Im Gespräch: Nico Sommer

Die Frau ist schon weg, jetzt droht nun auch noch der Verlust der Wohnung: Mike ist ein Verlierer, wie er im Buche steht. Immerhin: Das Verhältnis zu Tochter Hannah könnte nicht besser sein. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als die beiden zusammen zum Campen fahren und sich bald schon die Ereignisse überschlagen. Was genau bei der Chaosfamilie alles geschieht, das verrät die Komödie Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille, die am 10. August 2017 in die Kinos kommt. Wir hatten bei der Premiere während des 35. Filmfests München die Gelegenheit, dessen Regisseur und Drehbuchautor Nico Sommer zu einem gemütlichen Gespräch zu treffen und ihn zu seinem neuen Film zu befragen.

Diese Woche startet dein dritter Spielfilm „Lucky Loser“ in den Kinos. Der hat einiges mit deinen beiden bisherigen gemeinsam, teilweise gehst du aber auch neue Wege. Beispielsweise verzichtest du diesmal auf improvisierte Dialoge.
Ja, das stimmt. Das war eine bewusste Entscheidung. Ich hatte von Anfang an Lust, diesmal mit einem Drehbuch zu arbeiten. Zwischendurch haben wir überlegt, ob wir nicht doch mehr mit Improvisation arbeiten sollen. Aber das ging dann nicht. Denn „Lucky Loser“ war so straff gedreht, dass wir gar nicht viel improvisieren konnten. In kleineren Teilen haben wir das schon gemacht, mal Sätze oder Wörter ausgetauscht, verändert, hinzugetextet. Aber wir haben längst nicht in dem Maße improvisiert, wie wir es bei „Silvi“ oder „Familienfieber“ gemacht haben. Eigentlich war es schlichtweg gemeinsam an einem Stoff arbeiten.

Warum wolltest du denn weg von der Impro?
Weil ich im Laufe meiner Film-Erfahrungen gelernt habe, dass du gewisse Dinge durch Impro filmisch nicht erreichen kannst. Wenn du einen reinen Improfilm machst, wirst du es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht schaffen, Emotionen so zu evozieren, dass es im Zuschauer Bögen nimmt. Da musst du hoffen, dass du mit dem Material, das du geschossen hast, später Gefühle generieren kannst. Aber in dem Moment, wo du ein Drehbuch hast, kannst du es steuern. Und das ist mir wichtig. Mir liegt der Zuschauer am Herzen. Ich will nicht mehr Filme machen, die irgendwo zusammengeschnitten sind und dann kuckt man mal, was dabei rauskommt. Ich will eher das erzählerische Kino für mich nutzen und kreativ derart gestalten, dass wir das Maximum an Möglichkeiten schaffen.

Und Improfilme bieten diese Möglichkeiten nicht?
Improfilme haben eine Stärke. Diese unglaubliche Frische des Moments. Dieses kleine Fünkchen mehr an echtem Gefühl – scheinbar auf der Leinwand. Dieser witzige charmante Realismus, den man hat, wenn man dokumentarisch ist. Das hat dann doch noch ein anderes Flair. Aber Filme sollten diese Stärke entfalten, trotz eines Drehbuchs. Man sollte meiner Meinung nach die Impro als zusätzliches Tool benutzen, um darüber hinaus etwas zu schaffen, was ein Drehbuch allein wiederum nicht zwangsläufig schaffen kann. Das ist glaube ich die beste Möglichkeit zu arbeiten, wenn man diese Möglichkeit räumlich, zeitlich und finanziell bekommt.

Der zweite große Unterschied bei „Lucky Loser“: Du hast mit einer Filmförderung gearbeitet. Das war bislang ja kein Thema für dich gewesen.
Nee, das war sogar ein Anti-Thema. Ich bin auch nach wie vor der Meinung, dass solch eine  Förderung einschränken kann. Es gibt Filmemacher, zu denen zähle ich mich nicht zwangsläufig, die anders arbeiten wollen oder müssen, damit für sie hinten Qualität rauskommt. Nämlich schnell, unkompliziert, klar und direkt – quasi intuitiv. Ohne zweijährige Finanzierungswege zu gehen, die die künstlerische Energie zerstört. Ich habe ja jetzt diese Erfahrung gesammelt, das war ein neuer Prozess gewesen. Ein langwieriger und schwieriger Prozess, aber für normale Branchenverhältnisse noch recht schnell, nur eben ungewohnt. Aber das Buch hat sicherlich dadurch gewonnen, das kann ich sagen. Von daher kann ich nur von innen heraus versuchen, den Mut auf Seiten der Förderer zu stärken, auch mal abseitig zu denken.

