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MAGAZIN

# 49
Freitag, 1. September 2006
VORWORT

Als wir früher meine Großmutter in Ungarn besucht haben, sind wir immer auch zu Onkel Toni gefahren. Er ist nicht wirklich mein Onkel und er heißt auch nicht Toni, aber jeder nannte ihn Onkel Toni, keine Ahnung wieso. Toni war wesentlich älter als meine Eltern, seine Haare waren eher weiß als grau, er hatte ein recht aufgequollenes und immer rotes Gesicht mit einer Knollennase darin. Er war immer entweder in einer Kneipe oder, wenn diese vormittags noch geschlossen hatte, im örtlichen Laden.


Ich habe Onkel Toni nie etwas essen sehen, dafür hatte er eigentlich fast immer etwas zu trinken in der Hand. Auch wenn ich das als Kind nicht genau beurteilen konnte, liege ich wohl nicht ganz falsch, wenn ich behaupte, Onkel Toni war zu diesem Zeitpunkt ein veritabler Alkoholiker. Das war mir aber eigentlich egal, denn das Beste an Onkel Toni war, dass er uns Kinder immer aufgefordert hat, ihm in den Bauch zu boxen. So fest wir konnten. Wir nahmen also unsere ganze Kraft zusammen, legten sie in einen Schwinger, der sich nur so gewaschen hat und schlugen mit voller Wucht in Onkel Tonis Magengegend. Durch den harten Drill seiner sozialistischen Schulausbildung, wie er jedes Mal erzählte -- dabei spielten Medizinbälle, die man mit ausgestreckten Beinen balancieren musste, während man an der Sprossenwand hing -- hatte er Bauchmuskeln aus Stahl bekommen. Er zuckte bei meinen Schlägen nicht einmal mit der Wimper, er grinste nur und entblößte dabei seine makellos silbernen Zahnkronen. Und mit jedem Schwung, den ich landete, amüsierte er sich mehr und mehr, dabei reizte er mich, fester zuzuschlagen. Ob ich denn nicht mehr drauf hätte oder was. Mich kränkte das nicht besonders, es war ja nur ein Spiel, dass wir spielten, und irgendwann, als meine Besuche seltener wurden, vergaß ich Onkel Toni.

Nächsten Sommer werde ich nach einigen Jahren meine Großmutter wieder besuchen. Toni müsste, wenn er noch lebt, so zwischen 80 und 90 Jahre alt sein. Er hat wahrscheinlich weder Haare, noch eigene Zähne und ihm dürfte schon schwindlig werden, wenn er einen Medizinball nur sieht. Ich habe vor einer ganzen Weile mit dem Training angefangen. Ich habe Gewichte an meine Frisbee gemacht, für die Schnellkraft, und boxe gegen Baumstämme. Ich habe schon Hornhaut an meinen Knöcheln, ich fühle mich topfit.

Ich freue mich schon riesig auf meine Großmutter. Und Onkel Toni, Du spannst besser schon mal die Bauchmuskeln an, wir sehen uns im Ring,

Dein Thomas


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