curt war da: Motörhead im Zenith

10. November, Zenith // Kaum fällt in München das Laub von den Blättern und die Nächte werden kälter, parken Motörhead ihren Tourbus im Industriegebiet Freimann und laden ins Zenith zum Tanz. So auch in diesem Jahr, um die immer noch aktuelle Scheibe Aftershock zu promoten.

Lange Zeit war überhaupt nicht klar, ob sich Lemmy nach seinen diversen gesundheitlichen Unstimmigkeiten wieder aufrappelt und fit genug für eine längere Tournee ist. Eine Herzattacke, aufkommende Diabetes und die daraus resultierende ärztlich empfohlene Alkohol- und Nikotinreduktion sind keine guten Voraussetzungen für eine längere Reise in Sachen Heavy Metal. Jeder, der schon einmal einen alten Motor von 100 Oktan Super auf Normalbenzin umstellen musste, der weiß, das wird mit Leistungsverlust verbunden sein. Und so fahren Motörhead bei dieser Herbsttour auch noch nicht das volle Programm.

Aber der Reihe nach. Pünktlich um 19.00 Uhr stehen Skew Siskin auf der Bühne. Lemmy wird ja nicht müde zu erwähnen, wie sehr er auf diese Band steht und schleppt sie immer wieder mit. Warum, bleibt mir auch dieses Mal mehr als schleierhaft. Antiquiert, uninspiriert, blass. Mehr als Höflichkeitsapplaus ist für die Berliner nach knapp 30 Minuten deshalb auch nicht zu ernten.

Dann folgt etwas, das in der langen, langen Motörheadgeschichte einer kulturellen Revolution gleichkommt. Keyboards werden auf die Bühne gebracht! Die britische Punklegende The Damned sind der Special Guest und bringen Farbe in das immer gleiche Schwarz der langen Liste ordinärer Motörheadvorbands. Captain Sensible begrüßt die Meute und lädt ein zum Spaziergang auf der Street Of Dreams. Dave Vanian gibt den Zeremonienmeister, der souverän durchs Programm führt. Es folgen 50 kurzweilige Minuten, in denen die Londoner Hit auf Hit abfeuern und die bierumspülten Herzen der Motörheadbanger mit Charme und Ironie im Sturm erobern. Punkrock, Gothic, Pop garniert mit fast 40 Jahren Bühnenerfahrung sind die Zutaten des Soundcocktails, der den als eher konservativ geltenden Motörheadgängern serviert wird. Als sich die Band mit Smash It Up unter mehr als wohlwollendem Applaus verabschiedet, kann dieses Experiment als Erfolg verbucht werden.

Für Lemmy, Phil und Mikkey ist das Feld nun gut bestellt. Als die Drei die Bühne betreten ist der Jubel der knapp 6000 in der seit Wochen ausverkauften Halle frenetisch. Lemmy spricht das obligatorische Motörheadglaubensbekenntnis “We Are Motörhead And We Play Rock’n’Roll!” Shoot You In The Back donnert aus den Boxen. Laut und mächtig, die Roadcrew hat die klanglichen Tücken der alten Fabrikhalle gut im Griff. Das Programm heute deckt sich zum großen Teil mit der Setlist der Best Of The Weast Coast Tour 2014 CD, die seit August als Bonus der Aftershock Tour Edition erhältlich ist. Viele Songs aus den 70ern und 80ern und kaum aktuelles Material. Den Anwesenden ist es recht. Sie feiern, was das Zeug hält. Motörheadglückseligkeit, wohin das Auge schweift. Mr. Kilmister steht solide hintern Mikro. Ein wenig merkt man ihm an, dass sein Körper nicht mehr alles mit sich machen lässt. Er trinkt zwischendurch sogar aus einer Wasserflasche und Phil Campbell übernimmt die ein oder andere Ansage, ohne dass der Chef dazwischenfunkt. Ein kurzes Gitarrensolo zwischen Over The Top und The Chase Is Better Than The Catch sowie das Schlagzeugsolo im Anschluss an Doktor Rock sind bei gut 75 Minuten Spielzeit für den Konzertverlauf vielleicht unnötig, aber als Verschnaufpause für das kranke Motörheadherz sicherlich dienlich. Am Ende sind alle glücklich und zufrieden und Lemmy und Co. sind mit starker Leistung zurück auf der Bühne.


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