Interview Lucky Loser curt München

Zurück zu deinem Film: Auffallend ist, wie sehr deine Figuren sehr mit der Vergangenheit beschäftigt sind. In „Silvi“ ging es darum, einen Schlussstrich zu ziehen und wieder von vorne anzufangen. Hier ist es genau umgekehrt: Mike schaut die ganze Zeit nach hinten und wird dafür belohnt.
Im Laufe der Entwicklungsphase wurde das ein immer größerer Punkt für mich, dass da eine Einstellung rauskommt, eine Philosophie, in der „Mann“ für etwas kämpft. In unserem Fall die Liebe – eine romantische Utopie gewissermaßen. Eine tote Liebe wiederbeleben. Wenn man etwas nur lange genug will, dass man es am Ende auch bekommt. Dass ich ein Herz für solche Normalos habe, das steckt eben in mir. Ich finde es einfach charmanter, über solche Leute Filme zu machen, mit denen man sich auch identifizieren kann.


Das ist jetzt der dritte in Folge, der sich mit zwischenmenschlichen Problematiken auseinandersetzt von Leuten im mittleren Alter, die nicht unbedingt zu den großen Gewinnern zählen. Ist das so irgendwie dein Thema?
Auch das ist irgendwie einfach so passiert. Ich hätte natürlich als dritten Film gern auch etwas anderes gemacht. Aber das Thema Beziehung, dafür kann ich mich allgemein natürlich schon sehr erwärmen. Ich bin der Beziehungskomödien-Typ und ich mach das auch gerne. Vielleicht kann ich es auch am besten. Who knows. Das müssen zum Glück andere entscheiden. Es gibt sicher auch viele andere Themen für mich. Aber „Lucky Loser“ soll jetzt übrigens offiziell meine inoffizielle Ü40-Trilogie beenden. Der nächste Film von mir wird eventuell eine Ü30-Beziehungskiste werden über ein Pärchen, eher so kammerspielartig. Da will ich dann auch wieder mehr improvisieren, aber eben mit einer Grundlage. Mit einer Struktur. Hoffentlich mit einem Drehbuch.

Du hattest mal gesagt, dass du dir vom deutschen Film mehr Mut wünschen würdest.
Das hat natürlich auch mit der Förderung zu tun. Wenn die Förderung nicht mutig ist, Dinge zuzulassen, dann kriegen vielleicht auch Filmemacher, die unter dem Radar schweben, die keine lauten Selbstdarsteller sind, kein Gewicht, keinen Raum, kein Geld. Und die gehen dann unter, trotz Talent. Talent reicht heute nicht mehr, habe ich das Gefühl. Es wäre wichtig als Förderung, dass man da auch sagt: Wir haben eine Verantwortung für Filmemacher, die auch mal was anderes machen. Das kann dann natürlich auch mal Schrott sein. Aber das wäre immer noch besser, als immer nur den gleichen Weg zu gehen. Fehler zulassen ist glaube nicht so die Stärke der Deutschen.

Es gibt aber auch deutsche Filme, die sich wirklich trauen, anders zu sein, vom großen Publikum aber nicht angenommen werden.
Total. Das ist dann so, kann an tausend Dingen liegen. Das kann dir aber auch bei Filmen passieren, die ein großes Publikum haben wollen. Das gibt es auf beiden Seiten glaube ich. Die Zahlen für die mittleren und kleine Filme sind im Keller, nur noch die Millionen-Filme kriegen die Millionen Zuschauer. Die kleineren Filme laufen auf Festivals. Aber selbst die kucken inzwischen auf die Zuschauerzahlen. Nochmal: In einem künstlerischen Bereich tut es gut, auch mal etwas abseitig zu sein. Leute zu fördern, die nicht ins Raster passen. Wir haben ja kaum noch Filmemacher, die wirklich crazy sind. Durchgeknallte Typen sozusagen. Einen Fassbinder vielleicht. Jemanden zu haben, der in einem Interview auch mal etwas politisch Unkorrektes sagt oder mittendrin aufsteht und geht und laut „Scheiße“ brüllt, das haben wir nicht mehr. Klaus Lemke vielleicht. Wenn jemand wie Lemke eine Million Zuschauer hätte und immer noch frei Schnauze reden würde, das würde uns richtig Schwung geben, uns Deutschen. Also letztlich leider ein komplexes Thema in einem komplexen Umfeld.


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