Im Kino: Sommerhäuser

Es ist feste Tradition bei ihnen: Jeden Sommer fahren Bernd (Thomas Loibl) und Eva (Laura Tonke) zu Oma Sophie, um den Sommer in ihrem Garten zu verbringen. Doch dieses Jahr steht unter keinem Stern. Sophie ist vor Kurzem gestorben, ausgerechnet am Tag der Beerdigung schlägt auch noch ein Blitz in den Baum ein. Dennoch geht es weiter wie bisher. Auch Bernds Schwester Gitti (Mavie Hörbiger) ist da, mit der Eva schon seit Längerem über Kreuz liegt. Jetzt, da Sophie weg ist, geht auch das Geschacher los, was mit dem riesigen Grundstück geschehen soll. Während beispielsweise Ilse (Ursula Werner) sehr an dem Vermächtnis ihrer Mutter hängt, ist ihre Schwester Mathilde (Inge Maux) sehr viel weniger nostalgisch veranlagt. Und auch Erich (Günther Maria Halmer), Bruder der beiden und Vater von Bernd, liebäugelt mit dem Verkauf. Als wäre die Stimmung nicht ohnehin schon düster genug, treibt ein Kindesentführer derzeit sein Unwesen.

Kino Sommerhäuser Rezension curt München

Deutsche Filme, die in den 70ern spielen, haben oft die RAF zum Thema. In „Sommerhäuser“ ist jedoch nicht viel Platz für Politik oder große Ideologien, dafür ist die Familie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wie ein Paradies ist der Garten, den Oma Sophie da ihren Kindern hinterlassen hat. Oder sieht danach aus. Nur am Rande bekommt man Nachrichten von der Außenwelt. Handys und Social Media gab es 1976 natürlich noch nicht, es läuft aber auch kein Fernseher, selbst das Radio bleibt meistens stumm. Die Zeitungsmeldungen zu den verschwundenen Kindern sind einer der wenigen Beweise, dass es sie überhaupt gibt, diese Außenwelt. Sie sind aber nur ein Teil der seltsam bedrohlichen Atmosphäre bei der Großfamilie. Das Donnergrollen eines bevorstehenden Gewitters. Oder die Wespenplage natürlich, die dieses Jahr irgendwie ganz besonders schlimm ist.

 

Nichts davon wird in den 100 Minuten des Films wirklich im Mittelpunkt stehen. Weil es in „Sommerhäuser“ keinen Mittelpunkt gibt. Stattdessen hat Regisseurin und Drehbuchautorin Sonja Kröner hier ein Spielfilmdebüt abgeliefert, das gerade deshalb so bemerkenswert ist, weil wichtig und unwichtig nicht voneinander zu trennen sind. Weil sie so viel sagt, indem sie eigentlich nicht viel sagt. Wenn Eva beispielsweise gleich zu Beginn eine abfällige Bemerkung in Richtung ihrer Schwägerin bringt, ein einziger Satz, dann ist das nur die Spitze eines ganzen Eisberges voll unterdrückter Konflikte. Gleiches gilt für eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Schwestern Ilse und Mathilde, die ganz unterschiedliche Erinnerungen an die Mutter haben.

Manches von dem Eisberg wird mit der Zeit an die Oberfläche kommen. 1976, das Jahr, in dem „Sommerhäuser“ spielt, war einer dieser Jahrhundertsommer: Bei nahezu tropischen Temperaturen bleibt hier nichts lange, wie es war. Ein Sonnenbad wird mit Verbrennungen enden, eine vielversprechende Romanze mit einem gebrochenen Herzen. Kontexte gibt Kröner nur selten. Selbst die Familienzusammengehörigkeiten bleiben zunächst ein Geheimnis. Hier wird man hier mitten hineingeworfen und ein wenig im Stich gelassen. Manches wird mit der Zeit klarer werden, man ahnt zumindest, was in den Jahren zuvor vorgefallen ist. Vieles bleibt aber unausgesprochen, das Publikum darf die fehlenden Punkte selbst ergänzen.

Ein Film ohne klare Geschichte, ohne eindeutige Protagonisten, ohne Erklärungen, ja, sogar fast ohne Musik – das kann leicht danebengehen. Umso beeindruckender ist, mit welcher Virtuosität „Sommerhäuser“ hier zu einem Familien- aber auch Zeitporträt wird. Die Dialoge sind authentisch, die 70er-Jahre Ausstattung makellos, auch an dem großen Ensemble gibt es keine Schwachpunkte. Es ist eine Zeit des Umbruchs, die uns das Drama da aufzeigt. Eine Zeit, in der die Gesellschaft sich wandelt, alte Familienstrukturen aufbrechen. In der sich auch diese Familie langsam auflöst, jetzt wo Sophie weg ist, der Garten vielleicht auch bald. Auch deshalb ist die Stimmung hier oft etwas nostalgisch gefärbt. Wehmütig. Das Ergebnis ist ein wunderbarer kleiner Film, der ohne große Stars und ohne großes Aufhebens so menschlich und lebensnah ist, als hätten wir hier tatsächliche Aufnahmen gefunden, die vor 40 Jahren einmal gemacht wurden.

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Fazit: „Sommerhäuser“ zeigt vielen auch größeren Produktionen aus Deutschland, wie ein tatsächlich menschlicher Film aussieht. Die Geschichte einer Großfamilie, die 1976 ihren vielleicht letzten gemeinsamen Sommer im Garten der Oma verbringt, ist ein fantastisch gespieltes und authentisches Familien- wie Zeitporträt, das auch ohne großes Drama nahegeht. Die nostalgische Erinnerung daran, was früher einmal war.

Wertung: 8 von 10


Regie: Sonja Kröner; Darsteller: Laura Tonke, Thomas Loibl, Mavie Hörbiger, Günther Maria Halmer, Ursula Werner, Christine Schorn, Inge Maux, Emilia Pieske, Elliot Schulte, Anne-Marie Weisz; VÖ: 26. Oktober 2017

 


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