Im Gespräch mit Regisseur und Dramatiker Alberto Villarreal

Vom 22. bis 27.11.2016 luden die Kammerspiele im Rahmen des Festivals „Endstation Sehnsucht: Theater in Mexiko“ Vertreter einer viel beachteten, kritischen und lebendigen Freien Szene nach München. curt traf sich in der Theaterkantine mit Alberto Villarreal, Autor und Regisseur des Stückes „Cactácea“ („Kaktee“).

Im Mittelpunkt steht der Begriff der „mexicanidad“, dem Versuch, die Essenz des Mexikanischen bzw. eine mexikanische Identität greifbar zu machen. Die Idee, Alberto Villarreal seine Version jener „Mexikanität“ auf die Bühne bringen zu lassen, entstammt dem Royal Court Theatre in London, das sich der internationalen Förderung junger Dramatik widmet. Zusammen mit der Puppentheaterkompanie Luna Morena und dem Videoaktivisten Randy Prozac entwirft Villarreal mit „Cactácea“ eine Collage aus popkulturellen und mystischen Referenzen. In einem hohen Tempo und mit einer Vielzahl an gewaltigen und simultanen Bildern schießt er zynische Pfeile gegen Doppelmoral, religiöse Überhöhung und die Ära des Internets. Elemente aus Totenkult, folkloristischer Musik und aztekischer Geschichte sind verschränkt und stets ambig.

Wie schreibt man ein Stück über das Konzept eines ganzen Landes, ohne in Stereotypen zu verfallen? Wie viel Kulturbotschafter kann internationales Theater sein und wie viel Fremdes von einem Publikum decodiert werden? Alberto Villarreal beantwortet für curt Fragen über nationale Topoi, eine mögliche mexikanische Identität sowie die Qualität und Grenze der Fiktion und erklärt, warum das Theater dabei niemals lügt.

Wie sehr konntest du der Bitte des Royal Court Theatres entsprechen, ein Theaterstück über die mexikanische Identität deines Landes zu schreiben?
Ich fand diesen Vorschlag sehr außergewöhnlich und zur gleichen Zeit war ich mir der Schwierigkeit bewusst, über mein eigenes Land zu sprechen. Jedes Land besitzt eine Reihe an Topoi, die man behandeln muss, um einem Theater über das jeweilige Land gerecht zu werden. Das ist gleichzeitig auch riskant. Im Fall Mexikos – und das habe ich einmal für die Zeitschrift „Theater der Zeit“ überlegt – sind es wohl drei große Topoi. Zum einen Migration, Drogenhandel und Gewalt, außerdem die folkloristische und indigene Welt und als letztes Frida Kahlo. Abseits dieser Themen herrscht ein diffuses Gefühl aus dem, was von außen erwartet wird und aus den eigenen Vorstellungen im Land. Die Frage des Royal Court war aus diesem Grund eine große Herausforderung für mich, die mich nicht mehr losgelassen hat. Meine Annäherung erfolgte dann über eine Tendenz, die nicht nur in Mexiko, sondern auch in anderen indigen geprägten lateinamerikanischen Ländern zu beobachten ist: der große Unterschied zwischen auf der einen Seite dem rationalen, westlichen, strukturierten, systematischen, logischen Denken und den Idealen der Wissenschaft und des Fortschritts und auf der anderen Seite das absolut halluzinöse Universum der indígenas, der indigenen Bevölkerung. So war die Idee, ein Theaterstück zu erschaffen, das diesen halluzinösen Raum erschafft und verwendet. Die Halluzination als Art, Ideen zu organisieren und Geschehnisse passieren zu lassen, die dann zu einem Theaterstück werden. Das war die Antwort auf die Bitte des Royal Court Theatres.

Auf dieser Grundüberlegung entstand dann der Text, den du geschrieben hast.
Als ich das Stück schrieb und mit dem Theater übersetzen wollte, tauchte auf einmal etwas Neues auf: die Unmöglichkeit, bestimmte Begriffe in eine andere Sprache zu überführen. Durch diese „Nicht-Übersetzbarkeit“ entstand ein sprachliches Register der „Mexikanität“. Gleichzeitig ergab sich auch ein neuer Blickwinkel, der trotzdem kein nationales Gefühl repräsentiert. Dargestellt wird ein ludischer Akt, der sich um eine Idee aufbaut, die es gar nicht gibt. Und diese Vorstellung ist „Mexiko“. Daraus folgt das zweite große Thema des Stücks: das Problem des Nationalstaats und das Infragestellen desselben mithilfe des Internets. Das Internet als neue kollektive Halluzination auf globaler Ebene.

