Im Gespräch: Turbostaat

Eine Band, zwei Abende, 63 Lieder – So feiern die Herren Turbostaat ihr 15-jähriges Bestehen. In München machte der Tourbus am Backstage Stop. Während es draußen stürmte und regnete, gab sich Bassist Tobert vor dem zweiten Konzert die Ehre, uns ein paar Fragen zu beantworten. Dabei verriet er nicht nur, welche Band ihn am meisten geprägt hat, sondern auch, wann es Neues von Turbostaat zu hören gibt.

Hallo Tobert, wie lief euer Konzert gestern?

Gut, es funktioniert alles so, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir spielen die Platten chronologisch. Das heißt, wir spielen 2 + x Alben an dem einen Abend und 2 + x Alben an dem anderen Abend. Während des Konzerts gibt es kleine Video-Einspieler, die funktionieren manchmal, manchmal nicht. Es ist ganz schön toll, die Songs spielen zu können, an denen man in den vergangen 15 Jahren gearbeitet hat. Jetzt sind wir aber auch dem Punkt angelangt, an dem wir merken, dass die Konzerte lang und anstrengend sind. Jan (Sänger der Band) ist stimmlich ziemlich gefordert. Ab und zu ist es ein bisschen chaotisch, aber im Endeffekt so, wie wir uns das gedacht haben, und den Leuten gefällt es. Die Konzerte sind eine emotionale, aber auch sehr anstrengende Sache.

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15 Jahre Turbostaat – hättet ihr damals zur Bandgründung gedacht, dass es so ausartet?

Nein, wir haben ja oft genug betont, dass es nie das Bestreben gab, damit erfolgreich zu werden. Ich glaube, dass ist bei den meisten Leuten so, die eine Punk-Band gründen. Und dann ergeben sich halt irgendwie Sachen … Diese Zielstrebigkeit, die ich heute von vielen Bands mitbekomme, dass Musik so eine Art „Job-Plan“ ist, die hatten wir damals nicht und das empfinde ich auch heute noch so.

Was hat sich seit der Bandgründung verändert?

Alles und nichts. Wir sind noch immer die selben Fünf. Es gibt die Agenda, dass die Band immer aus uns fünf bestehen wird. Keine Ahnung, was wir machen würden, wenn einem von uns ein Bein abfällt. Mittlerweile fahren wir seit zehn Jahren mit einem festen Merchandiser und Soundmann auf Tour. Turbostaat ist unsere Job geworden. Retrospektiv wusste ich zu Beginn wirklich nicht, was ich mache. Ich bin aus der Schule geflogen, weil ich mit der Band auf Tour war. Ich hab mir keine Gedanken darüber gemacht, was aus mir wird. Ich bin jetzt seit drei Jahren im Einklang damit zu sagen: Ich bin Musiker. Das finde ich auch gut. Das hat sich bei mir geändert. Ich bin jemand. Ich mach Musik. Das kann ich.

Was war dein bisheriges Highlight der Turbostaat-Karriere?

Eigentlich ist das immer nur der nächste Tag. Ich bin kein Jubel-Nordfriese, der viel in Erinnerungen schwelgt. Wir haben so viel erlebt mit der Band, das sind teilweise auch eher so Abstrusitäten, die nur für uns Sinn ergeben. Die Aufnahme und Realisierung der letzten Platte („Stadt der Angst“) ist sehr bei mir hängengeblieben, da wir nach dem Wechsel vom Major- zum Indie-Label unseren Kram wieder selbst gemacht haben. Wir schreiben nicht nur die Musik, jeder von uns hat noch seine eigenen Bereiche. Ich kümmere mich um das Art-Work. Man muss selber etwas tun, wenn man außerhalb der konformen Norm existieren will.

Du hast es vorhin schon angesprochen. Es ist sehr anstrengend die beiden Abenden zu spielen. Ihr spielt 63 Lieder – wie könnt ihr euch die alle merken? Müsst ihr spicken?

Ich dachte bei der letzten Probe, ich bräuchte bei einem Lied einen Spickzettel. Das ist aber mein Hang, mich selbst zu unterschätzen. Ich habe diese Lieder alle schon oft gespielt. Das ist wie Fahrrad fahren, eigentlich verlernt man das nicht. Der Trick ist, dass man zusammen als Band eine Form findet.

