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MAGAZIN

# 70
Montag, 2. Januar 2012
Vorwort

Ich habe einmal bei einem Simultanschach-Turnier mitgespielt, dabei spielt ein einzelner Spieler – meistens ein sehr guter – gegen mehrere schwächere Gegner gleichzeitig. Er merkt sich jeden seiner Züge und spielt, wenn er eine Runde absolviert hat, nahtlos beim ersten Gegner weiter. Ich trat also gemeinsam mit 19 anderen gegen ein 10-jähriges Schach-Wunderkind an (ich verrate seinen Namen nicht, nenne ihn der Einfachheit halber aber Temur).

Ich spiele nicht besonders gut, dafür aber gerne und als ich die Chance hatte, an so einem Turnier teilzunehmen, wollte ich sie mir nicht entgehen lassen. Temur stand bei seinem ersten Gegner, machte seinen Zug, murmelte etwas und ging zum nächsten. Dort macht er wieder einen Zug, murmelte abermals und schritt so die Tische entlang. Als er näher kam, konnte ich ihn besser hören und immer, wenn er
einen Zug gemacht hatte, sagte er „Nächster“ , ging zum nächsten Gegner, zog, sagte „Nächster“ und so weiter.

Es klang ungefähr so: Nächster – tok – Nächster – tok – Nächster – tok – Nächster ... Nach zwei Runden konnte ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Der Schiedsrichter, der eigentlich für Ruhe sorgen sollte, sagte gar nichts.

Einem internationalen Wunderkind verbietet man offenbar nicht den Mund. Und da stand Temur auch schon wieder vor mir. Ich schaute ihn mit zugekniffenen Augen an, während ich einen Bauern zog, er blickte nur gelangweilt auf das Brett und schlug meinen Läufer, murmelte „Nächster“ und wanderte weiter.

Mir war jetzt schon klar, dass ich nicht den Ansatz einer Chance gegen Psycho-Temur hatte, aber aufgeben kam nicht infrage und dann wollte ich wenigstens Spaß an der Sache haben. Als er wieder eine Runde weiter war und bei meinem Nebenmann ankam, wartete ich seinen Zug ab und krähte „Nächster!“, noch bevor er etwas sagen konnte. Er hielt tatsächlich kurz inne und schwieg, tat aber so, als hätte er nichts gehört.

Er kam zu mir, zog, darauf ich schnell wieder: „Nächster!“ Der Schiri schnalzte zur Mahnung mit der Zunge, ich ignorierte ihn. Temur wurde schon etwas fahrig in seinen Bewegungen, zog jedoch unbeirrt weiter. Immerhin hatte er schon seit drei Zügen nichts mehr gesagt. Temur spielte immer hektischer, wollte schneller ziehen, ich ließ ihm jedoch keine Chance und schrie mittlerweile schon in seine Züge hinein.
Ich gebe zu, es war nicht ganz fair. Einige Spieler hatten das Turnier aufgrund meines Geschreis abgebrochen, der Schiri hatte mich mittlerweile mehrfach ermahnt. Als Temur jetzt vor mir stand, sprang ich auf und schrie ihm ins
Gesicht:„NÄÄÄÄCHSTEEEER!“ Temur sah mich entgeistert an und fing an zu weinen. Der Schiedsrichter brach das Turnier ab und verwies mich des Saals.

Unter den tadelnden Blicken der Anwesenden verließ ich den Raum und fühlte
mich spitze. Ich hatte ein Unentschieden herausgeholt. Gegen ein internationales Schach-Wunderkind, mehr kann nicht kommen.

Denkt dran: You gotta play the game to change the game.

Euer Thomas

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