„Das Schloss“ im Volkstheater

Wenn man Kafka inszeniert, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man versucht, sich in das Gehirn dieses skurrilen Autors hineinzuversetzen, um die Intention seiner Texte nachzuvollziehen, was eigentlich kaum möglich ist – oder man lässt es. Letztere Option hat der französische Regisseur Nicolas Charaux bei seiner Inszenierung von Kafkas Roman „Das Schloss“ am Volkstheater gewählt. Er versucht nicht diesen nach persönlicher Auffassung auf die Bühne zu bringen, sondern lässt den Zuschauern Platz für eigene Interpretationsmöglichkeiten.

In Kafkas Roman trifft K., ein vermeintlicher Landvermesser, in einem Dorf ein und bittet im Wirtshaus um ein Nachtlager. Die Dorfbewohner teilen ihm mit, dass ein Verbleiben im Dorf nicht ohne die Erlaubnis des Schlossherrn möglich ist. Doch K.s Versuche zum Schloss zu gelangen scheitern ebenso, wie sein Bemühen ein Teil der Dorfgesellschaft zu werden. Und so wie sich Außenseiter K. inmitten der bizarren Dorfbewohner fühlen muss, ist auch die Atmosphäre auf der Bühne: beklemmend, düster, kalt. Durch den drehbaren achteckigen Kasten mit Holzläden, die laut krachend geöffnet und geschlossen werden, wird diese finstere Stimmung noch verstärkt.

Das Besondere an der Inszenierung ist, dass keiner der acht Figuren eine feste Rolle hat. Sie agieren teilweise als eine einzige Person und trotzdem spielen die acht Schauspieler ihre Rolle jeder auf seine eigene Weise und bilden sozusagen ein Kollektiv aus Individuen – brillant! Das Groteske, das sich in allen von Kafkas Stücken verbirgt, wird durch die absurde, überzogene Gestik und Mimik der acht teils noch sehr jungen Schauspielern erzeugt, die mit weiß geschminkten, verzerrten Gesichtern und verrenkten Gliedern eine fast schon stummfilmartige Atmosphäre schaffen. Die schauspielerische Leistung betreffend, ist hier vor allem Mara Widmann  hervorzuheben, die mit ihrem endlosen, sinnentleerten Solo zum Ende des Stücks hin, eine Meisterleistung vollbringt.

Bei „Das Schloss“ handelt es sich um ein Fragment, das nie beendet wurde und genau wie der Roman, bricht die Inszenierung mitten im Satz ab – dann sind die Zuschauer dran sich ihr eigenes Bild von der Geschichte zu machen.


„Das Schloss“ von Franz Kafka // 28.02.2017 // 01.03.2017 // 08.03.2017 // 09.03.2017 // 16.03.2017 // 19:30 Uhr // Volkstheater

Regie: Nicolas Charaux // Bühne: Pia Greven // Kostüm: Cátia Palminha // Lichtdesign: Gerhard Fischer // Musik/Sounddesign: Bernhard Eder

Besetzung: Luise Kinner // Pola Jane O´Mara // Mara Widmann // Carolin Hartmann // Jonathan Müller // Mehmet Sözer // Jakob Geßner // Silas Breiding


Titelfoto: Mehmet Sözer, Luise Kinner, Jonathan Müller


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