Auf DVD/Blu-ray: American Gods – Staffel 1

Endlich! Drei lange Jahre hat Shadow Moon (Ricky Whittle) warten müssen, bis er seine Zeit im Gefängnis endlich abgesessen hat. Nun steht seine Entlassung an, ein neues Leben, eine Rückkehr zu seiner Frau Laura (Emily Browning)! Aber dann kommt doch alles anders. Nicht nur, dass Laura kurz vor dem Stichtag bei einem Autounfall ums Leben kommt, Shadow muss zudem erfahren, dass sie dabei auch noch eine Affäre hatte. Dafür lernt er zwei Männer kennen, auf die er gut und gern hätte verzichten können. Der mysteriöse Mr. Wednesday (Ian McShane) bietet ihm einen Job an Bodyguard an und lässt nicht locker, bis er Shadow so weit hat. Dann kommt noch Mad Sweeney (Pablo Schreiber) hinzu, der ernsthaft von sich behauptet, ein Leprechaun zu sein. Und es wird nicht bei den beiden bleiben: Mit der Zeit gesellen immer weitere Gestalten dazu, einer seltsamer als der andere, und stellen sich als Gottheiten vor.

Es war keine ganz leicht Geburt: Schon einmal war versucht worden, Neil Gaimans Kultroman „American Gods“ fürs Fernsehen zu adaptieren. Erst als Michael Green und Bryan Fuller ins Boot geholt wurde, der dank „Hannibal“ mal wieder in aller Munde war, ging es endlich voran. Und es ist ein Glücksfall, dass wir am Ende doch noch eine Serie bekommen durften. Denn auch wenn die Geschichte inzwischen bekannt ist – das Buch erschien schließlich bereits 2001 – und viele Ticks und Eigenheiten von „American Gods“ typisch für Fuller sind, das Ergebnis ist doch eine Serie, die kaum mit anderen zu vergleichen ist.

Da wäre zum einen die ungemeine Kunstfertigkeit, das absolute Bekenntnis zu Stil und edlem Geschmack. Egal ob nun gerade Figuren abgeschlachtet werden oder sexuelle Exzesse auf dem Programm stehen, die Ereignisse wirken wie Kunstperfomances, weniger wie tatsächliche Ereignisse. Das passt einerseits gut zu einer Geschichte, in der nicht immer klar zwischen Realität und Fantasie unterschieden wird. Der eine oder andere wird „American Gods“ deshalb aber auch als zu selbstverliebt empfinden, als zu sehr mit sich selbst als mit der Geschichte beschäftigt.

Das liegt auch daran, dass es hier offensichtlich niemand eilig hat. Die eigentliche Handlung wird immer wieder durch Flashbacks unterbrochen, manchmal auch alte Sagen, die erzählt werden. Einige davon führen wieder zurück zur Hauptgeschichte. Dann wiederum gibt es welche, bei denen man nach der ersten Staffel gar nicht sagen kann, wozu es sie eigentlich gab. Das erfordert einiges an Geduld, auch eine etwas gesteigerte Frusttoleranz: Wer nicht durch den Roman weiß, was gespielt wird, und darauf drängt, endlich mal aufgeklärt zu werden, der könnte leicht sauer reagieren, wenn die nächste inhaltliche Unterbrechung ansteht. Und man nicht einmal weiß wofür.

Immerhin: So langsam „American Gods“ auch voranschreitet, es sind doch eine Menge bizarre Momente, die wir während des Roadtrips erleben dürfen. Vor allem aber sind es wunderbar kuriose Figuren, welche Fullers Interpretation bevölkern. Ob es nun die alten Götter aus Norden oder Oster sind, oder die modernere Variante in Form von Technologie oder Medien, die Figuren sind ebenso fremd wie bekannt, völlig unterschiedlich und doch in ihrer Eigenartigkeit vereint. Ein großer Anteil des Reizes von Buch wie TV-Produktion ist das Nebeneinander der unterschiedlichsten Gottheiten, die im „wahren“ Leben eigentlich keine Berührungspunkte haben.

Und doch ist „American Gods“ eben auch mehr als das. Anders als etwa „Penny Dreadful“, wo das Crossover in sich selbst Sinn und Zweck ist, dienen die Gegenüberstellungen der göttlichen Kreaturen hier auch der Frage: Woran glauben wir eigentlich? Weshalb glauben wir? Und welche Konsequenzen hat das für uns selbst? Das könnte für den einen oder anderen schwer zu schlucken sein, zumal die Geschichte sehr satirisch mit dem Thema umgeht. Großartig ist beispielsweise die letzte der acht Folgen, in der ein religiöses Fest in einem ganz anderen Licht erscheint: Der Horror von „Hannibal“ trifft auf das Skurril-Verspielte von „Pushing Daisies“, Humor auf Spannung. Wer die langsamen Stilübungen zuvor überstanden hat, darf hier mitansehen, wie sich die Situation zuspitzt und sich für die bereits angekündigte zweite Staffel etwas deutlich Größeres und Gewaltigeres ankündigt.

Fazit: Lange hat die Umsetzung von Neil Gaimans Kultroman gedauert, lange braucht aber auch die Serie, bis sie mal in die Gänge kommt. Wer sich mit den vielen Umwegen anfreunden kann und auch der sehr betont kunstvollen Inszenierung, der erlebt bei „American Gods“ einen Road Trip der Sonderklasse: komisch, satirisch, brutal, nachdenklich und absolut fantasievoll.

Wertung: 8 von 10

Regie: David Slade, Craig Zobel, Vincenzo Natali, Adam Kane, Floria Sigismondi; Darsteller: Ricky Whittle, Emily Browning, Crispin Glover, Bruce Langley, Yetide Badaki, Pablo Schreiber, Ian McShane, Gillian Anderson; VÖ: 27. Juli 2017


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