Im Kino: Clash

Im Sommer 2013 gleicht Ägypten einem Pulverfass. Die eine Hälfte des Landes verehrt den amtierenden Präsidenten Mohamed Mursi, die andere Hälfte will ihn unbedingt loswerden. Das bekommen auch der Journalist Adam (Hany Adel) und der Fotograf Zein (Mohamed El Sebaey) zu spüren. Eigentlich wollten sie nur die Auseinandersetzungen auf der Straße festhalten, plötzlich stehen sie selbst zwischen allen Fronten. Anfangs sind es nur die beiden, welche in einen Gefängniswagen der Polizei gesteckt werden. Doch bald bekommen sie Gesellschaft aus beiden Lagern: Während die Inhaftierten durch das Land gefahren werden, spitzt sich die Situation immer weiter zu – innerhalb wie außerhalb des Wagens.

Clash Kino Rezension curt München

In „Clash“ ist die Gefahr unmittelbar, jeder Schritt kann dazu führen, dass du dem Feind in die Hände fällst. Ein Feind, dem du nicht ansiehst, dass er ein Feind ist. Wobei es hier grundsätzlich schwierig ist, die zwei Seiten voneinander zu unterscheiden. Dafür ist das hier viel zu unübersichtlich, zu sehr in Bewegung: Protagonisten kommen hinzu, andere verlierst du aus den Augen. Oft kannst du gar nicht sagen, wer eigentlich wer ist. Das ist manchmal ein wenig anstrengend oder gar frustrierend: Durch die Vielzahl an Menschen bleibt kein Raum für Entfaltung oder Persönlichkeit. Wer die einzelnen Leute in dem Wagen sind? Keine Ahnung. Die Zeit ist zu kurz, um sie kennenzulernen, nur vereinzelt blitzen hier Charaktere durch.

Das ist normalerweise ein Makel, bei einem Drama kann es gar das Todesurteil sein. Und doch stört es hier nicht. Vielmehr ist dieses Wirrwarr an Stimmen und Meinungen Teil des Konzepts: Regisseur und Co-Autor Mohamed Diab nutzt den Film, um die verschiedenen Strömungen Ägyptens auf engstem Raum zu konzentrieren – wortwörtlich. Filme mit nur einem Schauplatz gibt es ja wie Sand am Meer, gerne auch solche, mit einem sehr eingeschränkten Schauplatz. Keller zum Beispiel. In „Clash“ ist es nun der Gefängniswagen. Gleich zu Beginn werden die beiden Pressevertreter dort eingesperrt, weder sie noch die Zuschauer werden diesen im Anschluss noch einmal verlassen. Der Film hat dann auch eine Unmittelbarkeit an sich, wie wir sie nur selten erleben dürfen. Und: Er ist unangenehm, klaustrophobisch. Wir sind ihm ebenso ausgeliefert, wie es die Insassen sind.

Für die Massen ist diese Mischung aus Drama und Thriller kaum zu empfehlen, trotz der hohen Spannung. Nichts gibt es hier, woran man sich festhalten könnte. Keine fortlaufende Geschichte. Keine Handlung. Keine Identifikationsfiguren. Nicht einmal die Pressevertreter taugen als Anker in dem Gewusel. Aber es lohnt sich, sich einmal darauf einzulassen. „Clash“ gibt uns die Gelegenheit, das Land einmal anders kennenzulernen, intim und distanziert zugleich. Ein Land, in dem alles in Bewegung ist, Koalitionen spontan geschlossen werden, mal für sich, mal für Ideen gekämpft wird. Hin und wieder schleicht sich etwas Humor hinein, meistens in Form verzweifelt-absurder Situationskomik. Ansonsten ist der unvorhersehbare Film aber eine recht harte und fordernde Erfahrung, die auch einiges über die menschliche Natur als solches zu erzählen hat.

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Fazit: In „Clash“ wird ein Gefängniswagen zum Showdown der unterschiedlichsten Strömungen in Ägypten. Das ist fordernd und anstrengend, wird schon nach kurzer Zeit zu einem unübersichtlichen Wirrwarr aus Figuren und Ansichten. Doch genau das fesselt auch, der Film hat eine Menge über das Land, aber auch die menschliche Natur zu sagen.

Wertung: 8 von 10


Regie: Mohamed Diab; Darsteller: Mohamed El Sebaey, Hany Adel; Kinostart: 19. Oktober 2017


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