Im Gespräch: Blood Red Shoes

Wir trafen das Duo von Blood Red Shoes auf der Tour zum neuen Album ,In Time to Voices‘ am 31. Mai im Backstage. Laura war leider krank, deshalb sprach Steven alleine mit uns. Dafür war Laura auf der Bühne wieder voll dabei und Steven erzählte uns von transzendentalen Erfahrungen, bevor das Backstage durchdrehte und jeden Song mitsang.

Wie lief eure Tour bisher? Gibt’s schon gute Stories?

Steven: Ich habe mich in Frankfurt fast mit einem Polizisten geprügelt. Da war dieses Mädchen, dass extra aus Berlin kam, um unsere Show zu sehen. Und sie hat sich scheinbar im Zug schon betrunken und stand total besoffen draußen vor dem Konzert. Jemand hat einen Krankenwagen gerufen, aber eben auch die Polizei. Warum? Sie brauchte keine Polizei, eher einen Freund, der sie einfach nach Hause bringt. Sie wollten sie aber mitnehmen und wenn die Polizei unsere Fans schlecht behandelt, will ich was dagegen tun.

Also hab ich alles gefilmt und einer von denen hat gesagt, ich solle aufhören. Auf Deutsch – habe ich natürlich nicht verstanden. Und dann hat er mich geschubst und ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht zurückzuschubsen. Ich weiß, dass das ein Trick ist! Dann können sie dich nämlich verhaften. Und dann hätte es kein Konzert gegeben.

Versucht ihr, bei euren Konzerten eine bestimmte Stimmung zu erzeugen?

Steven: Ich glaube, das ändert sich von Lied zu Lied. Aber eigentlich mag ich es, wenn alle einfach durchdrehen. Ich will, dass sich jeder absolut frei fühlt, wie in einem Raum, wo alles erlaubt ist. Mir gefällt die Idee von Gemeinschaft während der Show, es soll eine Einheit entstehen. Wenn Laura und ich diese Verbindung spüren und dann das Publikum die Verbindung spürt und wir alle Teil der selben Energie werden, ist es fast eine transzendentale Sache. Du bist dann außerhalb der schwarzen Box, fühlst dich frei und als wärst du an einem anderen Ort. Dieses Gefühl wollen wir kreieren.

Gibt es einen Unterschied, wenn sich jemand euer Album zu Hause anhört oder zu einem Live-Konzert geht?

Steven: Auf jeden Fall. Vor allem, weil man sich ein Album selten in einer großen Gruppe anhört. Und wir spielen nicht direkt vor dir. Ein Album ist immer gleich, egal wie oft du es dir anhörst, aber die Show ist jedes Mal eine andere. Das Publikum wirkt immer auf uns ein und auf die Art, wie ein Konzert läuft. Und das Album bleibt immer so, wie wir es haben wollten. Die Atmosphäre ist einfach komplett unterschiedlich – es gibt Dinge, die man nur in einer Aufnahme erzeugen kann, und andersrum, also bei einem Konzert, ist es genau so.

Würdest du also sagen, es gibt ein bestimmtes Gefühl, das nur Musik erzeugen kann?

Ja, aber ich könnte es nie beschreiben. Dafür gibt es ja die Musik, darum geht’s. Musik ist eine Sprache für all das, was du mit Sprache nicht ausdrücken kannst. Darum hat jede Kultur seit Anbeginn der Zeit irgendeine Art Musik hervorgebracht. Seien es auch nur Höhlenmenschen, die auf irgendwas trommeln – es gibt etwas, was ausgedrückt werden muss, und das passiert meistens in einer Gruppe. Wie ein fucking Regentanz oder was auch immer. In jedem Fall ist es eine Gruppenerfahrung. Ich glaube, es gibt keine Gesellschaft ohne Musik.

Was ist zurzeit dein Lieblingslied?

Steven: Bruce Springsteen: ,Dancing in the Dark‘! Ich habe ihn auf dem Pink Pop Festival gesehen und er war großartig.

