Im Gespräch: Kathrin Hartmann – „Aus kontrolliertem Raubbau“

Die Münchner Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann zeigt in ihrem aktuellen Buch „Aus kontrollierten Raubbau“ anhand eindrucksvoller Beispiele, wie wenig grün und kuschelig das Geschäft mit Nutzpflanzen und Nutztieren ist.

curt sprach mit Kathrin Hartmann über die Illusion des grünen Wachstums, den Zynismus und die Verschwendungssucht der westlichen Welt – aber auch über den Mut derer, die sich mit alledem nicht abfinden wollen.

„Grün, grün, grün sind alle meine Kleider, grün, grün, grün ist alles, was ich hab‘. Darum lieb‘ ich alles, was so grün ist, weil mein Schatz ein Förster ist.“ Ja, liebe Kinder, so eine grüne Revolution ist ne dufte Sache. Kleinbauern in der dritten Welt kommen in den Genuss westlicher Entwicklungshilfe. Saatgutkonzerne greifen selbstlos den Schwachen unter die Arme, indem sie durch witterungsunabhängige Hochleistungssorten die Ernten ins Unermessliche steigern möchten. Den Schutz von bedrohten Tieren und Pflanze übernimmt der WWF. Alles ist prima nachhaltig, klimaneutral und mit Brief und Siegel ökozertifiziert. Sollte es mal wo haken, setzen sich Groß und Klein artig an den Runden Tisch und reichen sich die Schale der Achtsamkeit. Sind in Europa die Regale der Supermärkte ganzjährig mit exotischen Waren gefüllt, dann muss doch auf dem Weltmarkt alles für alle richtig laufen.

Was die Green Economy in einem märchenhaften Licht erscheinen lässt, ist hingegen für Millionen von Menschen in Asien, Afrika oder Südamerika bittere Realität und täglicher Überlebenskampf.
Die Münchner Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann zeigt in ihrem aktuellen Buch „Aus kontrollierten Raubbau“ anhand eindrucksvoller Beispiele, wie wenig grün und kuschelig das Geschäft mit Nutzpflanzen und Nutztieren ist. Effektivität und Effizienz, Gewinnmaximierung bei Risikominimierung, Eigennutz vor Fremdnutz stehen auch in diesem Business immer an erster und wahrscheinlich einziger Stelle. Hartmann recherchierte für ihr drittes Buch in Indonesien über die Nachhaltigkeit von nachhaltigem Palmöl und reiste nach Bangladesch, um sich vor Ort ein Bild über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Garnelenzüchtern zu machen. Zu Anfang steht die Rodung immenser Flächen intakten Regenwaldes oder die Vernichtung von Ackerland, um Platz zu schaffen für extensive Monokulturen, die den Menschen viel versprechen, aber wenig halten. Für die Bauern bleiben in der Regel neue Abhängigkeiten, Armut und eine zerstörte Umwelt, gegen die das Mad Maxsche Endzeitszenario fast gemütlich anmutet.

Kathrin, für deine Arbeit bist du auf die Unterstützung der mutigen Menschen vor Ort angewiesen. Wie organisierst du diese Kontakte?
Ich versuche, Leute zu finden, bei denen klar ist, dass sie nicht mit westlichen Konzernen bzw. großen westlich gelenkten Organisationen arbeiten. Mir ist sehr wichtig, dass es sich um soziale und solidarische Bewegungen handelt und dass es lokale Aktivisten sind. Somit zähle ich bei der Recherche zum Beispiel auf Kleinbauernbewegungen oder auch Gewerkschaften, die die Ursachen ändern wollen. Sie haben das Netzwerk vor Ort und können mich an die entsprechenden Orte bringen. Ihnen vertrauen die Menschen, über die ich berichten möchte. Bei den Hintergrundinformationen und Kontakten vor Ort haben mir die Hamburger NGO „Rettet den Regenwald“ (www.regenwald.org), die Autorin und Filmemacherin Inge Altemeier und die Indonesien-Expertin Marianne Klute sehr geholfen.

