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BAMI HOUSE 1976 – mit einem Fuß in Vietnam

Der Tag ist regnerisch. Wir laufen durch die dunklen Gassen und über die kleinen Kreuzungen des Univiertels bis zur Schellingstraße direkt ins Bami House 1976 – eine vietnamesische Eatery.

Heute ist die kleine Glasfront geschlossen, die das innere des Bami House vom Bürgersteig trennt. An schönen Tagen verschwimmt dieser Übergang und dann steht man mit einem Fuß an einer vietnamesischen Straßenecke und mit dem anderen mitten in München. Auch heute ist es voll in dem kleinen Laden. Vietnamesische Küche zu vergleichsweise günstigen Preisen ist angesagt. Aber die Wartezeit vergeht schnell, wenn man anfängt all die vielen Details zu entdecken. Der vordere Teil ist einer echten Straßenecke nachempfunden, ein Bürgersteig aus Stein und Beton dient als Podest für die kleinen Tische und Stühle. Im hinteren Teil sitzt man auf einer schwimmenden Terrasse eines Restaurant-Bootes – durch das Hochwasser sind hier die kunterbunt bemalten Holzwände und Planken schon ein wenig entfärbt. Mit wilder Kreativität und echter Liebe zu den kleinen Dingen hat die Interior Designerin Natalie Nguyen-Ton mit ihrem Team einen Raum geschaffen, der mich für einen Moment – für eine Mahlzeit – aus München entführt und an einen warmen Ort mit bunt leuchtenden Lampions bringt. Das Herzstück ist die längliche Küche, aufgebaut wie ein Häuschen, mit bunten Fenstern zum Aufschieben.

Am vorderen Fenster bestellen wir vietnamesisches Streetfood – keine hohe Kochkunst, sondern einfaches, ehrliches Essen, das in Vietnam zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Straße, in Parks oder auch auf Märkten angeboten wird. Es ist schnelles Essen. Wir bestellen und suchen uns einen Platz ganz hinten, um von dort durch den Laden bis raus zu Straße sehen zu können. Es klappert und dampft. Fünf vietnamesische Frauen wirbeln durch die kleine Küche – der Gang darin ist nur 80 cm breit. Man merkt, dass sie ein eingespieltes Team sind. Zumindest ist die Stimmung gut und ich konnte keinen Unfall beobachten. Insgesamt ist ein bisschen hektisch und chaotisch, aber sehr sympathisch. Alle Gäste sitzen ganz eng zusammen, erkennen manchmal die winzigen freien Plätze nicht – aber kaum haben sie sich getraut, passen sie doch noch dazwischen. Man rückt einfach näher aneinander. Wie an einer belebten asiatischen Straße, durch die knatternde Mofas heizen und große Berge an Waren transportiert werden, sitzen auch wir auf Plastikhockern und beobachten die Geschehnisse um uns herum. Ich habe etwas Schwierigkeiten einen guten Sitz zu finden und fühle mich, als hätte ich mir einen Platz in der Kinderecke gesucht. Da ich selbst nicht die Größte bin, gewöhne ich mich recht schnell an die Sitzhaltung, allerdings stell ich es mir doch sehr ungewohnt vor als großer Mann hier meine langen Beine neben dem Tisch zu sortieren und zu versuchen eine große Schüssel Suppe mit Stäbchen zu essen.

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In der Regel brummt das kleine Gerät mit der Nummer drauf schon nach wenigen Minuten – die Bestellung ist zubereitet. Vor Ort werden die Gerichte nur noch angerichtet, die einzelnen Bestandteile bereitet ein Team aus Köchen in einer Zentralküche über Nacht vor. Wie bei der Geschichte der Heinzelmännchen ist am nächsten Morgen immer wieder alles erledigt und für den Verkauf bereit. Und so schnell, wie das Essen serviert wird, wechseln auch die Gäste. Es kommt keine wilde Hektik auf, aber das Konzept ist klar: gesundes Fast Food. Das wohl bekannteste Gericht der vietnamesischen Küche ist aktuell die Pho Bo, eine Rindfleischsuppe, deren Brühe teilweise bis zu 24 Stunden vor sich hin köchelt, bis die dampfende Suppe mit Reisbandnudeln, frischen Sojasprossen, Chilis, Kräuter und einer Limette verfeinert serviert wird. Hier im Bami House kann man sie auch bestellen, sie ist lecker, aber für meinen Geschmack fehlt ihr etwas Kraft und frische Kräuter. Aber sie ist auch nicht das Highlight, denn hier gibt es Bánh mì – daher auch der Name Bami House. Eine Münchner Bäckerei bäckt die Baguette-artigen Brötchen, die durch die französische Kolonialherrschaft in Vietnam verbreitet wurden, nach eigens entwickeltem Rezept. Es ist ein typisches Streetfood in Hanoi und anderen großen Städten. Sorgfältig aufeinander abgestimmte Zutaten, Saucen und Kräuter machen die vietnamesischen Sandwiches wirklich zu einem Genuss. Es gibt verschiedene Varianten, mit Beef, Shrimps (die eher nicht typisch ist, aber von den Deutschen sehr gemocht wird), oder Pork Belly – mein Favorit im Bami House 1976.

Die Rezepte entwickelt die Chefin selbst. Hanni ist keine gelernte Köchin, aber ihr Ehemann, der zugleich der Geschäftsführer der Bami House Filialen ist, schwört auf ihr Talent und ihren Sinn für die Zusammenstellung der Zutaten. Wenn sie, so wie gerade, in Vietnam auf Scouting-Tour ist, probiert sie sich durch alle angesagten Köstlichkeiten, kocht sie anschließend nach und entwickelt ihr eigenes Rezept daraus. Die Idee eine vietnamesischen Streetfood-Kette in Deutschland zu eröffnen hat erfolgreich eingeschlagen. Bereits jetzt gibt es drei Filialen in München (Schellingstraße, Türkenstraße, Deutsches Museum) und weitere sollen folgen. Das Bami House-Team arbeitet schon heute fleißig daran das Konzept in Zukunft als Franchise zu vermarkten.

Wir bestellen zum Abschluss noch einen typischen Vietnamesischen Kaffee mit Kondensmilch, den gibt es auch in der Variante mit Eiweißschaum – beides sehr zu empfehlen. Allerdings ist der Koffeingehalt um ein wesentliches höher als beim hierzulande oft erhältlichen Espresso. Aufgeweckt, erwärmt und gesättigt sind wir mit einem Satz wieder zurück in der Schellingstraße. Es war ein schöner Kurzurlaub.


Bami House 1976 > Homepage > Facebook // Filiale 1 in der Schellingstraße 20 // Filiale 2 in der Türkenstraße 21


Text: Julia Schöpp > Homepage // Fotos: Boyd Oldhoff > Homepage


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