Im Kino: Mord im Orient-Express

Alles hat einmal ein Ende, selbst die große Karriere des berühmten Detektivs Hercule Poirot (Kenneth Branagh). So dachte er zumindest. Irgendwie will das mit der Ruhe aber so gar nicht klappen. Erst zwingt ihn ein dringender Fall, sehr plötzlich den Orient-Express nehmen zu müssen – was nur aufgrund seines langjährigen Bekannten Bouc (Tom Bateman) funktioniert. Dann lernt er an Bord den unangenehmen Geschäftsmann Samuel Ratchett (Johnny Depp) kennen, der unbedingt seinen Schutz einkaufen will, weil er sich verfolgt fühlt. Und dann auch noch das: Kurz nachdem Poirot diesen Auftrag ablehnt, ist Ratchett tatsächlich tot. Aber wer könnte ihn ermordet haben? Und weshalb? Während der Zug aufgrund einer Schneelawine festsitzt, beginnt Poirot doch noch, nach dem Mörder zu suchen. Doch je mehr er ermittelt, umso weniger Sinn ergibt die Geschichte.

Ein bisschen überrascht sein durfte man ja schon, als tatsächlich eine Neuverfilmung von Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ angekündigt wurde. So unterhaltsam und einflussreich das Werk der Queen of Crime auch war, so ganz passen sie nicht mehr in die heutige Landschaft. Wenn im neuen Jahrtausend auf Mörderjagd gegangen wird, dann müssen die Ermittler psychische Wracks sein. Dazu gibt es kräftige Actionszenen, damit das Publikum ein bisschen vom Denken erlöst wird. Bei der englischen Schriftstellerin war das noch anders. Ihre Fälle waren wie große Puzzles, bei denen die Rätsel selbst im Vordergrund standen. Kann so etwas im Jahr 2017 überhaupt noch funktionieren?

In vielerlei Hinsicht ist „Mord im Orient-Express“ ein wohltuend altmodischer Film, nicht nur des historischen Settings wegen. Und doch ist er weniger spröde als die berühmte Verfilmung von 1974, die in erster Linie aus Verhörsituationen bestand. Die sind hier kürzer, einige Gespräche finden parallel statt, um Zeit zu sparen. Dafür gibt es hier mehr Emotionen. Die sind teilweise ein bisschen aufdringlich, der neue Krimi ist nicht unbedingt der subtilste Genrevertreter. Wenn beispielsweise schon bei einem der ersten Sätze klar wird, wie das Schlusswort ausfällt, dann fehlt dem Inhalt ein wenig die Eleganz seines Dekors. Dafür wird der Film dem Roman anderweitig gerecht, der einer der traurigsten im umfangreichen Oeuvre der Autorin ist.

Ausgeglichen wird der leichte Hang zum Kitsch durch Humor. So wie einst die Verfilmungen mit Peter Ustinov reichert Kenneth Branagh die Geschichte mit vielen witzigen Szenen und Dialogen an. Und noch etwas eint „Mord im Orient-Express“ mit eben jenen Verfilmungen aus den 70ern und 80ern: das Staraufgebot. Spaß macht es, ihnen dabei zuzusehen, vor allem Branagh als süffisanter Detektiv, Michelle Pfeiffer als männermordendes Vamp und Judi Dench als arrogante Aristokratin. Und auch bei den Bildern wurde wie damals nicht gespart. Der Einsatz von Computern ermöglicht bombastische Aufnahmen aus dem Orient wie auch der Schneelandschaft. Zudem darf die Kamera auch den einen oder anderen Meter zurücklegen, bietet uns so an manchen Stellen sehr ungewöhnliche Perspektiven auf das mörderische Treiben.

Zu sehen gibt es also mehr als genug in dem Film. Aber wie sieht es mit der Geschichte aus? Branagh hat glücklicherweise darauf verzichtet, allzu viel verändern zu wollen. Wer das Buch oder die anderen Adaptionen kennt, der weiß daher schon, was hier gespielt wird. Neulinge dürfen sich hingegen darauf freuen, einen der ungewöhnlichsten Kriminalfälle der Literaturgeschichte kennenzulernen. Christie hier ein bewährtes eingeschlossenes Setting, um zu einem unerwarteten Ende zu kommen. Schade ist nur, dass einige der Figuren zu kurz kommen. Gelohnt hat sich die Rückkehr in vergangene Zeiten dennoch, „Mord im Orient-Express“ ist trotz des Hangs, etwas dicker aufzutragen, ein sehr sehenswerter Krimi, der hoffentlich noch zu weiteren Teilen führen wird.

Fazit: Die Neuauflage des Agatha-Christie-Romans reichert die bekannte Geschichte mit mehr Humor und Emotion an, dazu gibt es ein großes Staraufgebot und bombastische Bilder. Der Inhalt ist glücklicherweise fast gleich geblieben: „Mord im Orient-Express“ überzeugt auch heute noch durch eine originelle Auflösung, die im Vergleich zu den anderen Büchern der Krimiautorin auch überraschend emotional ist.

Wertung: 8 von 10

Regie: Kenneth Branagh; Darsteller: Kenneth Branagh, Johnny Depp, Josh Gad, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Derek Jacobi, Leslie Odom Jr., Daisy Ridley, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Lucy Boynton, Manuel Garcia-Rulfo, Sergei Polunin, Tom Bateman; Kinostart: 9. November 2017

 


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