Samstag Abend, Oktoberfest-Halbzeit. Ganz Bayern (und Italien?!) drängelt sich über Resis Wiesn und schiebt sich durch die Zelte. Für die Wenigen, die da nicht mitmachen wollten, gab's ne feine Alternative: Malcolm Middleton, schottischer Singer/Songwriter, live im 59:1. curt war da und hat sich ein bisschen mit ihm unterhalten.
Pünktlich um 20 Uhr zum Interviewtermin entscheidet sich der Drummer von Malcolm's Band zum Soundcheck und zerschmettert jede gesprochene Silbe im Umkreis von 100 Metern. Also ab in die Katakomben des 59:1. Gemütlich sitzen wir schließlich zwischen Heizungsrohren und brummenden Stromkästen, whatever. Zu Fragen gibt es viel. Diesen Sommer hat Malcolm sein fünftes Soloalbum seit dem Split seiner früheren Band Arab Strap veröffentlicht, und daraufhin angekündigt, dass es nun erst einmal vorbei sei. Etwas wortkarg und sichtlich erschöpft von der Tour, aber trotzdem gutmütig, hat Malcolm dann auch ein paar erleuchtende Antworten herausgestottert.
curt: Wie geht's dir? Wie läuft die Tour bis jetzt?
Malcolm: Ganz gut, wir haben auch schon fast die Hälfte geschafft, also zwei Wochen. Es macht Spass bis jetzt, die Bühnen waren super bis jetzt, und die Leute alle nett.
curt: Was ist dir persönlich lieber? Live spielen oder zuhause Songs schreiben und ins Studio gehen?
Malcolm: Zuhause sein und Songs schreiben ist mir auf jeden Fall lieber, noch mehr als ins Studio zu gehen. Und zwar deswegen, weil es der fundamentale Teil der Arbeit ist, die Grundlage für Songs zu schaffen. Und außerdem die kreative Seite des Ganzen. Manchmal macht mir touren auc h Spass, aber wenn ich gefragt werde während ich auf Tour bin...nach einem langen, harten Tag würde ich sagen, dass ich es hasse. Was mir beim Auftreten aber trotzdem viel bedeutet ist, dass es darum geht, den Leuten die Songs zu präsentieren und nahezubringen. Alles in allem schreibe ich aber lieber Songs und führe ein ruhiges Leben.
curt: Du hast ja vor kurzem verkündet, dass du eine Pause einlegen wirst. Hast du den Eindruck, dass deswegen mehr Leute zu deinen aktuellen Konzerten kommen?
Malcolm: Hm, nein, es sind nicht mehr Leute da. Aber ich höre ja nicht auf, ich werde nur für einige Jahre keine weitere Soloplatte in dieser Form – also im Singer/Songwriter-Stil – machen.
Weißt du, die Platten haben ein ganz gutes Niveau, aber es kann nicht mehr besser werden. Auf jeden Fall ist es schön zu sehen, dass die Leute wegen der Musik kommen, und nicht wegen irgendwelcher Hypes oder Kuriositäten. Es ist auch definitiv nicht dass letzte Mal, dass man mich so sehen kann. Wir touren bis zum Ende des Jahres und ab Februar wieder. Mein Solomaterial wird auch Bestandteil der Liveshows bleiben. Lediglich eine neue Platte wird es nicht geben.
curt: Zu deinem aktuellen Album. Du hast gesagt, dass „Waxing Gibbous“ eine sehr Ich-bewusste Platte ist. Könntest du das genauer erklären?
Malcolm: Ich meinte damit, dass ich mir dessen bewusst bin, dass ich nun fünft Alben am Stück gemacht habe und dass die Songs, die ich Schreibe, nicht mehr so ungezwungen sind wie früher. Sie sind kein ehrlicher Ausdruck mehr. Weil ich zu sehr darauf achte, wie die Leute die Songs später hören, und ich glaube das beeinflusst die Art, wie ich Songs schreibe, auch wenn ich das nicht will. Ich habe das Gefühl, dass das Ganze zu sehr eine Art Karikatur geworden ist, und deswegen will ich für ein paar Jahre aufhören, solche Songs zu schreiben. Weil sie zu Verbrauchsartikeln geworden sind.
curt: Die Presse-Info zu deinem Album klang wie eine Erklärung oder Entschuldigung. Was ist passiert, was hat dich so frustriert?
Malcolm: Frustration...das klingt hart, ich wünschte, es hätte diese Presse-Info nie gegeben (grinst). Was mich ein bisschen frustriert hat, also die Ursache für das alles, war, dass ich das neue Album, also wir es fertig aufgenommen hatten, nicht mochte. Mir gefällt es jetzt ganz gut, aber damals gar nicht. Ich hatte nicht dieses Gefühl der Befriedigung, das Gefühl, etwas Positives gemacht und ein paar gute Songs geschrieben zu haben. Ich wunderte mich, warum das so war. Ich glaube es waren einfach zu viele Alben in zu kurzer Zeit. Ich brauche einfach eine Pause von dieser Art des Songwritings.
curt: Also hat es nichts mit irgendwelchen Problemen mit der Musikindustrie oder finanziellem Erfolg zu tun. Du fragst dich ja selbst auf ironische Weise: „Maybe I should try to sound more like James Blunt?“
Malcolm: Nicht wirklich. Ich hatte ja nie große Erwartungen was Plattenverkäufe angeht. Ich glaube, dass die Art Musik, die ich mache, nie den Mainstream erreichen kann, weil ich einfach Songs über ganz bestimmt Dinge schreibe. Das ist also nicht das Problem. Natürlich kotzt mich die Industrie an und ich bin sehr zynisch bei diesem Thema, aber ich mache mir eigentlich keine großen Gedanken darüber.
curt: Du hast angekündigt, dass du bald etwas Neues machen willst, vielleicht was Instrumentales. Kannst du mittlerweile schon mehr darüber sagen?
