curt im Gespräch: Am 24. März spielten Laura-Mary Carter und ihr Schlagzeuger Steven Ansell ihren lauten Rock-Punk-Pop im Backstage. curt sprach mit dem Duo im Vorfeld ... Hier geht's zum Interview
Unverbraucht und feurig
Als ich zum ersten Mal den Bandnamen „Blood Red Shoes“ hörte, wurde ich an einen alten Film erinnert. Es ist ein Drama mit dem Titel „Die roten Schuhe“. Ein Mädchen kann nicht mehr aufhören zu tanzen. Sie trägt rote Schuhe und tanzt bis ihre Füße blutig sind. Nach dem Gespräch mit Steven Ansell, dem einen Bandmitglied der Blood Red Shoes, ist mir klar, warum dieser Name so gut passt. Seine unverbrauchte Sichtweise auf das Musikerdasein ist sehr erfrischend. Er und Laura-Mary Carter sind unermüdlich und nahezu zwanghaft in dem was sie tun. Auch der Titel ihres aktuellen Albums „Fire Like This“ spiegelt die Energie und Besessenheit der beiden wider. Ihre Leidenschaft könnt Ihr auf der anstehenden Bühnentour selbst spüren.
curt: Steven, Du und Laura-Mary, ihr seid jung und seht gut aus. Gute Voraussetzungen für Erfolg in der heutigen Musikindustrie. Interessiert Euch Mode?
Steven: Nein (lacht), Laura-Mary interessiert sich dafür. Wir sind sozusagen der reinste Gegensatz. Ist das nicht lustig? Für mich ist Mode etwas nicht wirklich Fassbares. Die Models, die auf dem Laufsteg herumstolzieren, ist etwas, das mit dem richtigen Leben nur wenig zu tun hat. Dadurch, dass ich eher von einem Punk Hintergrund komme, hat mich die käufliche Mode nie wirklich interessiert. Es macht mir viel mehr Spaß, etwas total Schräges auszuprobieren.
curt: Aber Du bist erst 25 Jahre alt! Woher kommt der Punk in Dir?
Steven: Ich rede nicht von der Punk-Ära von 1977. Für mich ist Jazz zu einer bestimmten Zeit gleichzusetzen mit Punk. Ich verbinde damit ein Lebensgefühl. Wenn du dich für eine Lebensweise entscheidest, auch wenn es bei den normalen Leuten auf Widerstand stößt. Als Teenager hat mich Musik angemacht, die aggressiv war und sich mit bestimmten Themen auseinandersetzte. Ich wollte nicht konventionell, sondern individuell und rebellisch sein. Teenager auf der ganzen Welt können sich damit identifizieren. Deshalb interessierten mich britische Punkbands. Später entdeckte ich amerikanische Gruppen wie Fugazi, die viel mehr Wert auf ihre Texte legten. Deren Idee von Widerstand und einem freien Leben faszinierte mich schon immer.
curt: Ist deshalb die Musik von Blood Red Shoes so aggressiv oder seid ihr es selbst?
Steven: Vermutlich kann jemand, der innerlich total ruhig ist, mit aggressiver Musik nichts anfangen. Etwas muss in Dir sein, das Dich damit verbindet. Vielleicht sind wir tatsächlich aggressive Leute. Auf jeden Fall aber sind wir unzufrieden. Wir nörgeln täglich und diskutieren über Dinge, die uns nicht passen. Das fließt in unsere Musik mit ein.
curt: Aber in Brighton ist das Leben doch so schön!?
Steven: (lacht) Nur weil wir in einer angenehmen und künstlerischen Atmosphäre leben, heißt das nicht, dass wir den Schwerpunkt unserer Musik, nämlich etwas aufzuarbeiten und auszudrücken, verloren haben. Wir könnten uns nicht hinsetzten und einen netten Popsong darüber schreiben, wie schön die Sonne doch scheint. Das ist zu einfach. Ich fühle mich in Brighton viel wohler als früher in dem Dorf, woher ich komme. Erst jetzt kann ich viel deutlicher ausdrücken was ich will, weil ich die Freiheit dazu habe.
curt: Erzähl doch mal, woher Ihr kommt - Laura-Mary und Du. Wie war es dort aufzuwachsen?
Steven: Laura-Mary wurde in London geboren und ist dort auch aufgewachsen. Sie zog viel herum. Ich dagegen komme aus einer schrecklichen Kleinstadt, 20 Meilen von Brighton entfernt. Dort läuft alles immer gleich ab. Das typische englische Kaff, in dem jeder von “9 to 5” arbeitet, ein Häuschen hat, die Kinder gehen zur Schule und dann aufs College, ein ewiger Kreislauf. Als ich damals herumerzählte, dass ich in einer Rock’n’Roll Band sein und ein freies Leben führen würde, lachten mich alle aus und wollten mir all meine Ambitionen absprechen. Sie sagten: Mach die Schule fertig und bewirb dich um einen Bürojob! Mach was Normales!
curt: Wie ging das dann mit der Musik bei Dir los?
