26. Januar
Uraufführung: Don’t forget to die –
Im Gespräch mit Karen Breece

Wenn etwas im Leben gewiss ist, dann der Tod. Aber wann wird er kommen? Was kommt danach? Und wie lebt man bis dahin ein erfülltes Leben? Fünf Menschen im Alter von 73 bis 93 Jahren suchen nach Möglichkeiten, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Auf einer Theaterbühne. Zwischen Performance, Schauspiel und biografischer Erzählung sprechen sie über ihre persönlichen Ängste, Wünsche und Hoffnungen, singen Lieder ihrer Zeit und spielen unterschiedliche Varianten des Sterbens durch. Aber kann man den eigenen Tod proben, so wie man die eigene Beerdigung plant?

Die Regisseurin Karen Breece hat über ein Jahr hinweg Gespräche mit alten Menschen über das Sterben geführt und daraus einen Text entwickelt, der sich im Grenzbereich von Erinnerung und Hoffnung, Realität und Fiktion bewegt. Gemeinsam mit den Akteuren inszeniert sie einen Abend, der gleichermaßen tragische wie komische Perspektiven des Sterbens erfahrbar macht.

Don't forget to die

Foto: Sophie Averkamp

Karen, was hat Dich motiviert, über ein Jahr hinweg mit unterschiedlichen Menschen über den Tod zu sprechen?

Karen: Der Ausgangspunkt zu diesem Projekt war ein Satz, den meine damals 104-jährige Performerin Marlyka Bender 2013 bei meinem Theaterprojekt „was wir liebten“ in der Erlöserkirche Schwabing formulierte: „Ich wurde gelebt!“ Erst mit 90 Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, begann sie, sich zu emanzipieren und intensiv zu leben. Dieser Satz hatte mich damals sehr beschäftigt. Inwiefern lebe ich? Oder werde ich gelebt? Lebe ich selbstbestimmt oder eine Fassadenexistenz? Und welche Rolle spielt der Tod dabei? Der Tod als Kehrseite des Lebens wird in unseren Lebensmodellen ausgeklammert und verdrängt. Gestorben wird im Stillen, dort, wo niemand sein möchte: in den Krankenhäusern, in den Altenheimen, in den Hospizen. Wenn sich ein Mensch im Sterben befindet, wird es kaum öffentlich. Wie können wir also mit dem Tod umgehen und über ihn sprechen? Wie werden wir uns unserer eigenen Endlichkeit bewusst?

Es war deshalb die logische Konsequenz, Menschen zu diesem Thema zu befragen und darüber sprechen zu lassen, die ihr Leben zum großen Teil bereits gelebt haben. Und die Frage zu stellen, wie sich ihr Blick auf das Leben verändert, auf die noch verbleibende Zukunft, wenn ihr Tod als unentrinnbare Realität immer näher rückt. Was für Entscheidungen gilt es jetzt – im hohen Alter – zu treffen? Schließlich muss hier auch die Frage stehen: Wie will man sterben? Wie bereitet man sich selbst auf den Tod vor? Und wie will man von der Nachwelt erinnert werden?

Welche Berührungspunkte hattest Du in Deinem Leben mit dem Tod?

Karen: Ein Großteil meiner Familie lebt in den USA. Das Thema Abschied war und bleibt ein großes Thema in meinem Leben. Sich nicht verabschieden zu können, weil es nicht möglich ist, mal eben spontan in den Flieger zu steigen, um schnell eine Beerdigung zu erreichen und räumliche Distanzen zu überwinden, das ist in jedem Fall ein Thema. Bisher kam der Tod von Familienmitgliedern sehr plötzlich und unerwartet. Dieses Sterben ohne Abschied hinterlässt Spuren.

Welche Bedeutung hat der Tod für Dich? Hat sich Deine Sichtweise dazu während der Arbeit am Theaterprojekt verändert?

Karen: Der Tod hat für mich die Bedeutung, die er für jeden Menschen hat: Wir sterben. Ich habe großen Respekt vor dem Tod, den ich nicht kenne, aber der, wenn meine Zeit gekommen ist, sich mir hoffentlich höflich vorstellen wird. Wir wissen einfach nichts. Und werden es auch niemals wissen, bis wir es selber erlebt haben werden. Und das sage ich, obwohl ich viele Gespräche und Interviews geführt habe, mit Krankenschwestern, Hebammen, Geburtshelferinnen, Sterbebegleiterinnen, Bestatterinnen, mit jungen Menschen, aber hauptsächlich mit alten Menschen, die auf eine sehr gesunde und wohltuende Art mit diesem Thema umgehen. Und daneben habe ich einige Bücher zu diesem Thema gelesen, u. a. auch Bücher über Nahtoderfahrungen, die inhaltlich faszinierend waren und durchaus überzeugend. Und doch: am Ende bleibt alles nur eine Geschichte. Auch der Tod ist nur ein Narrativ. Und jeder Mensch schreibt seine eigene Story.


Diese fünf Menschen haben den Wandel der Zeiten erlebt, ihre Jugend haben sie in einer Welt erlebt, die von sozialen Notwendigkeiten und Traditionen geprägt war. Sie können gar nicht anders, als sich mit der Realität des Sterbens auseinanderzusetzen. Das macht sie für mich in gewisser Weise auch zu Helden unserer Zeit. Es ist die Art, wie sie sich mit ihrem eigenen Tod konfrontieren, auf eine brutal ehrliche Weise. Das ist mehr als bewundernswert. Alte Menschen haben diese Fähigkeit, die wir alle als Kind einmal hatten, zu staunen. Wer nimmt die sich wechselnden Farben der Blätter des Baumes vor seinem Fenster noch wahr? Die Bedürfnisse seines Nachbarn oder des Obdachlosen vor der eigenen Haustüre (außer an Weihnachten)? Das Leben ist so selbstverständlich geworden und der Tod hat darin keinen Platz. Bewusstwerdung für Endlichkeit mitten im Leben. Vielleicht kann dieser Theaterabend für den Zeitraum der Vorstellung ein solches Bewusstsein vermitteln.

Foto: Sophie Averkamp

Was erwartet den Zuschauer bei der Vorstellung „don’t forget to die“?

Karen: Der Zuschauer sieht fünf Menschen, die mit ihrer ganz eigenen Perspektive auf das Thema zugehen und sich die entscheidende Frage stellen, wie sie die noch verbleibende Zeit auf dieser Erde leben und gestalten wollen. Der Abend ist das Ergebnis einer gemeinsamen Entwicklung, der gleichermaßen tragische wie komische Perspektiven des Sterbens erfahrbar macht. Wenn man so will, geht es um nichts mehr, als sich bewusst darauf einzulassen, was diese Menschen an diesem Abend zu sagen haben. Wenn man das kann, ist es schon viel.


Don’t forget to die // Uraufführung am Dienstag, 26. Januar im Hoch X Theater, Entenbachstraße 37 // Weitere Vorstellungen: 28., 31. Januar, 2., 4. Februar 2017, jeweils 19 Uhr > Tickets kaufen > Facebook-Veranstaltung

Konzept und Regie: Karen Breece Mit: Livia Hofmann-Buoni (78), Rosemarie Leidenfrost (93), Uta Maaß (88), Christof Ranke (78) und der Schauspielerin Ursula Werner (73)


Die Gewinner unserer Kartenverlosung wurden gezogen und informiert!

 


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