Im Kino: Stille Reserven

Nach dem Tod ist vor dem Tod: Im Österreich der Zukunft wird das Potenzial der Menschen auch nach deren Ableben noch genutzt, indem sie künstlich am Leben erhalten und an Maschinen angeschlossen werden. Nur wer eine sogenannte Todesversicherung abschließt, kann sichergehen, dass mit dem Tod auch wirklich alles vorbei ist. Vincent Baumann (Clemens Schick) verkauft solche Versicherungen. Und er ist sehr gut darin, da er die maßgeschneiderten Profile seiner potenziellen Kunden zu lesen weiß. Als er jedoch bei seinem Verkaufsgespräch bei dem wohlhabenden Erfinder Wladimir Sokulow (Daniel Olbrychski) scheitert, erfährt er zum ersten Mal, was das gnadenlose System für die einfachen Menschen bedeutet. Richtig kompliziert wird seine Situation aber erst durch Lisa (Lena Lauzemis), die Tochter von Wladimir, die im Geheimen als Aktivistin für den freien Tod kämpft und der Vincent rasch verfällt.

Ein Science-Fiction-Film Aus Österreich? Kaum vorstellbar. Und hier auch kaum sichtbar. Das liegt zum einen daran, dass mit Ausnahme von Marion Mitterhammer als Versicherungschefin Diana Dorn die meisten Darsteller doch aus Deutschland kommen. Vor allem aber ist das Land kaum mehr wiederzuerkennen. Nur kurz erblicken wir zwischendurch die traditionellen Gebäude des heimeligen Wiens. Zum Großteil scheint die Stadt aber einer futuristischen Wolkenkratzermetropole gewichen zu sein, grau, kalt und ohne Identität. Das passt visuell natürlich wunderbar zu einer Geschichte, in der jegliches Gefühl und jegliche Individualität ausgemerzt wurden. Wer keine Leistung erbringt, wird sofort aussortiert, Medikamente helfen bei der Selbstoptimierung, die Versicherung, in der Vincent arbeitet, besteht aus sterilen Arbeitsnischen, in denen sich nur selten persönliche Merkmale finden.

Eindeutig: Regisseur und Drehbuchautor Valentin Hitz hat hier eine Welt entworfen, in der die Menschen nichts mehr zählen, alles und jeder nur noch ein Mittel zum Zweck ist. Dabei ist nicht einmal klar, was dieser Zweck noch sein soll. Die Versicherung ist beispielsweise allgegenwärtig, hat überall kleine Stände, die wie Wechselbuden aussehen – nur dass hier kein Geld, sondern Versicherungen gewechselt werden. Aber niemand scheint davon noch zu profitieren. In „Stille Reserven“ wurden Arbeit und menschliche Ressourcen perfektioniert, bis in die detaillierten Profile jedes Menschen hinein, ohne dass es noch einen privaten Ausgleich dafür geben würde.

Den gibt es nur bei denen, die nicht Teil des Systems sind. Parallelgesellschaft werden die Menschen genannt, die sich dieser Systematisierung entziehen. Wenn Lena Lauzemis da auf der Bühne steht, altmodische Lieder von sich gibt, dann ist das voller Melancholie. Voller Nostalgie. Voller Sehnsucht nach einem Leben, das einem gehört. Aber wie sollte das, wenn einem nicht einmal der Tod mehr gehört? Das ist dann auch der erschreckendste Aspekt von „Stille Reserven“: Es gibt keinen Ausweg. Alles ist durchgeplant, erfasst, bestimmt. Nicht einmal ein Selbstmord, sonst immer das allerletzte Mittel, kann einen hier noch retten. Das Elend fängt dann nämlich erst an.

Atmosphärisch ist das sehr stark. Auch ohne großes Budget zeigt uns Hitz hier eine Zukunft, die derzeitige Tendenzen aufnimmt und auf eine Weise fortspinnt, die gleichzeitig plausibel und furchtbar erschreckend sind. Die unterkühlten und farblosen Bilder werden dabei von dem Soundtrack wunderbar unterstützt. Die Geschichte selbst wird dabei jedoch zur Nebensache. Dass das Szenario kaum vorgestellt wird, manche Punkte nie so richtig erklärt werden, ist das geringere Problem. Denn auch wenn man hier manches nicht ganz nachvollziehen kann, es geht dann doch um das große Ganze. Schade ist jedoch, dass zum Ende hin dann doch zu viele Konventionen wieder eingehalten werden. Wohl um das Publikum für den sehr ruhigen Hauptteil zu entschädigen, wird das Tempo erhöht. Aber auch wenn die Handlung nicht so spannend ist, wie es der Rest verdient hätte, es ist schon ein beeindruckend bedrückender Film, der da in die Kinos kommt. Einer, der mit minimalen Mitteln eine so makabre Stimmung erzeugt, dass einem tatsächlich angst und bange werden kann.

Fazit: Auch wenn die Handlung teils recht konventionell ist und nicht die ganz große Spannung mit sich bringt, so ist „Stille Reserven“ doch ein beeindruckender kleiner Science-Fiction-Thriller geworden. Die Atmosphäre ist makaber und bedrückend, die Darsteller ideal besetzt, das Szenario selbst alptraumhaft und realistisch zugleich.

Wertung: 7 von 10

Regie: Valentin Hitz; Darsteller: Clemens Schick, Lena Lauzemis, Marion Mitterhammer; Kinostart: 20. April 2017


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