Im Kino: Victoria & Abdul

Seit 50 Jahren sitzt Königin Victoria (Judi Dench) nun bereits auf dem Thron, das British Empire erstreckt sich über zahlreiche Länder. Und das gilt es zu feiern, mit viel Prunk, mit vielen adeligen Gästen. Und natürlich mit schönen Geschenken. Ein solches sollen auch die beiden indischen Bediensteten Abdul (Ali Fazal) und Mohammed (Adeel Akhtar) überreichen. Doch der Plan, die Monarchin mit einer indischen Gedenkmünze zu erfreuen, geht nicht so ganz auf. Dafür findet sie Gefallen an Abdul selbst. Aus anfänglicher Neugierde für den ebenso exotischen wir hübschen Mann wird schnell Zuneigung und gar Freundschaft. Der Rest des Hofes ist über diese Entwicklung jedoch weniger erfreut. Vor allem Bertie (Eddie Izzard), der Prince of Wales und nächster Thronanwärter, ist empört, wie viel Aufmerksamkeit der muslimische Ausländer von seiner Mutter erhält.

„Based on a true story“, heißt es zu Beginn von „Victoria & Abdul“. „Mostly“, wie kurz darauf hinzugefügt wird. Ein einzelnes Wort, das aber doch ganz gut auf das vorbereitet, was den Zuschauer in den folgenden rund 110 Minuten erwartet. Zum einen nahmen es Regisseur Stephen Frears und Drehbuchautor Lee Hall mit der Wahrheit nicht immer so ganz genau. Vor allem aber begegnen die beiden dem Thema mit überraschend viel Augenzwinkern.

Victoria & Abdul Kino Rezension curt München

Das soll sich im Film selbst so fortsetzen: Abdul wurde seiner Größe wegen als Überbringer des Geschenks ausgewählt. Dass sein Kompagnon Mohammed da so gar nicht ins Bild passt, ist nur einer von mehreren anfänglichen Running Gags. Überhaupt entpuppt sich der klein gewachsene, ständig missgelaunte Inder als echter Szenendieb, wenn er kontinuierlich alles kritisiert und bemängelt, was ihm begegnet. Ehrfürchtige Verneigung vor der mächtigsten Frau der Welt? Bewunderung gar? Nee, er will lieber schnell nach Hause, beschimpft die Briten für deren gewöhnungsbedürftigen Essgewohnheiten gern als Barbaren.

Allgemein ist es auffällig, wie wenig respektvoll „Victoria & Abdul“ mit dem Königshaus umgeht. Ob es nun der Nachwuchs der Monarchin ist oder die Bediensteten, der Palast wimmelt von wichtigtuerischen Nichtsnutzen ohne Rückgrat. Und auch Queen Victoria ist, zunächst zumindest, nicht mehr als eine Witzfigur, eine alte, gelangweilte Frau mit Verdauungsproblemen. Das soll sich natürlich ändern: Die bissigen Szenen machen gefühlvollen Platz, aus den beiden so ungleichen Protagonisten werden echte Freunde.

Das verläuft alles nach recht bekannten Bahnen, spart sich zudem jedes Risiko oder größere Ambitionen. Der inhaltliche Sprengstoff einer Freundschaft zwischen Kolonialisten und besseren Sklaven wird kaum angesprochen, stattdessen gibt es Wohlfühl-Tragikomik. Vor allem aber bleibt Abdul seltsam blass. Ist er der Königin in aufrichtiger Bewunderung ergeben oder nutzt er sie doch nur aus? „Victoria & Abdul“ gibt keine Antwort darauf, interessiert sich auch gar nicht so recht für den Mann. Seine Persönlichkeit verschwindet hinter einem Lächeln. Das ist auf Dauer etwas unbefriedigend, so wie der Film allgemein nach einer Weile ziemlich auf der Stelle tritt. Wer aber gar nicht den Anspruch auf richtig viel Tiefgang hat, der kann sich an den humorvollen Dialogen erfreuen, an den prachtvollen Kulissen – und natürlich an Judi Dench, die mal wieder alle überragt und auch das nötige Maß an Selbstironie mitbringt.

Fazit: Königin Victoria freundet sich mit einem indischen Bediensteten an? Das klingt unglaublich, ist aber wahr – meistens. Sonderlich viel Tiefgang sollte man von „Victoria & Abdul“ nicht erwarten. Unterhaltsam ist die prächtig ausgestattete und von Judi Dench wunderbar gespielte, teils überraschend respektlose Tragikomödie aber dennoch.

Wertung: 7 von 10


Regie: Stephen Frears; Darsteller: Judi Dench, Ali Fazal, Eddie Izzard, Adeel Akhtar; Kinostart: 28. September 2017

 

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