curt Magazin #86 // Typisch

Es gibt superleckeres Essen und es gibt schnelles Essen. Die perfekte Synthese aus beidem ist die Leberkässemmel. Bayerische Cuisine, mit süßem Senf geht da wenig drüber. Finde ich jedenfalls. Ich will jetzt keine Vegetarier oder Veganer verletzen, ein Rettich-Quinoa-Bratling auf Dinkel-Grünkernbrot hat sicher auch seine Reize, ohne Frage. Aber jetzt schweife ich ab.

Ich spazierte also neulich mit einer Leberkässemmel in der Hand durch die Stadt, als eine Frau – platinblonde Haare, geglättetes Gesicht, teurer Mantel, irgendwas mit Teflon Versiegeltes oder so – im Vorbeigehen etwas mit rheinischem Dialekt vor sich hin zischte und angewidert das Gesicht verzog. Ich war mir nicht sicher, was sie genau gesagt hatte, es klang wie: „Typisch bayerisches Bauernvolk, immer irgendwas aus der Papiertüte fressend in der Gegend herumlaufen.“ Sie könnte natürlich auch gesagt haben: „Guten Tag, ich bin nicht von hier, aber mich irritiert, dass hier jeder Weißwürste und Leberkäse zu essen scheint.“ Wie gesagt, ich habe sie nicht genau verstanden. Um sicherzugehen, drehte ich mich um und fragte nach. „Wie bitte?“ Mit vollem Mund klang das eher wie „Fiie fiffe?“, ein Stück Leberkäse fiel mir dabei aus dem Mund.

Die Frau drehte sich um und sah mich angriffslustig an. „Ich finde es einfach traurig, wie die Sitten verrohen. Normalerweise setzt man sich zum Speisen an einen gedeckten Tisch und verschlingt seine Mahlzeit nicht wie ein Hottentotte im Gehen! Und schon gar nicht so einen Schlachthofkehricht, sondern ordentliche Nahrung! Hier in Bayern scheint das besonders schlimm zu sein. Mir wird immer schlecht, wenn ich zusehen muss, wie einer eine Weißwurst auszutzerlt.“ (Sie sagte das tatsächlich so, mit einer künstlich bairischen Aussprache.)

„Ordentliche Nahrung?“, fragte ich, „rheinische Hochkultur? Sie meinen Sachen wie Flönz, Kottenwurst oder Pillekuchen? Gerichte, bei denen einem schon beim Namen schlecht wird? Sie machen Witze, oder? Dazu ein fingerhutgroßes Gläschen Altbier, das schmeckt, wie wenn jemand zwei Wochen alte Socken durch ein abgestandenes Bier gezogen hätte? Sie meinen Lokale, in denen man kurz nach dem Betreten von wildfremden rheinischen Frohnaturen vollgequatscht wird, obwohl man nur in Ruhe etwas essen wollte? Das meinen Sie also mit guter Ess- und Tischkultur? Dann fahren Sie aber besser huschi-huschi wieder nach Hause zu Ihrem wie Dieter Bohlen aussehenden Ehemann und lassen sich zur Entspannung im pastellfarbenen Bentley um die Kö fahren, weil in Bayern werden Sie das ganz bestimmt nicht finden. Da fahren Sie mit Ihren daunenbemantelten Freundinnen ab jetzt besser nach Hamburg, da fallen Sie vielleicht nicht so auf und fühlen sich wohler. Nix für ungut, gell? Auf Wiederschaun und Mahlzeit!“

Ich biss voller Grant in meine Semmel. Die Blonde schaute mich entgeistert an. Ich drehte mich schnell um und ging davon, denn ich wollte nicht, dass sie die Tränen in meinen Augen sah.

Mein Leberkäs war nämlich ganz kalt geworden.

Euer Thomas & curt-Team


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6 Kommentare

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  2. […] > Auszug aus der Fotostrecke „Münchner Proberäume“ in unserer Printaugabe curt #86 […]

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