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Drecksau

Als vor fast genau 18 Jahren die kleine britische Produktion „Trainspotting“ in den Kinos startete, hätte wohl keiner erwartet, dass der Film ein größeres Publikum ansprechen würde. Eine schwarze Komödie um schottische Drogenabhängige, wer will denn so etwas sehen? Sehr viele, das zeigte schon Cannes, wo der Film zum absoluten Publikumsliebling avancierte. Und auch beim Rest der Welt erreichte „Trainspotting“ rasch Kultstatus, der bis dato recht unbekannte Ewan McGregor wurde quasi über Nacht zum Star. Aber auch ein anderer Name durfte sich anschließend über ein gesteigertes Interesse von Kritikern wie Konsumenten freuen: Irvine Welsh, auf dessen gleichnamigen Roman der Film basierte.

Umso erstaunlicher, dass der Versuchung widerstanden wurde, auch aus den sonstigen Werken des schottischen Autors Kapital zu schlagen. Gerade einmal zwei Filme folgten in fünfzehn Jahren, „The Acid House“ von 1998 und „Irvine Welsh’s Ecstasy“ von 2011, und die basierten auf Kurzgeschichten. Auf weitere Adaptionen von Welsh-Romanen mussten Fans aber bis letztes Jahr warten, als mit „Drecksau“ das Buch „Filth“ für die große Leinwand adaptiert wurde. Doch die lange Wartezeit, so viel vorweg, die hat sich gelohnt.

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Wer auch immer den Ausdruck „Die Polizei, dein Freund und Helfer“ ausgedacht hat, hatte sicherlich keinen wie Bruce Robertson (James McAvoy) im Sinn. Früher, ja, da mag der schottische Polizist noch an das Gute im Menschen geglaubt haben, an das Gute in sich. Inzwischen sucht Bruce aber – frei nach dem Motto „einer gegen alle und alle für mich“ – in erster Linie den persönlichen Vorteil. Ob er Kollegen gegeneinander ausspielt, um die eigene Beförderung zu beschleunigen, mit verheirateten Frauen ins Bett steigt oder nicht ganz so legale Substanzen zu sich nimmt, erlaubt ist, was nützt und Spaß macht. Sein Umfeld? Wen interessiert’s?

Kompliziert wird es, als ein japanischer Gaststudent von Jugendlichen ermordet und die Frau seines wohlhabenden Logenbruders Bladesey (Eddie Marsan) durch obszöne Anrufe belästigt wird. Löst Robert diese beiden Fälle nicht, dann ist es Essig mit der Beförderung. Und so begibt er sich mit seinem jüngeren Kollegen Ray Lennox (Jamie Bell) auf die Jagd, was aus mehreren Gründen nicht ganz einfach ist.

„Aber das darf der doch nicht!“, wird es einem in den rund hundert Minuten mehrfach rausrutschen. Das betrifft in erster Linie die Figur des Bruce’, für die „Drecksau“ eigentlich noch ein viel zu netter Ausdruck ist. Wie der ohne Rücksicht auf Verluste seine persönlichen Interessen verfolgt ist so krass, so fassungslos böse und dabei so saukomisch, dass der Film ein würdiger Nachfahre von „Trainspotting“ ist. Wer damals den bösen, schwarzen Humor zu schätzen wusste, wird hier ebenfalls seine Freude haben. Und spätestens in den Szenen, in denen Jim Broadbent als Therapeut auftritt, der für Bruce nichts als Spott übrig hat, wird es so surreal, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt als zu lachen.

Doch auch in einer anderen Hinsicht werden viele ungläubig aufs Geschehen starren: Wer gut aufpasst, wird schon früh Anzeichen entdecken, Andeutungen, dass die Geschichte noch deutlich dramatischere Elemente bereithalten wird. Aber mit welcher Vehemenz der Schlag in die Magengrube erfolgt, das wird wohl kaum einer voraussehen. Und so ist „Drecksau“ eben nicht nur Komödie, der Film ist auch Drama, die tragische Geschichte eines Mannes, der verlernt hat, zwischen gut und böse noch zu unterscheiden. Dadurch kommt bei Bruce eine überaus menschliche Seite zum Vorschein, eine bemitleidenswerte sogar, die alles in Frage stellt, was man anfangs über ihn zu wissen glaubt.

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Sicher, selten ist die Kombination aus Komödie und Drama nicht. Gerade in Deutschland verwischen die Grenzen so oft, dass die Mischform vielleicht sogar häufiger ist als reinrassige Genrevertreter. Und doch, so hart wie hier fallen die Kontraste sonst nur selten aus, so als wäre „Drecksau“ gleich zwei Filme in einem. Das ist riskant bei einem Publikum, das doch eher das Gewohnte und Bekannte belohnt, weniger das Ungewöhnliche. Doch dieses Risiko zahlt sich aus, die geschickte Verzahnung der einzelnen Elemente hinterlässt einen tiefen Eindruck. Und das ist bemerkenswert, wenn man wie Jon S. Baird erst das zweite Mal auf dem Regiestuhl Platz nimmt.

Es ist aber vor allem Hauptdarsteller James McAvoy, der hier zeigen darf, was er drauf hat: Wie er sich in den komischen, den surrealen, aber auch den dramatischen Szenen um Kopf und Kragen spielt, alleine dafür hat man die 18-jährige Wartezeit seit „Trainspotting“ gern in Kauf genommen. Einen vergleichbar großen Stellenwert wie das Vorbild wird „Drecksau“ sicher nicht in der Filmgeschichte einnehmen, dafür fehlen die Identifikationsfiguren. Eingerahmt in die Musik der seinerzeit angesagtesten britischen Rock-, Pop- und Elektronikbands wurde der überzogene Drogenfilm damals zu einem Statement einer Generation und das kann man von einem korrupten, gestörten Polizisten sicher nicht erwarten. Richtig sehenswert ist „Drecksau“ aber auch so.

Fazit: 18 Jahre haben Fans warten müssen, endlich ist eine zweite gute Irvine-Welsh-Film da. Eine sehr gute sogar, denn Regisseur Jon S. Baird verbindet gekonnt komische mit tragischen Elementen und wird dabei von einem umwerfend spielenden James McAvoy unterstützt.

TEXT: Oliver Armknecht


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