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MUSIK

Gehört: CDs der Woche
Dienstag, 18. Oktober 2011
Dieses Mal mit den neuen Alben von Björk, Future Islands, Pop Will It Itself, Peter Gabriel, UKO und Feist und natürlich ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen:

Björk - Biophilia
Ploydor (Universal)

Björk hat gebastelt. Neuartige Instrumente. Eine irrwitzige neue Frisur. Und Apps. Alles für ihr neues Album, das das "erste App-Album" sein soll. Biophilia handelt als von dem Konflikt und der Symbiose zwischen Natur und Technik. Da werden schon mal künstliche Blitze erzeugt um de,ren "Klang" als Rhythmuselement zu verwenden. Da wird vom Mond gesungen und von Kristallen und von Viren und von dunkler Materie. Und musikalisch ergänzen und reiben sich die akustischen Instrumente und die elektronischen Gimmicks. Also theoretisch alles stimmig. Aber ist doch jetzt mal echt egal, taugt die Musik was?
Auf den ersten Blick scheint die durchgeknallte isländische Sonderpressung von einem Popstar keine Lust mehr auf nachvollziehbare Melodien zu haben. Und auch wenig auf Tempo, Beats und dergleichen. Stattdessen gibt es verschwurbelte Chöre, absurde Temposchwankungen, plötzlich einsetzenden Breakbeat-Krach, Harfenähnliches, unheilvolles Kirchenorgeldröhnen, angeblich sagenhaft ungerade Taktarten, nun ja und Björks Stimme, die wie eh und je flüstert, jubiliert, kräht und mit björktypischen Grammatik-, Aussprache- und Wort-Neuschöpfungen zum Schmunzeln bringt. In nur drei Songs krachen Beats in relevantem Maß herein, sonst spielt sich das Geschehen meist in sehr spärlicher, oft dissonanter, aber auch bisweilen äußerst lieblicher Klangkulisse ab.
Der erste Eindruck ist ein leises, aber bestimmtes "Äh..." ... doch die ausgefuchste Eisprinzessin weiß schon, was sie tut. Beim dritten Anlauf merkt man, was für eine fulminante Single "Crystalline", was für ein wunderschöner Popsong "Virus" und wie sensationell unheimlich "Dark Matter" ist. Und wie sie mit "Cosmonogy" einen der musikalisch wie textlich banalsten Björk-Songs aller Zeiten in das Merkwürdium "Biophilia" eingeschmuggelt hat. Mal sehen, wie das Ganze nach zehn Durchläufen so ist.
Aber "das erste App-Album der Musikgeschichte" ... also ich muss schon sagen. Was für ein Schmarrn. Es wäre nun an Helge Schneider, das "erste Twitter-Album" zu veröffentlichen. Es besteht nur aus Textzeilen wie "Saft ist leckerererer als Nektar, Nektar böser Nektar" und einem Hinweis auf die Tonart. Es-Dur natürlich. (cf)

Future Islands – On the Water
Thrill Jockey / Rough Trade

Alles beim alten auf dem neuen Album. Die Future Islands spielen noch immer träumerischen Indie-Wave in ihrer eigenen, unverwechselbaren Art. Hauptmerkmal war und ist dabei die Stimme von Sam Herring, die kratzt sich auch weiterhin schmeichelnd um die Synthieflächen und E-Drum Beats. Wer „In Evening Air“ mochte, wird auch bei „On The Water“ an Bord bleiben. (ap)

UKO – The Sista Sadie Life Show
UKOfm Rec.

Die österreichische Handschrift ist hier unverkennbar. Aus dem Umfeld von Klein Records, ergo auch den Sofa Surfers, können und wollen sich UKO nicht wegleugnen. Wieso auch, hier ist früher viel Großes entstanden. Schwerpunkt der Aussage liegt hier auf „früher“. Früher hätte diese gelungene Kombination aus HipHop, Big Beat und Soulsprengseln mit Tania Saedi als herausragender Sängerin sicher besser funktioniert. (ap)

Pop Will Eat Itself – New Noise Designed By A Sadist
Cooking Vinyl/ Indigo

Es gibt was zu feiern bei Pop Will Eat Itself. Das 25 jährige Jubiläum steht an und der ehemalige Hauptsongwriter Graham Crabb hat zur Band zurückgefunden. Vielleicht feiert man auch, dass man endlich passende Albumtitel gefunden hat. Wer dieses ausgelutschte 90er Industrial Rock Album veröffentlicht, muss einen Hang zum Sadismus haben. (ap)

Feist - Metals
Polydor (Universal)

Es ist kaum viel zu Feists neuem Longplayer zu sagen, die meisten wissen es ohnehin schon und viele ahnten es: Es ist großartig. Es funktioniert beim ersten Durchhören schon dermaßen gut, dass man fast Angst bekommt, es könnte sich abnutzen. Und "Caught A Long Wind" ist vermutlich ihr bisher bester Song. Die Mädels namens "Boy" sollten schleunigst schauen, dass ihnen etwas eigenes einfällt. Leslie Feist war lange Zeit weg, aber der Musikliebhaber wartet doch lieber ein bisschen auf das Original, als sich mit einem Klon abzufinden. (cf)

Peter Gabriel - New Blood
Real World Productions (EMI)

Wer meint, dass Lady Gaga ihre Bühnenoutfits nur bei Roisin Murphy (Ex-Moloko) abgeschaut hat, dem sei dringend geraten, sich einmal einige der raren Videos der frühen Genesis der 70er-Jahre reinzuziehen, in denen der junge, schüchterne Peter Gabriel im Sonnenblumenkostüm auftrat oder als mit lauter hässlichen Warzen überzogenes Etwas aus einem gigantischen Penis entsprang ("The Colony Of Slippermen"). Für Theatralik hatte der notorisch langsame Gabriel - 7 reguläre Studioalben in 33 Jahren - immer schon viel übrig. Fast schon zwingend also, dass er nun ein Album voller orchestraler Versionen von Songs aus seiner gesamten Solokarriere veröffentlicht. Und dem Himmel sei Dank - er stürzt sich mit Inbrunst auf hauptsächlich unbekanntes Material, wie das opulente "The Rhythm Of The Heat" oder das völlig zu Unrecht im musikalischen Kollektivgedächtnis nicht gespeicherte "San Jacinto". Selbst eine relativ abgenudelte Wumms-Pop-Nummer wie "Red Rain" durchpflügt ein sichtlich gutgelaunter Peter Gabriel mit einer Stimmwucht, die man lange nicht mehr von ihm gehört hat. "Downside Up" und das unvermeidliche "Solsbury Hill" hätte er lieber weglassen sollen, auch "Mercy Street" und "Digging In The Dirt" erscheinen eher halbgar und als Orchesterversionen überflüssig im Vergleich zu den herrlich monströsen "Intruder" und "Darkness" - im letzteren erlaubt sich Gabriel eine kleine Hommage an Tom Waits. Im Großen und Ganzen ist "New Blood" aber ein sehr gutes Argument für das uralthergebrachte Sinfonieorchester als ausgezeichneter Klangkörper. Und für Peter Gabriel als einen der größten Songschreiber und Sänger des 20. Jahrhunderts. Wer das nicht glaubt, soll sich mal bei Hot Chip, Vampire Weekend und Elbow erkundigen. (cf)

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