Im Gespräch: Fotograf Matthias Keitel

„Wenn ich keinen Sinn im Leben finde, weiß ich auch nicht, wie der Tod sein soll.“

Matthias Keitel ist 34 Jahre jung, ehemalige Koordinationsfachkraft des Hospitznetzwerks München und Fotograf. Nach seiner Ausbildung als Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger schreibt er derzeit an seiner Bachelor-Arbeit in angewandten Gesundheitswissenschaften, fragt sich darin: Bleibt man gesünder, wenn man einen Sinn im Leben hat? Sein neuestes Projekt ist eine selbstgestaltete Bilder- und Gedichtsammlung zum Thema Tod.

Wie kam es zu deiner Entscheidung, im Bereich Hospiz zu arbeiten?
Das Sterben begleitet mich eigentlich schon seit meiner Kindheit. Ich komme aus einem Dorf mit 50 Einwohnern, dort war der Tod immer ein Thema, ob beim Tier oder Menschen. Ich hatte da nie Berührungsängste. Mein letzter Einsatz in der Ausbildung war auf einer Intensivstation für Frühgeborene. Das wahnsinnige Kämpfen ums Leben, wo oft schon absehbar war, dass die Kinder aufgrund der Schäden durch die Frühgeburt keine Chance haben. Dadurch bin ich eigentlich reingerutscht und bestärkt worden darin, dass diese Tätigkeit einfach sinnerfüllend ist.

Was genau macht man bei einer Sterbebegleitung?
Man ist die Person, die man immer ist; das ist das Wichtigste. Jeder Sterbende sucht sich seinen Begleiter selber aus, Koordinatoren kümmern sich um den Erstkontakt. Das Schwerste ist einfach, mal nichts zu machen. Klar, man liest vor, geht spazieren, begleitet den Alltag der Leute. Aber ein großer Teil ist es auch, bei jemand Fremden in der Wohnung zu sein, bloß da zu sein. Das ist für viele schon beruhigend. Das Gefühl, dass da jemand ist, kann man nicht ersetzen durch Musik oder Fernsehen.

Dein letztes Projekt war eine Ausstellung mit dem Titel „Fluss der Gezeiten“. Was hat dich dazu bewegt, Fotografien zum Thema Tod zu machen?
Wir haben leider stark sinkende Ehrenamtszahlen. Mein Ansatzpunkt war es, ein Medium zu schaffen, das die Hospizvereine immer nutzen können, ohne großen finanziellen oder zeitlichen Aufwand; und auf diesem Weg auf das Thema aufmerksam zu machen und es jedermann zugänglicher zu gestalten. Es gibt beispielsweise einen Film, den man bei Infoveranstaltungen nutzen kann.

Die Ausstellung besteht aus verschiedenen Bausteinen: Bildern, Gedichten, Zitaten. Wie hängen diese zusammen? ­Die Fotos selber, welche von Alexander Deeg geschossen wurden, zeigen das Leben, nicht den Tod, denn letzteren kennt man zur Genüge: etwa Hände, die sich halten; alles in Schwarz-Weiß. Die letzte Lebensphase scheint oft ausschließlich mit Trauer einherzugehen. Meine Erfahrungen sind aber so voller Leben und Aktivität, das sollte die Ausstellung widerspiegeln. Die Frage dahinter lautet: Was machen Menschen, die andere begleiten, was sind ihre Beweggründe, welche Qualitäten haben sie? Jeder Besucher oder Mitarbeiter kann sich dem Thema so auf seine eigene Art und Weise nähern.


Dein neues Projekt ist eine Homepage mit Bildern und Gedichten zum Thema. Wie kann man sich das vorstellen?
Zunächst hatte ich die Überlegung, das Projekt auf Facebook zu starten, aber das ist nicht das richtige Medium. Zu viel los, zu schnelllebig. Ein konkretes Beschäftigen ist nicht möglich. Auf meiner Homepage kann man sich Zeit lassen, auf den richtigen Tag warten. Die Texte und Gedichte schreibe ich selber. Ich versuche, Bilder und Texte so zu wählen, dass sie nachdenklich stimmen und Interpretationsspielraum schaffen. Sie können Kraft ausdrücken, Mut machen, Melancholie fördern, einfach nur schön sein …

Foto: Matthias Keitel

Denkst du, die Leute beschäftigen sich zu wenig oder zu spät mit dem Gedanken, dass ihr Leben mal ein Ende haben wird und was dann kommt?
Wir sind schon distanziert auf einer Seite, andererseits hat alles seine Zeit. Oft hatte ich das Gefühl, die Leute erkennen meine Arbeit nicht richtig an und würdigen sie durch ihr Desinteresse nicht. Aber mittlerweile kann ich verstehen: Wenn man jung und gesund ist, schiebt man den Gedanken weg. Man braucht zu dem Thema ein Erlebnis. Ich kann jedem nur empfehlen, mal ein oder zwei Begleitungen mitzumachen: Die Ausbildung zum ehrenamtlichen Hospizbegleiter kann jeder kostenlos machen! Auch wenn es makaber klingt – es hat ja immer ein Ende. Diese letzte Lebensphase ist so toll und kann so bereichernd sein, das kann man nicht mit Seminaren vermitteln. Es lohnt sich, einen Gang herunterzuschalten. Das ist ein Geschenk, das man so nicht erklären kann.

Was für eine Rolle spielt Religion oder Glauben in diesem Arbeitsumfeld? An was glaubst du?
Ich bin evangelisch erzogen worden, mit einem bestimmten Bild aufgewachsen. Ich finde es schwierig, wenn mir Menschen, die ich begleite, sagen, sie glauben an gar nichts. Man muss ja nicht an Gott glauben oder einer Religion folgen. Eine gute Vorstellung darüber, wie das Leben enden könnte, ein Glaube daran, dass alles gut wird, reicht schon aus. Ich glaube auch nicht, dass es eine Vernichtung nach dem Tod gibt. Viele quälen sich unnötigerweise durch die Vorstellung der Leere danach, die finde ich schrecklich. Heidegger sagt: „Es gibt keine Leere, denn die Zeit fließt immer weiter.“

Wenn man ein Leben lang gedacht und gefühlt hat, was erlebt hat: Das verschwindet nicht einfach, nur weil der Körper nicht mehr kann. Das soll nicht esoterisch klingen, aber ich glaube nicht, dass so eine Energie verloren geht. Wir kehren zurück in die Natur, geben ihr etwas zurück und damit beginnt etwas Neues; es hört nie auf. Der Moment, in dem jemand stirbt, ist so ein ruhiger, warmer Augenblick. Da ist keine Leere danach, dann wären da bloß Kälte und Stille und nicht so eine wohlige Zufriedenheit.

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Dieser Artikel ist in der curt Ausgabe #85 erschienen // Gestorben wird immer
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