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MAGAZIN

# 65
Mittwoch, 1. September 2010
VORWORT

An einem dieser heißen Tage im Sommer war ich nach langer Zeit wieder mit meinem Frisbee und zwei Freunden unterwegs, um der Stadt zu zeigen, was Profis mit so einer Scheibe so alles anstellen können.
Nach ein paar missglückten Würfen am Anfang kehrte die Erinnerung langsam wieder zurück und wir hechteten und tänzelten über den Rasen, dass den Göttern Freudentränen in die Augen steigen mussten. Die versammelten Parkbesucher klatschten und eine Handvoll Oben-ohne-Sonnerinnen wollten unsere Telefonnummern. Nach einer Stunde Höchstleistungssport kam ein älteres Paar – er am Stock, sie am Rollator – vorbeigeschlurft. Sie sahen uns vom Weg aus zu und tuschelten sich mit zahnlosem Grinsen etwas zu. Der Mann kam mit der freien Hand winkend auf mich zu und rief: „Yo Homeboy, is das alles, was ihr Lahmbacken drauf habt? Flick mal rüber, die Scheibe!“ Meine Freunde standen zu weit weg, als dass sie ihn hätten hören können, aber ich hatte den Mann glasklar verstanden. Er hatte tatsächlich „Homeboy“ gesagt. Und „Lahmbacken“. Ich antwortete: „Entschuldigen Sie, aber ich fürchte, ich habe Sie nicht ganz verstanden, möchten Sie sich das Frisbee mal genauer ansehen?“ „Drool nicht rum, Alter, ganz easy rüberwerfen das Ding, kann ja nicht so schwer sein.“ Er drehte sich zu der alten Frau um. „Gott, sind die Teenies schwer von Begriff, ich brech gleich ...“ Jetzt fühlte ich mich doch leicht beleidigt und meinte, „da müssen Sie es sich schon holen, am Ende treffe ich Sie am Kopf und muss dann mein Leben lang Rente an Ihre Frau da zahlen“, während ich ihm das Frisbee hinhielt. Der Alte sah nochmal kurz zu seiner Rollatorqueen, zuckte mit den Schultern und sah mich wieder an. Unvermittelt fing er an, auf mich zu zu rennen, sprang etwa drei Meter vor mir in die Luft und flog, seinen Stock auf mich gerichtet, in meine Richtung. Das passierte so schnell und überraschend, dass ich mich keinen Zentimeter bewegte, er mich mit dem Stock voll im Magen erwischte und mir kurz vor seiner Landung das Frisbee aus der Hand riss. Ich taumelte kurz rückwärts, blieb stehen und sah meine Freunde ebenso reglos wie mich dastehen. Der Alte fing derweil an, die unglaublichsten Tricks aufzuführen, die ich jemals gesehen habe. Er balancierte im einarmigen Handstand auf seinem Stock, machte Vorwärts- und Rückwärtssalti, tänzelte behände im Kreis und immer rotierte das Frisbee auf seinem gichtgekrümmten Zeigefinger. Ich stand immer noch wie festgefroren da und konnte nicht glauben, was ich zu sehen bekam, als der Alte aus dem Stand fast zwei Meter in die Luft sprang, die Arme ausbreitete und im Spagat auf der Wiese landete. Dann zog er sich ohne die Zuhilfenahme seiner Hände hoch, zwinkerte mir zu und sagte: „70 ist das neue 30, alles klar, Alter?“ Dann warf er mir mit einer unangekündigten Vorhand das Frisbee voll an den Kopf, ging zu seiner grinsenden Frau und trottete mit ihr davon. Ich rieb mir den Kopf und kam mir so alt vor wie noch nie in meinem Leben.

Traut keinem über 40!
Euer Thomas

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