Gibt es auch Songs, auf die du gar keinen Bock mehr hast?

Ja, es gibt welche, die wir gerade in den letzten Jahren viel live gespielt haben. Ich bin froh, dass bei den Konzerten Songs dabei sind, die wir seltener spielen. Wenn man die vermeintlichen fünf spielt, passiert natürlich immer das gleiche. Das ist zwar auch super, aber mir gefallen die unbekannteren Lieder gerade ein bisschen besser.

Eure Texte gelten als kryptisch. Mir ist aufgefallen, dass ihr in Interviews immer wieder darauf angesprochen werdet. Seid ihr es leid, nach deren Bedeutung gefragt zu werden?

Ja, vor allem das Wort kryptisch nervt, weil das die Texte nicht sind. Ich texte nicht selbst, bin aber seit „Island Manöver“ im Entstehungsprozess involviert. Ich verbringe sehr viel Zeit mit Marten, der die Texte schreibt. Für mich sind die Text klar, verständlich und ergeben Sinn. Wir verstehen alle, dass das Wort kryptisch verwendet wird. Aber eigentlich ist es eine Beleidigung, eine Ausrede von vielen Leuten. In den meisten besseren Büchern ist die Aussage ja auch nicht von vornherein verständlich. Ich finde es manchmal viel schöner, wenn jemand was in den Song hineininterpretiert, als die eigentliche ursprüngliche Bedeutung. Da steh ich aber alleine damit da. Marten wäre es am liebsten, wenn die Leute verstehen würden, was er meint.

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Foto: Gunnar Menzel


Von welcher Band würdest du gerne mal alle Songs live sehen?

(Überlegt) Kyuss. Die Alben „Blues for the red sun“, „Sky Valley“ und „… and the circus lives the town“ wären der Wahnsinn. Alles davor ist mir egal. Ich hab lange damit gerungen, mir das einzugestehen, aber Kyuss ist die Band, die mich am meisten beeinflusst hat. Deswegen spiele ich Bassgitarre. Und alle Jens-Rachut-Bands bis Dackelblut. Das fände ich gut. Aber Kyuss wären mir wichtiger.

Was verbindet Turobstaat mit der Band Hot Snakes? Ich habe gesehen, ihr verkauft ein T-Shirt mit der Swami-Katze drauf, die auch mal ein Logo der Band war.

Ich habe  eben überlegt, ob ich Jens Rachut sage oder alle Bands, in denen John Reis gespielt hat, also auch Hot Snakes. Wenn Kyuss für mich die Bass- und Schlagzeug-Band und Dackelblut die Text-Band ist, dann sind Hot Snacks die Gitarren-Band. Diese Turban-Katze, die auf dem T-Shirt zu sehen ist, ist eine Hommage an Hot Snakes. Ich wollte schon immer in den Designs eine Hommage unterbringen. Für „Vormann Leis“ waren Hot Snakes auch ein maßgeblicher Einfluss.

Was dürfen wir im kommenden Jahr von Turbostaat erwarten? Neues Album? Noch eine Tour? Oder braucht ihr erst mal eine Pause?

Ich hätte gern eine Pause (lacht), aber das ist pure Faulheit. Wir werden in der zweiten Jahreshälfte ein neues Album rausbringen. Wir hatten bis jetzt wenig Zeit, dafür zu proben. Mittlerweile haben wir mit Crew zehn Kinder und Familien, das alles muss irgendwie unter einen Hut gebracht werden. Marten und ich haben zusammen viele Lieder und Ideen vorbereitet, Nudeln gekocht und Rotwein getrunken. Momentan sind sechs, sieben Songs fertig. Mitte Januar werden wir dann mit den Proben für das neue Album beginnen. Festivals werden wir 2015 auch einige spielen und im Herbst kommt dann, wenn alles gut läuft, die Platte raus. Gerade ist bei allen das Bewusstsein da, Turbostaat könnten auch zusammen eine Pommes-Bude aufmachen, falls uns musikalisch nichts mehr einfallen würde. Das wäre auch vollkommen okay. Aber es wird eher auf die Sache mit der Platte als mit den Pommes hinauslaufen.

Interview: Lea Hermann // Fotos: Gunnar Menzel


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