|
# 64 |
|
Dienstag, 1. Juni 2010 |
VORWORT
Ich habe ein halbes Jahr in Perth, Westaustralien verbracht. Als ich dort ankam, stand gerade der Frühling bevor. Nachdem Perth direkt unter dem Ozonloch liegt, habe ich vorsorglich zwei Sonnenbrillen mitgenommen
Eine Brille der heimischen Marke Funk – man ist ja Lokalpatriot – in einem leichten Grün, das zum oberen Glasrand in ein bräunliches Aubergine übergeht. Die Brille sieht aus wie eine Schweißerbrille und ich trage sie unheimlich gerne. Die andere Brille habe ich auf meiner Lieblingsmittelmeerinsel Malta gekauft. Eine billige Polaroid, mit der ich aussehe, wie der, der im Pornofilm den Piloten spielt. Zwei Brillen also. Eine für die leichte Sonne, eine für die stärkere – eine einfache Rechnung.
Dann begann in Perth der meteorologische Frühling. Als ich am Morgen die Vorhänge zur Seite zog, wurden mir beim Blick aus dem Fenster auf einen Schlag zwei Dinge klar: Erstens, bereits der Perther Standard-Frühling übertrifft in seiner Intensität den Münchner Sommer von 2003 bei Weitem. Zweitens, meine zwei Sonnenbrillen konnte ich auf der Stelle wegschmeißen. Taugten dort nichts. Das Licht hatte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem ungeblockten Bündel aus grellen Strahlen verändert. Alles, was zuvor noch sattgrün war, war innerhalb kürzester Zeit verdörrt. Man konnte direkt zusehen, wie das Gras zum Abend hin braun wurde. Egal, ob ich im Schatten stand, eine Schirmmütze anhatte oder dunkle Oberflächen fixierte, ich musste meine Augen zusammenkneifen und stark blinzeln. Wenn ich die Funk trug, war es, als hätte ich klares Fensterglas vor den Augen. Ich musste, da sie nach oben hin stärker getönt ist, mit auf die Brust gedrücktem Kinn herumlaufen, die Augen nach oben gerollt, um geradeaus zu sehen. Die dunklere Brille machte zwar durchaus Schatten, jedoch waren ihre Gläser so klein, dass grelles Licht von allen Seiten hereinschien und der Kontrast Kopfschmerzen bereitete.
Ich war daraufhin in einem Sonnenbrillengeschäft um aufzurüsten. Es gibt, habe ich dort gelernt, unterschiedliche Sonnenschutzkategorien. Kategorie 1 hält leichte Sonnenstrahlen ab, sie filtert das einfallende Licht um 30 %. Solche Brillen sind in Perth für die Nacht ideal geeignet. Brillen der Kategorie 2 filtern schädliche Strahlen zu 70 %, während Kategorie 3-Brillen 100 %igen Schutz dagegen bieten. Und dann gibt es noch die Kategorie 3+. Brillen dieser Kategorie filtern ebenso zu 100 %, zusätzlich reflektieren sie aber auch noch besonders schädliche Extrastrahlen (fragt mich nicht). Diese Brillen laufen nicht mehr unter der Bezeichnung Sonnenbrille, sondern unter Körperschutz. Nordkoreas Kim Jong-il trägt so eine Brille, wenn er seine Atombomben testet. Raumfahrer tragen sie, während sie auf Weltraumspaziergängen der Strahlung im All ausgesetzt sind. Für Perth sollten sie also genau richtig sein.
Ich besitze seither also eine Brille, die mein Augenlicht heil durch den Perther Sommer gebracht hat. Und für den Fall eines Atomkriegs weiß ich wenigstens schon mal, welche Brille ich tragen werde. Kürzlich habe ich sie wieder herausgekramt und geputzt. Ich habe da nämlich so ein Gefühl, dass der Sommer unheimlich heiß wird. Ein 3+ Sommer vielleicht.
Und nur für den Fall, ich bin vorbereitet.
Einen heißen Sommer wünscht
Euer Thomas
Download :: PDF :: 11 MB |