An einer Stelle des Stückes wird das Aufkommen des Internets fast mit der Ankunft Hernán Cortés‘ und der Eroberung Mexikos gleichgesetzt. Warum misst du dem Internet eine so große Bedeutung bei und hat die digitale Vernetzung in Mexiko etwas ausgelöst, das es in anderen Ländern nicht ausgelöst hat?
Wichtig ist die Feststellung, dass es „Mexiko“ vor der Ankunft Hernán Cortés‘ überhaupt nicht gab. Es gab keinen Nationalstaat. Nichtsdestotrotz hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass ein altes Territorium mit Azteken bzw. Mexicas quasi die mexikanische Nation war, die unverändert erobert wurde und sich dann unabhängig gemacht hat. Aber das ist eine historische Einbildung, so war das nicht. Edmundo O´Gorman hat ein sehr kluges Essay geschrieben, La invención de la América („Die Erfindung Amerikas“). Es geht darum, dass Amerika nicht entdeckt, sondern erfunden wurde. Ein Stück Land, das mit Utopien aufgeladen wurde, und seitdem sagt man über Mexiko: Hier entsteht gerade etwas, hier kann man immer alles neu erfinden. Es gibt ein großes Pflichtgefühl der Erfindung. Mexiko erfindet sich als eine Nation der Möglichkeiten. Ich denke nicht, dass das Internet auf Mexiko anders wirkte als auf andere Länder. Ich denke eher, dass das Internet eine Etappe darstellt, in der das Konzept des mexikanischen Nationalstaats verwässert. Und ich denke auch, dass Deutschland, China, Korea oder andere Länder zum Teil von einer „Heimat des Internets“ abgelöst werden. Es verändern sich die Zugehörigkeitsgefühle zwischen den Menschen und in den jüngeren Generationen gibt es eine so starke Verortung im Internet, das schon fast territorial von einem Stück Kulturgebiet sprechen lässt. Der Austausch der Personen untereinander ist so groß, dass sich die ursprünglichen Nationen verschieben oder auflösen könnten. Aber das ist bloß eine mögliche Denkweise, eine persönliche Sensibilität für dieses Thema.

curt vor Ort: Christine Lauck interviewte Alberto Villarreal

curt vor Ort: Christine Lauck interviewte Alberto Villarreal

Das Stück beinhaltet Symbole, Anspielungen und Metaphern. Inwiefern ändert sich die Rezeption, sobald ein deutsches Publikum mit dem Inhalt konfrontiert wird?
Über das mexikanische Publikum habe ich einige Anhaltspunkte, aber auf die Reaktion des deutschen Publikums kann ich mir keinen Reim machen. Ich weiß, dass einige Symbole wiedererkannt werden, andere bilden eine eigene Ironie und es gibt weitere, die witzig erscheinen, aber sehr ernst gemeint sind. Ich kann das deutsche Publikum nur beobachten und hören, an welchen Stellen es lacht. Aber eigentlich ist es ein großes Mysterium für mich. Ich weiß, welche Referenzen sie sehen, und einige Dinge gehen definitiv verloren, aber dafür sehen sie einiges, das mir noch nicht mal möglich wäre zu denken. Das ist auch für uns als Team eine Rezeptionsweise, die uns aus zwei Gründen nicht bekannt ist: ein neues Publikum und eine komplett veränderte Adaption des Stückes. Von einem ehemaligen Kinosaal aus den 30er-Jahren in Guadalajara mit fahrenden Autos, einer Gleiskette, beweglichen Teilen und extrem hohen Decken in das Jugendstil-Schauspielhaus der Kammerspiele. Für mich ist das ein unfassbar wichtiges, spannendes und vergnügliches Projekt: die Essenz beizubehalten und den Rest zu modifizieren. So bekamen wir in München ein schönes Karussell und waren sehr glücklich damit. Wir wurden hier sehr herzlich empfangen und hatten eine unbeschreiblich produktive und tolle Zusammenarbeit.

Was sind für dich die Möglichkeiten und auch Grenzen des Kulturkontakts, die das Medium Theater herstellen kann?
Das Theater schafft es, für eine gewisse Zeit aus nächster Distanz eine Sensibilität herzustellen. Aber man kann danach nichts wissen, das Theater ist keine Konferenz und kein Informationssystem. Es ist auch keine Kommunikationsart. Theater ist härter, Theater ist ein Schlag. Theater ist immer eine subjektive Wahrnehmung des Anderen. Wir können das Theater nicht als Förderer der Realität verwenden, sondern Potenziale des Realen schaffen. Darin liegt die Macht des Theaters, das es „umhaut“, ohne etwas zu sagen; eine Erfahrung ist, ohne Information bereitzuhalten. Es stellt kein Wissen her und, das ist für mich sehr wichtig, es stellt keine Wahrheit her. Die Fiktion erschafft andere Möglichkeiten, die nur, weil sie es in der Realität nicht gibt, nicht falsch sind. Die Fiktion ist ein Raum, der unsere westliche Kultur der Logik zerstört und komplett verändert wieder aufbaut, ohne dabei eine neue affirmative Ordnung zu begründen. Es sagt nicht: „Die Dinge sind so.“ Deswegen muss niemand, der „Cactácea“ gesehen hat, Mexiko verstehen. Wenn ich, der ich nicht deutsch spreche, ein deutsches Theaterstück sehe, dann löst der Klang der Worte enorm viel in mir aus, aber wahrscheinlich nicht das, was er wirklich bedeuten sollte. Trotzdem entwickle ich eine Vorstellungskraft davon, was für mich Deutschland sein könnte. Ich erfahre nichts über sein systematisches Funktionieren, aber ich erfahre etwas über die Lateralität des Landes, über seine Fantasien und seine Fiktionen: Das kann das Theater schaffen.


Das Interview führte und übersetzte Christine Lauck. curt dankt der freundlichen Ermöglichung durch Katrin Dod, Pressesprecherin der Kammerspiele München.


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