Wie bist du in den Ländern unterwegs, wie kommst du mit den Menschen ins Gespräch?
Meine Wege bringen mich schnell abseits der Touristenpfade. Dafür bin ich auf die Unterstützung der angesprochenen lokalen Organisation angewiesen. In Borneo hat mich Udin von der NGO „Save Our Borneo“ (www.saveourborneo.org) begleitet und zu den Menschen gebracht. In Bangladesch war es unter anderem Badrul Alam von der Kleinbauernbewegung Krishok Federation (www.krishok.org). Die Arbeit mit bekannten Aktivisten schafft die nötige Vertrauensbasis. Trotzdem sind die Menschen vorsichtig. Dass ich als westliche Frau in einer Plantage auffalle, macht es für die Menschen, die sich in Konflikten mit Palmölfirmen befinden, mit denen ich spreche und deren Geschichte ich erzählen möchte, nicht ungefährlich.

Der Weg nach Borneo oder Bangladesch ist weit und trotzdem möchten einige Personen nur unter Pseudonym auftauchen. Warum ist das so?
Wir sollten uns von der Distanz nicht täuschen lassen. Die Infowege der Konzerne sind kurz und es ist nicht ausgeschlossen, dass über die Zulieferfirmen nachverfolgt wird, ob die Plantagenarbeiter Kontakt zu Aktivisten oder Gewerkschaften haben. Dann droht Jobverlust oder Schlimmeres, was für die Menschen natürlich dramatische Folgen hätte. Das möchte ich natürlich vermeiden und kläre mit meinen Gesprächspartnern genau, welche Namen ich veröffentlichen darf. Anders herum kann der Name aber auch als Schutz dienen. So zum Beispiel Ardani, dem charismatischen Anführer einer widerständigen Indigenengemeinde, die in einen besonders brutalen Landkonflikt auf Sumatra verwickelt ist. Ein Gemeindemitglied, Puji, wurde dort im März 2014 ermordet. Das kann dann auch die Aggressoren im besten Fall unter internationalen öffentlichen Druck setzen.


Dein Buch erscheint viele tausend Kilometer weit weg vom Ort des beschriebenen Geschehens. Hältst du Kontakt und welche Erwartungen haben die Menschen an dein Buch?
Die Leute sind nicht so naiv zu glauben, dass ich mit einem Buch alleine ihre Situation verändern könnte. Aber es ist ihnen wichtig, dass jemand zu ihnen gekommen ist, um ihnen zuzuhören. Ich erinnere mich, dass mir Ardani beim Gehen ins Ohr flüsterte, ich solle den Leuten in meinem Land unbedingt sagen, dass sie das blutige Palmöl dieser Firma nicht kaufen dürften. Oder die Menschen, die sich wahnsinnig darüber gefreut haben, dass ich den letzten Wald, der noch in der Hand der Waldbauern ist, beschrieben habe. Mit der Zeit sind Freundschaften entstanden, sodass die Menschen in Indonesien und Bangladesch über meine Aktivtäten auf dem Laufenden sind.

Interview Kathrin Hartmann curt München

Brandrodung auf Borneo
© Walhi

Schillernde Konzernzentralen im Westen und weiter südlich ein Leben im Straßengraben unter Plastikplanen – unterschiedlicher können die Beziehungen zu ein und demselben Produkt kaum sein, oder?
Eine Situation ist mir besonders nah gegangen. Ich habe die Witwe von Puji besucht. Er wurde von Militärpolizisten brutal erschlagen, weil er gegen die Rodung seines Waldes protestiert hat. Dieser Frau und den fünf Kindern wurde die Existenz vernichtet und trotzdem lädt sich mich in ihre Hütte zum Essen ein und möchte erzählen. Freut sich, dass sich jemand für sie und ihr Schicksal interessiert.

Sehr nachdrücklich beschreibst du die immense Zerstörung der Natur und die Verschmutzung der Umwelt im Sinne „nachhaltiger“ Agrarproduktion.
Dieser monströse Kahlschlag des Regenwaldes für Palmölplantagen oder die Matschapokalypse, in der die Shrimpsbauern leben müssen, mit eigenen Augen zu sehen, tat mir regelrecht körperlich weh. Du spürst die Gewalt, die der Natur angetan wird und die gleichzeitig Gewalt gegen die Menschen ist. Unwiederbringlich werden Lebensgrundlagen zerstört und mir ist schleierhaft, wie man diese dokumentierten Schäden einfach wegreden kann und als notwendiges Übel für den Luxus der nördlichen Länder in Kauf nimmt. Im tagelangen Smog der Brandrodung bleibt von einer Green Economy nicht mehr viel übrig.

