Großstadtdörfer: Warum ist die Metropole plötzlich idyllisch?

In Beten wird gerupft, es riecht nach frisch gebackenem Brot und Kinder spielen mit Steckenpferden auf der Straße. Was in der Bilderbuchwelt noch für das Landleben wirbt, findet plötzlich in den In-Vierteln europäischer Großstadt statt. Nicht nur in der Chai-Latte-Metropole an der Spree genießen die Menschen das beschwingte Leben auf den Straßen, während sie gleichzeitig unter sozialer Verdrängung und Luxussanierungen leiden. Beim Stadtteilfest Ois Giesing in München frage ich mich, was ein Viertel eigentlich attraktiv macht. Warum sind Boazn, Nachbarschaftsvereine und Gemeinschaftsgärten plötzlich cool?

Während wir auf unsere Smartphones starren, scheint die sichtbare Welt immer größer zu werden: Riesige digitale soziale Netzwerke, immer mehr Informationen und Optionen werden uns durch soziale Medien zugänglich. Tatsächlich aber beweist die Studie des Pitt’s Center for Research on Media, Technology and Health, dass wir uns dennoch nicht vernetzter fühlen. Stattdessen führt die gestiegene Zahl der virtuellen Kontakte in der Welt der schönen Bilder eher zu Einsamkeit und gefühlter Vereinzelung.

Interessanterweise reagiert gerade die anonyme Großstadt auf diese Entwurzelungs- und Einsamkeitsphänomene: Die beliebtesten Ecken sind von Nestwärme und Individualität geschmückte Szenen aus einem Heimatfilm: selbstgemachte Limo auf improvisierten Weinkistentischen im Glockenbachviertel, Urban Gardening Projekte, bei denen nachbarschaftlich Gemüse gepflanzt wird und kleine Bands auf einer provisorischen Bühne am Alpenplatz in Giesing. In diesen Tempeln der Authentizität, wo in jeder Açai-Bowl eine Prise Herzblut steckt, wird lokale Verbundenheit und Originalität plötzlich zum Kennzeichen der Metropole.

Der Kulturverein München Real hat sich bei der Organisation von Ois Giesing das Ziel gesetzt, das Viertel in seiner Vielfalt zu zeigen. Während auf der Tanzfläche die Nachbarschaft zur Livemusik Swing tanzt, erzählt mir Janine Bogosyan was Giesing für sie besonders macht: das Selbstbewusstsein der Giesinger und die Lust das eigene Viertel zu gestalten. Das beweist nicht nur die große Zahl an Teilnehmern und Helfern, sondern auch die riesige Hilfsbereitschaft der Anwohner, die spontan ihre Pavillons gegen den Regen zur Verfügung stellten.

Real München / Foto: Jonas Nefzger


Das Stadtteilfest mit Konzerten, Tanzmöglichkeiten und kleinen Workshops in der ganzen Nachbarschaft ist nur eins von vielen Weltverkleinerungs-Projekten. Hier geht es eben nicht darum, sich abzuschotten, sondern sich kennenzulernen.

Gesellige Projekte, wie Nebenan.de, Hofflohmärkte und die Boazn um die Ecke, imitieren durch ihren Antiperfektionismus die Heimeligkeit des Dorfes und wenden sich von der Ästhetik der Massenprodukte ab. Sie können auch Vierteln ohne traditionsbewussten und gemeinschaftsstiftenden Fußballverein das Selbstbewusstsein verleihen, sich gegen die Einheitlichkeit von Corporate-Design und Systemgastronomie zu wehren.

Real München / Foto: Jonas Nefzger

Selbstverständlich bleiben solche positiven Veränderung nicht ohne negative Begleiterscheinungen: Gentrifizierung, steigende Mietpreise und die Verdrängung derer, die das Viertel lieben und gestaltet haben. Eine starke, solidarische Nachbarschaft kann aber auch hier die soziale Eintönigkeit verhindern. In Fällen, wie dem illegal abgerissenen, denkmalgeschützen Handwerkerhaus in Giesing kann man aktuell verfolgen, wie sie Wiederstand gegen Immobilienspekulation und die Machtlosigkeit des Einzelnen leistet.

> Real München

Fotos: Jonas Nefzger

 


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