Im Gespräch: Arne Feldhusen und Detlev Buck

Wirklich damit gerechnet hätte wohl keiner, dafür ist die Überraschung umso schöner: 14 Jahre nach „Herr Lehmann“ startet am 31. August 2017 mit „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ ein weiterer Film, der auf Sven Regeners Kultbüchern basiert.  Was Regisseur Arne Feldhusen und Detlev Buck, der in beiden Filmen mitspielte, zu sagen haben, das lest ihr unten. Denn wir hatten die Gelegenheit beide im Rahmen des Filmfests München zu treffen, wo die Tragikomödie ihre Premiere feierte.

Diese Woche läuft dein neuer Film „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ im Kino an, der auf dem Roman von Sven Regener basiert. Wie ist das Projekt zustandegekommen?
Arne: Es fing damit an, dass ich Charlotte Goltermann kennengelernt habe. Ihr Name war mir natürlich schon ein Begriff. Sie hatte damals in den 90ern ein Label namens Ladomat 2000 und war eine Legende, weil sie tolle Musik rausgebracht hat. Deutsche elektronische Musik, die sehr eigen war und die vor allem im Ausland erfolgreich war. Die nicht so festzumachen war. Das war keine reine Rave-Musik, sondern Independent. Sehr experimentell. Jetzt macht sie musikalische Beratung bei Filmen. Sie hat mir auch beim „Stromberg“-Film geholfen. Da hat sie mir den Roman von Sven gegeben, den sie in der Zwischenzeit geheiratet hat. Ich hab das gelesen und fand es ganz toll. Ich war nie Teil des Rave-Zirkus und habe das wie Sven nur beobachtet. Aber ich mochte diese Beobachtung, diese liebevolle Beobachtung von Chaoten, die aus dem Nichts etwas machen und damit plötzlich viel Kohle verdienen. Aber trotzdem Chaoten bleiben.

Hat Sven später noch Einfluss auf den Film gehabt?
Arne
: Er hat das Drehbuch geschrieben. Das war ursprünglich nicht der Plan, das hat er dann aber gemacht. Von daher war der Einfluss natürlich schon groß. Sven ist auch jemand, der sich gerne einbringt. Einmal war er am Set. Und da fing er auch schon an sich einzubringen. Aber das war nur ein Besuch, dann war er schon wieder weg. Du brauchst dafür aber ein Vertrauensverhältnis, das du vorher aufgebaut hast. Du musst dem anderen ab einem gewissen Punkt signalisieren, dass du alleine weitermachen willst. Aber ich will ja ohnehin, dass mein Werk dem Autor gefällt. Vor dem habe ich riesigen Respekt. Meinen größten Druck habe ich gar nicht mal von meinem Produzenten oder den Schauspielern. Zuerst kommt der Autor, dann ziemlich schnell alle anderen.

„Magical Mystery“ ist dabei nicht nur die Adaption des Romans, sondern gleichzeitig auch die Fortsetzung von dem Film „Herr Lehmann“, der 14 Jahre zuvor erschienen ist. Habt ihr euch an dem noch orientiert?
Arne
: Nein, eine normale Fortsetzung ist auch der Roman nicht. Ich wollte da ganz anders rangehen. Die einzige Verbindung dazu ist Buck, der in beiden Filmen mitspielt. Und das hatten wir auch gar nicht geplant. Ich wollte lieber eine eigene Interpretation des Regener-Kosmos machen.

Detlev, du hast damals den Karl Lehmann selbst gespielt, heute hat Charly Hübner die Rolle. Wie war das für dich, einen anderen Karl zu sehen?
Detlev: Wir haben diese eine Szene, wo wir uns grüßen. Und das war dann auch irgendwie ganz niedlich, weil ich Charly ja sehr schätze als Schauspieler. Er war damals bei „Herr Lehmann“ glaube ich auch schon im Gespräch, weil er die Statur für diese Rolle hat, war aber einen Tick zu jung. Und ich bin jetzt einen Tick zu alt. Eigentlich war ich beim ersten Film auch nur nur Sparring-Partner, um den Herr Lehmann zu finden. Dann wurde ich es selbst.

Was reizt dich an den Geschichten, dass du bei beiden Verfilmungen mitgemacht hast?
Detlev: Ich mochte diese Zeit einfach, so als Student kurz vor dem Mauerfall, man diskutiert die ganze Nacht und weiß am Morgen schon nicht mehr, was man die Zeit über so gesabbelt hat. Dieses Dokument wurde mit „Herr Lehmann“ gemacht. Das war meine Studentenzeit. Und nach meiner Studentenzeit kamen dann die ganzen Menschen rüber und verschwanden irgendwo. Damals war das alles noch ganz einfach und improvisiert. Die haben damals einfach nur irgendwo Boxen reingestellt und abgetanzt. Berlin wurde eine Hauptstadt der Musik. Das ist sie natürlich immer noch, aber heute ist das anders.

Inwiefern?
Detlev: Es war einfach eine besondere Zeit. Damals ging dann alles um Love and Peace, jeder ist willkommen. Alle rauf! Bei den letzten Love Parades kamen eineinhalb Millionen Leute. Heute wird in Clubs separiert, mit hohen Eintrittsgeldern. Das war auch so niedlich, die Zeit von damals nachzustellen. Die riesigen Handys, die es damals noch gab. Das mag ich bei so einem Film, wenn du da in so eine Zeit reinspringst. Dadurch rührt mich auch der Film. Die Liebesgeschichte rührt mich. Die größte Krise ist der Tod eines Meerschweinchens. Alle sind ein Teil, deswegen ist auch das Meerschweinchen ein Teil. Das hatte alles so Weisheiten. Das mag ich wirklich an dem Film.