Interview Kathrin Hartmann curt München

Landraub und Zerstörung für Palmöl
© Feri Irawan

Trotz Verslammung, Elend, Ohnmacht und Wut gibt es auch immer den Mut der Menschen, nicht länger willen- und tatenlos zu sein.
Neben dem Aufzeigen aller möglichen Arten von Zerstörung ist es mir genauso wichtig, Beispiele zu nennen, wie es alternativ gehen kann. Wie die Menschen ihr Leben selbst bestimmen wollen und sich gegen die Abhängigkeiten emanzipieren. Sehr gefreut habe ich mich über das Video, das mir der wunderbare Herwin von der Gründung einer Gewerkschaft auf einer Palmölplantage zugeschickt hat. Trotz Nachhaltigkeitszertifikat vom TÜV Rheinland sind die Lebensbedingungen der Arbeiter erbärmlich und die Unterdrückung uferlos. Es ist ihm trotzdem gelungen, immer mehr Arbeiter zu mobilisieren, die den Mut haben, sich zu wehren und gemeinsam für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu streiten. Das zu zeigen ist mir wichtig. Die Menschen sind nicht Objekte irgendeiner westlichen Fürsorge, die nur auf die Hilfe des „großen weißen Mannes“ warten.

Aber wird nicht gerade unheimlich viel Geld für Entwicklungshilfe und dergleichen in diesen Ländern investiert?
Wenn die Entwicklungshilfe durch die Hände von Organisationen fließt, die von den großen Lebensmittel- und Konsumgüterkonzernen mitfinanziert werden, stelle ich diese Maßnahmen stark infrage. Regierungen, Lobbyisten und Interessenvertreter der Eliten in den Ländern haben doch gar kein Interesse daran, ihr neokoloniales Verhalten zu ändern. Bessere Lebensbedingungen zuzulassen, würde die Profiterwartung doch nur schmälern. Auch ist die Beteiligung der indigenen Bevölkerung überhaupt nicht erwünscht. An den sogenannten Runden Tischen, die über die Einhaltung der Selbstverpflichtungen zum nachhaltigen Wirtschaften wachen sollen, nehmen diese Gruppen gar nicht erst teil. Auch deshalb, weil sie solche Industrie-Initiativen komplett ablehnen.
Es geht dort nicht um die Vermeidung von Schäden, sondern nur noch um die angebliche Korrektur eines Schadens. Das ist die Rechtfertigung dafür, weiterzumachen wie bisher – mit technischen „Innovationen“. Es sollen also nicht weniger Autos fahren und weniger Sprit verbraucht werden, „Biosprit“ soll die Verschwendung nachhaltig machen. Dass dafür Regenwald vernichtet wird, wird hingenommen. Diese Logik stelle ich ebenfalls stark infrage.

Das Thema liegt dir sehr am Herzen und du arbeitest sehr akribisch. Sind dir die heiteren und ironischen Momente in deinem Buch besonders wichtig?

Ja, unbedingt. Sonst hält man das auch nicht aus. Die Situation vor Ort ist schwer, die Arbeit intensiv und bei alledem habe ich auf der Reise auch viel gelacht. Die Geschichte aus Sumatra, wo Feri mich Polizisten als berühmte Schauspielerin aus Deutschland vorgestellt hat, hat auch in Bangladesch für Lacher gesorgt. Badrul hat dort jedem erzählt, er sei mit einer berühmten Schauspielerin unterwegs. Von Waldbauern, die ohne Strom leben, zu verlangen, dass sie ihre Beschwerden über das Internet stellen sollen, ist nicht frei von Zynismus. Dabei an Douglas Adams zu denken, liegt wohl nicht fern. Und davon bin ich überzeugt: Über die Mächtigen zu lachen, kratzt an ihrer Macht. Und deshalb darf es auch ruhig lustig sein.


Kathrin Hartmann: „Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren.“ // Blessing Verlag (elisabeth.bayer@blessing-verlag.de) // Paperback, Klappenbroschur, 448 Seiten // ISBN: 978-3-89667-532-3 // 18,99 Euro // VÖ: 31.08.2015
Zum Weiterlesen > ende-der-maerchenstunde.de

 


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