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Dear Reader @ Milla

23. März 2017: erst ein gelungenes Konzert im Milla Club, dann ein intensives Gespräch mit Cherilyn MacNeil. Das Rundum-Wohlfühl-Paket!

Das Gegenteil von wild

Bevor Cherilyn MacNeil sich entschloss, den Plan B „Sicherheit und Brotjob“ an den Nagel zu hängen, studierte sie Englisch und Politik. Das ist einerseits schön für die Musik, andererseits aber ein Nachteil für die Politik. Denn der Abend im Milla Club bewies, dass ein Miteinander unterschiedlicher Herkunft, sprich aus vier Ländern und drei Kontinenten, auch im Jahr 2017 nicht nur möglich, sondern sogar Bedingung für gelungene Musik ist. Deutlich spiegelte sich die Diversität auch im Publikum wider. Sowohl ältere Intellektuelle als auch jugendliche Neugierlinge fanden sich pünktlich und zahlreich im Milla ein. Und das, obwohl der Früh-Frühlings-Donnerstag zum Flanieren und Draußensein einlud. Man könnte durchaus von einem Kultur-Publikum sprechen, denn Dear Reader ist keine Rockband.

„Ich bin kein Star, dafür bin ich zu nett“, sagt Cherilyn MacNeil. Das ist wahr. Sie ist sehr natürlich, eins zu eins identisch mit sich selbst. „Wir sind sozusagen Anti-Rock“, sagt sie. Mit „Wir“ meint sie die neue Zusammensetzung von Dear Reader. Aktuell besteht die Band aus vier Mitgliedern – allesamt Frauen:

Cherilyn MacNeil (Gesang, Klavier, Gitarre und Management) aus Südafrika
Evelyn Saylos (Gesang, Mandoline, Synthesizer) aus New York
Stella Veloce (Gesang, Cello, Synthesizer) aus Sardinien
Olga Nosova (Gesang, Schlagzeug) aus Russland

Eine Frauenband, keine Mädchenband. Der Grund für die Übermacht der Frauen sind die Frauenstimmen. Die Harmonien, die sich aus einem Chor von Frauen ergeben, bestimmen großteils die Lieder von Dear Reader. Im Milla erweckte der Frauenchor auf der höhlenartig beleuchteten Bühne mitunter den Eindruck eines altgriechischen Dramas. Dass der Chor von Engelsstimmen Zeilen wie „So petty, so pathetic. You scumbags go to hell“ sangen, war dann nur noch ein i-Tüpfelchen des Genusses.

Dear Reader curt München

Manchmal tauchten auch Bilder von den Weiten Afrikas mit Liedern wie „If only is“ auf, das mit Trommeln, Synthie-Floats und einem Text, der mit „New leaf on a Tom Tom Tree“ beginnt. Es wurden musikalische Geschichten erzählt, die Cherilyn manchmal mit einer kurzen Ansage sehr beeindruckend einleitete. Ein paar Worte und dann das Lied: die Stimmung bei einem aufziehenden Gewitter auf einer Freifläche vor Cherilyns Berliner Wohnort. So geht das.

Cherilyn fungierte eindeutig als tonangebende Protagonistin, die behände vom Keyboard zur Gitarre wechselte und mit einer Stimme wie eine frische Quelle in Schottland den langen Schlauch der Zuhörerschaft in ihren Bann zog. Doch die Faszination der Instrumentation vom E-Cello (Stella) über Mandoline (Evelyn) zu umfangreichem Percussion- und zärtlichem Schlagzeugeinsatz (Olga) führte zu einem Höhepunkt, als sich der Münchner Matthias Lindenmayr mit seiner Trompete auf der Bühne einfand und mit seinem Gastauftritt „Wake Him“ zur Vollendung blies.
Tatsächlich vollendet war das Konzert aber erst nach fast anderthalb Stunden und vier Zugaben.

Begonnen hatte Dear Reader in Johannisburg in Südafrika, wo Cherilyn auch aufwuchs. Dort nahm sie zusammen mit Darryl Torr das erste Album „Replace Why with Funny“ als Dear Reader auf. Schon kurz darauf wurde das Album vom Berliner Label „City Slang“ in Europa veröffentlich. Damit war auch Cherilyns Weg nach Berlin vorgezeichnet.

„Meine Familie ist sehr musikalisch. Alle spielen ein Instrument und singen. Mein Vater hat mir Gitarrespielen beigebracht und ich hatte auch klassischen Klavierunterricht.“ Studium abbrechen? Kein Problem in dieser Familie: „Sie haben sich alle gefreut, als ich mich für die Musik als Profession entschied.“

Wir freuen uns auch, denn es ging weiter und bergauf. Aus den Suburbs von Johannisburg, wo Cherilyn zwischen Kirche und Mall und wegen der langen Strecken hauptsächlich im Auto unterwegs war und sich langweilte, zog es sie schrittweise weiter. Von der Innenstadt Johannisburgs ins Zentrum von Berlin und schließlich in die USA: Das Album „Day Fever“ hat schließlich der namhafte John Vanderslice in San Francisco produziert.

Nun sind Dear Reader auf Tournee durch Europa. Sie sind zu fünft unterwegs, die Frauen und der Tontechniker, der zudem den Wagen fährt. Auch wenn die Frauen nicht wo wild sind wie die Sex-Drugs-Rock’n’Roll-Männerbands der 1990er, so sind sie Gott sei dank auch keine Vollbravis. Der Tontechniker hält sich streng an seine Pasta-Pizza-Pils-Diät und raucht eine zur Verdauung. Cherilyn gönnt sich dazu einen Whiskey. Essen auf der Fahrt, Schlafen bei Freunden oder in billigen Hotels – und doch verstehen sich die Fünf gut, denn sie sind zum ersten Mal zusammen auf Tour und noch immer neugierig aufeinander.

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