Steven: Glücklicherweise hörten meine Eltern immer viel Musik und haben mich dadurch schon früh beeinflusst und konditioniert. Als ich um die acht Jahre alt war, hörten wir Bruce Springsteen, Tom Petty und sogar Michael Jackson. Ich machte die Schule fertig, studierte aber nicht, auch nicht Musik. Als ich um die elf Jahre alt war, habe ich meine Eltern angebettelt Klavierstunden zu bekommen. Zwei Jahre hat das angedauert, dann wurde mir langweilig. Ich wollte die Musik, die ich hörte, auch spielen können. Doch Sex Pistols oder Black Sabbath Songs auf dem Klavier? Ich lernte also Gitarre, doch auch das war’s nicht. Schließlich kam ich zum Schlagzeug und da fühlte ich mich dann zuhause. Ab da war mein Weg vorherbestimmt. Mit 17 zog ich von zuhause aus und ging nach Brighton.
curt: Wieso ausgerechnet Brighton?
Steven: In Brighton gibt es eine super interessante Musikszene. Bands aus aller Herren Länder kommen hierher. Hier habe ich Fugazi und Mogwai gesehen. Es gibt unzählige Plattenläden, in denen man die abstrusesten Sachen bekommt.
curt: Was liebst Du an dieser Stadt am meisten?
Steven: Diese Stadt ist generell der Musik- und Kunstszene gegenüber sehr aufgeschlossen. Unkonventionelle Dinge finden hier eine Heimat. Hier leben Filmemacher, Schriftsteller und Maler. Die Akzeptanz gegenüber kreativen Leuten ist viel höher als dort, wo ich herkomme oder vergleichsweise in anderen englischen Städten. Ich fühle mich hier wohl, weil ich als Zugezogener nicht verurteilt werde. Hier kann jeder sein Leben führen, wie es ihm passt.
curt: Interessiert Dich Kunst?
Steven: Eigentlich nicht, weil ich keine Zeit habe. Aber Laura-Mary interessiert sich nach wie vor dafür. Sie hat früher Kunst studiert. Doch als wir einen Plattenvertrag bekamen, hat sie aufgehört. Ich selbst interessiere mich für experimentelle Musik und gehe zu Musikveranstaltungen, die außergewöhnlich sind. Es gibt ein sehr gutes Experimentalkino mit abgefahrenen Film- und Soundprojekten oder auch Multimediashows.
curt: Gibt es etwas, das Du an Deinem Land auszusetzen hast?
Steven: Um Gottes Willen! Mein Land? Wo soll ich anfangen? Ich hasse es, wie verklemmt die Engländer sind. Ihre typische Einstellung den Mund zu halten und einfach devot die Arbeit zu machen, das nervt mich. Sie sitzen herum, fühlen sich mies und reden nicht darüber. Die Engländer unterdrücken ihre Gefühle. Das beeinflusst die Kunst und die Musik, was auch gut so ist. Auch unsere Regierung ist unterentwickelt, wie in so vielen westlichen Ländern. Alles dreht sich um Profit und nicht um die Bürger.
curt: Wo auf der Welt würdest Du dann gerne leben?
Steven: Ich denke, dass das Leben in Cuba fantastisch ist, aber sicherlich gibt es auch dort Probleme. Für mich gibt es nicht das gelobte und perfekte Land. Alleine das schon macht mich wütend.
curt: Keine Stadt, die Dir auf Eueren unzähligen Konzerten gefallen hat?
Steven: Berlin hat Laura und mir sehr gefallen. Dort würden wir gerne für ein paar Monate leben. Diese Stadt ist etwas ganz besonderes. Wir fühlen uns dort heimisch. Vielleicht können wir nach der Tour umsiedeln. Wir wollen dort musikalisch neue Sachen ausprobieren. Die Atmosphäre dort ist großartig und das soll unsere Musik positiv beeinflussen.
curt: Hast Du musikalische Vorbilder?
Steven: Es gibt tatsächlich Leute, die ich bewundere und vor denen ich großen Respekt habe. Zum Beispiel Ian MacKaye von Fugazi, der nie ein Blatt vor den Mund nahm. Ich liebe PJ Harvey und ihr gesamtes Arrangement als Künstlerin beeindruckt mich sehr.
curt: Auf Euerer offiziellen Website ist auf der Startseite ein Foto, das zur einen Hälfte Dich und zur anderen Laura-Mary zeigt. Seid Ihr ein Paar?
