur ein Spaß oder kann man sich das tatsächlich so ähnlich vorstellen?
Bernd: Klang das nicht schon immer so? (grinst)
Sebastian: Dann aber eher Coldplay, als Slayer.

Verspürt ihr eigentlich kein Interesse daran eurer Musik live noch einen visuellen Aspekt hinzuzufügen, zum Beispiel durch eine Videoprojektion, wie es viele andere Bands tun?
Bernd: Wir verschließen uns dem nicht, aber unser Bühnenaufbau ist sowieso schon ziemlich komplex und der Bus fast immer knallvoll, so dass es schwierig wäre dieses Element auch noch zu integrieren. Klar könnte so was das ganze noch unterstreichen, wenn es gut gemacht ist, aber andererseits waren wir uns immer einig, dass die Musik im Vordergrund stehen soll.
Sebastian: Ich denke das auch immer noch. Diese Beamergeschichten sind so inflationär geworden und jeder versucht sich da zu übertrumpfen und hier noch eine Folie und da noch hastenichgesehen, aber ich finde gut gemachtes Licht wesentlich interessanter. Das sind auch so Wurzeln bei mir, die ich erst entdeckt habe mit der Zeit, nämlich diese Herangehensweise von Fugazi zum Beispiel: Mach das Licht an, wir spielen und irgendwann gehen wir wieder von der Bühne. Anstatt, dass wir das aufblasen und alles ist voll mit bunten Luftballons, es geht schließlich um Musik, es ist ein Live-Konzert und für alles andere soll man sich eine Theater-DVD kaufen.

Interview: Sebastian Gloser
Fotos: Stefan Malzkorn

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