Malcolm: Oh ja, da stehen einige Dinge an. Zum einen habe ich eine Kollaboration mit Mira Calix, einer englischen Komponistin auf Warp Records, am laufen und wir werden eine Platte zusammen veröffentlichen. Außerdem plane ich ein Album zusammen mit dem Künstler David Shrigley, wobei ich die Musik machen und er die Texte schreiben wird. Dafür haben wir auch schon Demos aufgenommen. Dann sind also schonmal 2 Projekte. Daneben arbeite ich noch an einem instrumentalen Akustikgitarren-Album, fingerpicking stuff und so. Und eine neue Band will ich auch gründen, mal sehen was so kommt. Ich schätze im Frühling nächsten Jahres wird etwas davon bereits veröffentlicht werden.
curt: Was hältst du von aktuellen Veröffentlichungen? Gibt's was Besonderes, das du magst?
Malcolm: Ähm...Das ist mir jetzt ein bisschen peinlich, aber was Aktuelles fällt mir gerade nicht ein. Scheinbar gibt's da wohl nichts Gutes (lacht). Nee, Ich habe in letzter Zeit begonnen, mich durch die Klassiker zu arbeiten, wie Bob Dylan oder Patti Smith. Ich finde es schwer, aktuelle Musik zu mögen. Der Markt ist auch viel zu überfüllt damit, man kann sich ja nicht mehr orientieren. Ich mach das eher so, dass ich alle paar Tage in einen Plattenladen gehe, herumstöbere und mir das mitnehme, was mich irgendwie anspricht. Anders kann ich Musik nicht genießen.
curt: Gibt es etwas neben Musik, das dich inspiriert, wie Bücher oder Filme?
Malcolm: Also ich lese ziemlich viel, aber ich habe noch nie einen Song geschrieben, nachdem ich ein Buch gelesen oder einen Film gesehen habe. Ich mag Filme und Bücher eher zur Unterhaltung und zur Erholung, nicht als Inspirationsquelle. Vielleicht irgendwann mal. Aber eigentlich finde ich, dass wenn man Songs über Filme oder Bücher schreibt, dann sieht es so aus, als ob man nicht in der Lage ist, eigene Vorstellungen und Gedanken ausdrücken zu können.
curt: Spielst du gerne in Deutschland?
Malcolm: Oh ja, ich war auch schon unzählige Male hier. Ich mag Deutschland sehr und trete seit 1996 oder so eigentlich fast regelmäßig hier auf. Meine Freundin ist außerdem Deutsche, deshalb bin ich an Weihnachten, Ostern und im Sommer immer hier. Ich mag auch die deutsche Art und die Leute die zu den Gigs kommen. Die sind immer ziemlich aufgeweckt, haben Spaß und sind dem was ich mache gegenüber sehr aufgeschlossen, obwohl ich aus einem kleinen, weit entfernten Land komme. Und das Bier ist natürlich auch super (lacht).
curt: Und magst du München?
Malcolm: Puh, irgendwie hab ich nicht so viele Erinnerungen an München, obwohl ich sicher schon 6 oder 7 Mal hier war. Vielleicht sollte ich mir die Stadt mal in Ruhe anschauen. Normalerweise spielen wir ja mehr in Industriestädten oder mitten im Nirgendwo, und da gibt es meistens auch gar nichts anderes zu sehen.
curt: Wie geht's jetzt weiter auf der Tour. Auf was freust du dich?
Malcolm: Wir spielen noch 2 Gigs in Köln und Hamburg und dann gehts nach Skandinavien. Norwegen ist immer gut. Außerdem freue ich mich jetzt schon auf ein etwas kühleres Klima. Mir ist's in letzter Zeit echt ein bisschen zu heiß geworden, wir waren ja gerade in in Italien und der Schweiz.
curt: Verstehe. Dann wünsche ich dir noch eine schöne Tour und heute einen guten Auftritt. Aber noch die obligatorische Frage: Warst du schon auf dem Oktoberfest?
Malcolm: Danke, nett von dir. Nein, wir sind ja echt nur ganz kurz in München. Aber wenn du auf Tour bist, ist jeder Tag wie Oktoberfest. Zu viel Bier und zu viele Menschen um dich herum...
90 Minuten später betrat er dann mit seiner Band die Bühne und kündigte stilgerecht an: „Hello Munich. We've come to ruin Oktoberfest with depressing songs.“ Das hat natürlich niemanden gestört, und so spielten sich die Schotten ein bisschen lethargisch durch Malcolm's prallen Backkatalog, angereichert mit langen, dröhnenden Synthie- und Brummgitarren-Zwischenspielen. Kritisieren mag man da nicht viel, denn jeden Verspieler, jede Unsicherheit im Zusammenspiel wurde von dieser sympathischen Teddybären-Formation so gekonnt wie ungewollt mit dem nächsten Song wieder weggefegt. Schönes Ding. Cheers und bis zum nächsten Mal!
malcolmmiddleton.co.uk
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Aktuelles Album: "Waxing Gibbous" (Fulltime Hobby)

Text & Foto: Michael Döringer
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