Steven: Beim ersten Album wurden wir das ununterbrochen gefragt. Wir sind eine Band und haben unser Leben der Band verschrieben, selbst wenn wir nicht auf Tour sind oder im Studio neue Songs aufnehmen. In unserer Freundschaft stehen wir uns so nahe, dass es näher nicht geht. Wir machen fast alles zusammen. Das ist vermutlich bei allen Bands der Fall.
curt: Was wenn die Blood Red Shoes scheitern? Habt Ihr eine Alternative?
Steven: Wir waren vorher schon in Bands und werden es vermutlich immer sein, weil wir den Zwang dazu verspüren. Sollte ich jemals einen Job machen müssen, um zu überleben, so würde ich immer versuchen, so viel Zeit wie möglich mit Musik machen zu verbringen. Ich würde versuchen als Tourmanager oder sogar als Stage Hand zu arbeiten, einfach um in diesem Umfeld zu bleiben.
curt: Wie wichtig ist das Internet für Blood Red Shoes?
Steven: Wir kommen aus der Generation, wo es ganz normal ist, mit dem Internet zu leben. Die Hälfte der Musik, die mich fasziniert, habe ich im Netzt gefunden und auch uns als Band hat das Internet sehr viel geholfen. Es ist ein nützliches Marketing Instrument, um die Leute zu unseren Konzerten zu bringen. Aber wir sind nun mal eine Live Band und was uns am Leben erhält, das sind unsere Live Shows. Wir haben inzwischen an die 500 Shows gespielt. Wir wollen um die Welt reisen und unsere Musik machen. Erst wenn Du uns auf der Bühne siehst, dann wird Dir klar, wer wir wirklich sind – die Blood Red Shoes!
curt: Kümmert ihr Euch selbst um Euere Website und um myspace?
Steven: Immer wenn wir etwas nach außen geben, gefällt es uns nicht. Wir kümmern uns lieber selbst um alles, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Ich verbringe viele Stunden am Computer, was sehr ermüdend ist. Laura-Mary ist der kreative Teil von uns beiden. Sie entwirft die Plattencovers und sie hat sich auch überlegt, wie unsere Website aussehen soll. Sie macht die Entwürfe und das Design und ich setzte sie um und ich kümmere mich um die Funktionen. Wenn wir etwas nicht können, dann versuchen wir sofort die Fähigkeit zu erlangen, um selbst das umzusetzen, was wir uns vorstellen. Genauso verhält es sich mit unserem neuen Album. Wir haben jede Menge Equipment gekauft und uns selbst beigebracht wie alles funktioniert. Wir wissen nun viele genauer, wie ein Aufnahmestudio funktioniert. Insofern ist dieses Album viel eher, was wir als Blood Red Shoes wollen.
curt: The Blood Red Shoes bestehen aus Laury-Mary und Dir. Wie kommt dann Euer fetter, satter Sound zustande?
Steven: Das freut mich zu hören! (Freut sich) Ursprünglich war es nicht unser Plan zu zweit zu bleiben. Wir schrieben zusammen Songs und begannen die im Studio umzusetzen. Wir waren so voller Energie, dass wir einfach ohne zusätzliche Musiker weitermachten. Von Anfang an war es unser Ziel, einen so satten Sound hinzubekommen, wie die Bands, die wir mochten. Keine Tricks. Wir spielen so intensiv wie es nur geht und genauso klingt unser Album.
curt: Jetzt verstehe ich, warum Euer neues Album „Fire like this“ heißt!
Steven: Ja, wir haben sehr viel Energie, Leidenschaft und Aggressivität. Als wir das Album produzierten, hatten wir viele Ideen und Themen über die wir diskutierten. Wir schrieben sie auf und stellten fest, dass es viele textliche Parallelen zum Feuer gab. Wir lieben die Mystery-Serie „Twin Peaks“, in der das Feuer eine große Rolle spielt. Irgendwann hat es dann klick gemacht und so entstand der Titel.
curt: Dein Lieblingssong auf dem Album?
Steven: „When We Wake“. Dieser Song löst bei mir die meisten Emotionen aus. Musikalisch ist er für mich aufregend, weil wir noch nie zuvor so etwas, einen so langsamen Song, gemacht haben. Die anderen sind eher schnell und laut. Unser Ziel ist es, immer perfekter zu werden und immer noch bessere Songs zu schreiben. Wir sind davon besessen. Das ist auf dem neuen Album geradezu zu spüren.
curt: Womit können wir rechnen, wenn Ihr live spielt?
Steven: Wir werden eine Rock Show der ersten Klasse liefern. Keine weiteren Musiker, keine Spezialeffekte, keine Video Show – puren Rock’n Roll. Laura und ich werden unsere Instrumente so laut aufdrehen, wie es nur geht. Wir werden so intensiv wie möglich spielen. Unser Publikum soll total ausflippen. Wir wollen, dass unsere Energie auf die Menge überspringt!
Text: Angela Sandweger
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