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MUSIK

Gehört: Bodi Bill // Attwenger // Ja, Panik // Bell X1
Sonntag, 8. Mai 2011
Warum braucht man eigentlich Rezensionen? Fragt sich unsere Musikredaktion am Ende vom neuen Ja, Panik Album auch. Davor, dazwischen und danach darf man aber schon auch Lobendes loswerden, oder?

Ja, Panik - DMD KIU LIDT
Staatsakt
Ganz schön schwer, der Hülle und Fülle an höchst intellektuellen Rezensenten noch einen drauf zu setzten, die die Wahlberliner aus dem Burgenland bis zur allerletzten Silbe auseinander bröseln, wie sie es nicht mal mit dem vier Tage alten Marmorkuchen machen den sie neulich irgendwo hinter ihrem Brotkorb entdeckt haben. Da könnte einem schon angst und bange werden, wa? Beginnt bei „Germanaustriaenglisch“ und endet (exemplarisch) auf Seite 93 im Fremdwörterduden, die dann damit man nicht selbst jedes Mal nachschlagen muss, auf „musikalisch-intertextueller Autorenpop im Bandformat“ reduziert wird. Dabei machen die doch einfach nur Musik. Ernste Musik. Nein, ernsthafte Musik. Mit kopflastigen Texten. Tollen kopflastigen Texten. Andreas Spechtl hegt und pflegt sein Image wie kein Zweiter. Abgesehen davon, dass alleine der Albumtitel eine kulturwissenschaftliche Steilvorlage sein kann. Musikalisch können es Ja, Panik eh in unnachahmlich. Auch hier. Der Punkt ist hier ein anderer: Überlegen wir bitte mal wie das damals im Kunstgrundkurs war. Man ging ins Museum und sah sich Bilder an. Manchmal gefielen sie einem mehr, manchmal weniger. Aber man machte sich seinen eigenen, unvoreingenommen, man möchte sagen, simplen Eindruck. Dann kam der Lehrer. Und begann damit das Bild auseinander zu bröseln. Wie den oben genannten Marmorkuchen. Die Abneigung stieg. Gegen den Lehrer, das Bild und die Sache an sich. Man war schon wieder entjungfert worden. Gegen seinen Willen. Dabei wollte man doch nur da stehen und schauen. Also: Macht euch doch einfach euren eigenen Eindruck. F**k, wozu gibt es eigentlich Rezensionen? (dl)

Bell X1 - Bloodless Coup
Yep Roc
Alle machen Elektro. Alle machen 80er. Es ist unfassbar langweilig. Und nun kommt meine Liebling-Band aus Irland und macht da auch mit bei diesem elenden Jahrzehnte-Durchmachen-Retro-Wahnsinn. Gottseidank klingen sie dabei streckenweise wie die Talking Heads ("4 Minute Mile"). Und die Samples, Synthies und Loops haben über weite Strecken des Albums den Charme einer kostenlosen Internet-Soundbank, was schon wieder lustig ist und sich erstaunlicherweise gut ergänzt mit den echten Drums, die fast in jedem Song sehr effektiv in den Mix hereinbrechen als man schon dachte das wird jetzt dröge Elektro-Low-Budget-Ware. Nur "Safer Than Love" bewegt sich ausschließlich auf Synthie-Terrain und ein bisschen weh tut es auch. Aber es zwinkert einem auch irgendwie so lustig zu. Mit dem Opener "Hey Anna Lena" haben die Herrschaften es auch wieder einmal geschafft, einen perfekten Song abzuliefern. Und die Texte sind gewohnt hirnverknotend ("The Trailing Skirts Of God"). Und Paul Noonans Stimme schlittert wieder stilsicher an der Grenze zum Süßlichen entlang. Die Brillianz und der Breitwandtriumph der Großtaten auf dem vorletzten Werk "Flock" (2006), insbesondere der mindestens Jahrzehnt-Songs "Bad Skin Day" und "Rocky Took A Lover", blitzt hier in kleinerem Maßstab auf. Die Arrangements scheinen hier das Songwriting zu übervorteilen. Aber es ist schön zu sehen und zu hören dass Bell X1 dranbleiben. In Irland sind sie die zweitgrößte einheimische Band nach U2. In Deutschland füllen sie den 59:1-Club in München. Halbwegs. Das ist weder gerecht noch angemessen. (cf)

Bodi Bill - What?
Sinnbus
Das dritte Album des gefeierten Berliner Trios beginnt ruhig. Indieske Akkordstrukturen gehen in einem „the sun cames out today“ auf; ein Textauszug, der zu einem der - soviel sei vorweg genommen - besten Songs der Platte ein prächtiges Kopfkino-Panorama abgibt. Es folgt der kleine große Discohit „Brand New Carpet“, der die stilistische Entdeckungsreise der Band deutlich um den Oberbegriff Electropop anreichert, ohne ins Kitschige abzudriften, wie es manch andere Band dieser Tage vormacht. Stichwort Eurodance. Davon sind Bodi Bill kilometerweit entfernt, keine Sorge. Trotzdem werfen sie bei den Arrangements mehr Pop ins Rennen wie früher. Die düsteren, späherischen Sounds, die man kennt, bilden weiterhin ein Fundament auf dem viel passiert, mehr passiert als auf „No More Wars“ und „Next Time“. Hier klingt die lange minimale Tanznacht durch („Pyramiding“), da prächtig umgesetzte Weird Folk-Anleihen („Garden Dress“), dort gebrochene Post-Electronika Beats mit geballten Backroundchören („Hotel“). Was bleibt, ist die Lust sich das nach einem Durchlauf gleich noch mal zu geben. Und die Suche nach einem echten Kritikansatz. Aber was soll man schon kritisieren, wenn eine Band einfach gut ist? Dass sie immer erfolgreicher wird? Blanker Unsinn! (dl)

Attwenger - Flux
Trikont
Wer das Duo aus Linz schon mal live gesehen hat, weiß dass das geht wie Schmitts Katze. Besser: Nachbars Lumpi. Da muss man nicht mal aus Österreich kommen, um das zu wissen. Geschweige denn, dass man irgendwas davon versteht. Entsprechend wippt man beim Opener „shakin my brain“ des inzwischen elften Langspielers von Attwenger schon kräftig mit, bevor man von einem mit ironisch angehauchter Hingabe dargebotenem „ain´t no sunshine when she´s gone“ - Intermezzo aus seiner ich-versteh-ja-eh-nix-Lethargie aufgeweckt wird. Eben. Mitwippen wäre zu wenig. Und mal ehrlich: Man kann schon verstehen wenn man will. So halbwegs. In bewährter Manier ziehen Markus Binder und Hans-Peter Falkner Mundart, Folklore, Punk, HipHop, Elektro und Pop durch den hauseigenen Reißwolf. Mehr gibt es dem eigentlich nicht hinzuzufügen, außer dass auch der Skeptiker wieder Futter finden wird auf „Flux“, was wiederum die Anhängerschar minus-stört. Also gar nicht. Alles weiter dann bitte in live und Party. Mit hinhören! Abundzu! (dl)

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