Hört ihr Musik, wenn ihr selbst Songs schreibt?
Steven: Wir hören ständig Musik, wir hören eigentlich nie auf. Aber wenn wir eigene Musik schreiben, höre ich mir meistens auch nur unsere Musik an.

Auf Tour hören wir alles Mögliche im Van, aber wenn wir was für ein neues Album schreiben, analysieren wir alles immer wieder. Ich höre dann einen Song von uns auf dem iPod und denke, hm, dieser Abschnitt ist zu lang. Wir sind richtig besessen von den Liedern, die wir schreiben. Aber man muss sich auch andere Musik anhören, das gibt dir wieder Platz zum Atmen.

Was kommt zuerst: Musik oder Text?

Steven: Musik ist immer zuerst da. Wir hatten noch nie den Text vor der Musik. Noch nie. Für uns diktiert die Musik, was richtig und was falsch ist. Sie spricht zuerst und dann müssen wir Texte finden, die widerspiegeln, was die Musik schon sagt. Wir sind Musiker. Manchmal kommen die Texte schnell, auch durch Improvisation, und manchmal dauert es ewig. Alles wird ständig geändert, bis es passt. Und dann weißt du, es ist richtig.

Es gibt immer einen kleinen Zweifel, aber wenn alles passt, dann fühlst du es. Texte sind eine komische Sache für uns. Ich finde sie auf jeden Fall schwieriger als die Musik.

Hast du einen Lieblingssong auf ,In Time to Voices‘?

Steven: ,The Silence and the Drones‘ ist mein Lieblingslied auf dem Album.

Das Album ist auf jeden Fall eine Weiterentwicklung und Intensivierung eurer Musik. Wie würdest du diese Veränderung beschreiben?

Steven: ,In Time to Voices‘ ist sehr reflektiert. Und zum Beispiel ,Night Light‘ ist ein Song, den niemand auf der Platte erwartet hätte, und ich finde es gut, dass es solche Überraschungen gibt.

Es war auch für uns eine Überraschung zu sehen, dass wir auch so etwas können. Und das ziemlich gut! Die Arbeit mit Mike Crossey war sehr produktiv und hart. Wir hatten eine klare Vision davon, wie das Album sein sollte. Und wir haben als Band viel gelernt über Aufnahmen und Details. Wir versuchen rauszufinden, was am besten zu jedem Instrument, zu der Stimme passt. Und eigentlich ist das eine große Aufgabe des Produzenten.

Als Mike einstieg, wusste er nicht so recht, wie er in unsere sehr konkreten Vorstellungen noch reinpasst. Das führte aber zu einer sehr produktiven Anspannung und zwang uns, viele Entscheidungen zu hinterfragen und noch mehr unseren eigenen Stil herauszuarbeiten. Das hat das Album stärker gemacht und die Zusammenarbeit mit Mike ist einfach toll. Wir sind wirklich zusammengewachsen.

Letzte Frage: Was ist für dich der beste Film aller Zeiten?


Steven: ,Paris/Texas‘ von Wim Wenders. Das war Liebe auf den ersten Blick. Nachdem ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich: Das ist das beste, was ich je gesehen habe. Ich war sprachlos. Und der Film war eine Inspiration für ,In Time to Voices‘: Mit ,Night Light‘ wollten wir viel von der Atmosphäre des Films einfangen. Und das Cover ist ein Zitat einer Szene. Das haben noch nicht viele rausgefunden, aber nach und nach findet man die ganzen Verweise. Es gibt viele Details auf dem Album, die nicht so offensichtlich sind und die ein kleines Rätsel aufgeben. Ich mag solche Geheimnisse. Schließlich hört man sich die besten Alben 5 Jahre lang an und findet immer noch was Neues.

–> Blood Red Shoes Homepage

INTERVIEW: Tatiana Kurancheva // FOTOS: Tom Gonsior


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