Detlev Buck

Die MAGICAL MYSTERY-Crew: Annika Meier, Charly Hübner, Marc Hosemann, Detlev Buck.

Wie habt ihr die Zeit persönlich erlebt?
Detlev: Ich fand das in den Clubs faszinierend. Ich bin selbst kein Wegbeamer. Die Jungs haben sich da ja richtig weggebeamt. Eigentlich sind das auch große Angsthasen. In Berlin kannst du heute noch zwei, drei Tage herumeiern und nicht rauskommen aus deiner Blase. Da ist Berlin echt eine fantastische Stadt für. Dich da irgendwo hinzuballern, wo du nicht mehr ins normale Leben zurückfindest.

Arne: Leider wird so etwas oft zu groß, schnell unpersönlich und sinnentleert, was vormals noch eine übersichtliche Bewegung war. Aber wenn etwas so groß wird, dann fällt es auch in sich zusammen. Das konnte man an der Love Parade am besten beobachten. Am Anfang waren das noch 50 Leute, zum Schluss haben anderthalb Millionen Menschen den Tiergarten volluriniert. Als irgendwann auch noch CDU- oder FDP-Wagen mitfuhren, war klar, dass der Ausverkauf bereits überschritten war.

Und was hast du dann aufgelegt? Schon elektronisch?
Arne: Ja, absolut. Ich habe aber immer versucht durch mehrere Stile einen Bogen zu machen, um die Leute herauszufordern. Das habe ich vorher nämlich nicht gemacht, als ich noch in einer Dorfdisko aufgelegt habe. Da hat man buchstäblich auf die Fresse bekommen, wenn man nicht bestimmte Sachen gespielt hat. Da war jeder Freitag, jeder Samstag – das habe ich drei Jahre lang gemacht – absolut gleich. Als ich dann da rauskam, war das genau die Zeit, wo es interessant wurde und man du viel entdecken konnte. Es gab wirklich für jede Musikrichtung tolle Sachen. Dazu gehörte tatsächlich auch Charlottes Label. Ich habe von diesem Label jede Platte, jede einzelne. Ich war mal in New York. Da hatte ein DJ die halbe Nacht Platten von Ladomat 2000. gespielt. Der ist dann auf die Knie gegangen, als ich mich als Hamburger ausgab, der das alles kannte! Das hatte ein ganz hohes Ansehen so eine Musik, weil die so speziell war.

Was hört ihr denn privat an Musik?
Arne: Boah, das kannst du mich nicht fragen. Da könnte ich mich nie auf einen Stil festlegen. Das sind ja auch keine Gruppen. Bei dieser Art Musik nenne ich dir eher die Label. Ich interessiere mich viel zu sehr für Musik, als dass ich mich jetzt auf ein paar Gruppennamen konzentrieren könnte. Das ist jetzt eine schreckliche Antwort, ich weiß. Aber es ist nicht Bon Jovi oder so etwas.

Und bei dir?
Detlev: Das ist jetzt vielleicht nicht so speziell wie bei Arne. Da ich Musik liebe und auch gern tanze, bin ich da sehr sprunghaft. Zwischendrin höre ich aber auch gern Composer von Filmmusiken. Da läuft dann in mir ein Film ab. Das beruhigt mich auch.


In dem Film geht es ja auch darum, durch ganz Deutschland zu touren und dabei verrückte Erfahrungen zu machen. Ihr seid ja wahrscheinlich auch beide viel unterwegs, um eure Filme zu promoten. Was habt ihr da so erlebt?
Arne: Meine „Stromberg“-Kinotour ist da vermutlich nicht zu toppen. Da haben wir 44 Städte in zehn Tagen bereist. Wir saßen da alle in zwei VW-Bussen oder im Flieger oder im Zug. Ich hab noch nie so viele Kinos auf einmal gesehen.

Detlev: Ich hab irgendwann damit aufgehört, das zu machen mit den Kinotouren, da ich manchmal einfach nicht mehr wusste, wo ich bin. Die Kinos sind oft in Centers, die außerhalb liegen und so gleich aussehen, dass du sie nicht mehr unterscheiden kannst. Das ist nicht sowas wie das Sendlinger Tor Kino oder der Gloria Palast bei euch in München. Die innerstädtischen Kinos haben noch einen ganz eigenen Charakter. Diese anonymen Neubauten in Industriezentren, die machen mich völlig ratlos. Und dann spielen die auch noch alle dasselbe. Ich schau mir ja jeden Montag die Einspielergebnisse an. Da findest du Zeug wie „Transformers“, „Baywatch“ oder „Pirates of the Caribbean“. Dann kommt lange nichts, bis du die ersten Arthaus-Titel mit 7.000 Zuschauern hast. Das Programm passt dann auch zu den Kinos. Alles gleich, ohne Persönlichkeit. Selbst die Musik hört sich in den Filmen total gleich an. Da ist Hans Zimmer schon die Spitze der Vielfalt.


1 Kommentare

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